Datum: 08.06.2012
Autor: Enrico Hanisch
Kommentare: 0
Tags: Blogosphäre, Gastbeitrag
Gastbeitrag
Eindrücke vom Autocamp in Leipzig
08.06.2012

Neben zahlreichen Produktneuheiten feierte am Rande der diesjährigen Auto Mobil International in Leipzig auch eine Veranstaltungsform Premiere, die in der deutschen Automobilindustrie ihresgleichen sucht: das Autocamp.

Neben zahlreichen Produktneuheiten feierte am Rande der diesjährigen Auto Mobil International in Leipzig auch eine Veranstaltungsform Premiere, die in der deutschen Automobilindustrie ihresgleichen sucht: das Autocamp. Es legt den Grundstein für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Bloggern und Automobilunternehmen in einer sich rasant verändernden Kommunikationswelt.

Autocamp Juni 2012

Organisator Thomas Gigold nutzte die Chance, am Rande der wichtigsten deutschen Automesse 2012 über ein Dutzend „Automobilisten“ an einen Tisch zu bringen. Die Runde bestehend aus Bloggern, Forenbetreibern, Mitarbeitern von Herstellern und Agenturen einte das Interesse am besseren Verständnis für die Bedürfnisse der jeweils anderen Seite. Im Mittelpunkt des lockeren, knapp dreistündigen Zusammentreffens standen Fragen nach den Erwartungen der Autoindustrie an die Kommunikation mit Bloggern und die Potenziale einer stärkeren Kooperation. Die Beteiligten nutzen die Zeit, um sich zu vernetzen, Wissen auszutauschen und Ideen für erste gemeinsame Projekte zu entwerfen: „Natürlich konnte nicht alles bis in letzte Detail besprochen werden, aber ich denke, dass jeder einen Denkanstoß mit nach Hause nehmen konnte“, so Blogger Jens Stratmann.

Rasch wurde in der Diskussion ein Hauptanliegen der versammelten Blogger deutlich: Offenheit und Transparenz dürfen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern müssen im persönlichen Austausch von den Kommunikatoren der Unternehmen gelebt werden: Blogger erwarten auf Unternehmensseite Ansprechpartner, die sowohl eine Social Media-Affinität mitbringen, als auch kompetent auf kritische Fragen zu Produkten und Technologien antworten können. Im Ergebnis steht und fällt der erfolgreiche Aufbau von Blogger-Relations maßgeblich mit den auf Unternehmensseite beteiligten Kommunikationsspezialisten.

Industrie-Vertreter stehen vor Herausforderung,  die Bedeutung der Blogger an den zahlreicher werdenden Schnittstellen automobiler Kommunikation richtig zu bewerten. „Hersteller profitieren davon, wenn möglichst viele Menschen authentisch über ihre Produkte berichten – falls diese Menschen dabei nicht in Verdacht geraten, ‚gekaufte Beiträge‘ zu verfassen“, umriss der Journalist und Blogger Benny Hiltscher  Mehrwerte, die Blogger und Social Media-Influencer für Industrieunternehmen bieten können. Als die Frage aufkam, wie man Blogger anspricht,  wurde es spannend: Es gibt zwar ein paar allgemeingültige Tipps, aber wichtig sei eine Differenzierung und gezielte Ansprache: „Blogger sind nicht gleich Blogger“, verdeutlichte Nicole Y. Männl, die unter auto-diva.de schreibt.

Die Vielstimmigkeit der Blogosphäre macht es Unternehmen schwieriger, die richtige Ansprache zu finden: Es gibt Berufsblogger, die mit dem Blog ihren Lebensunterhalt verdienen, und Freizeitblogger, die neben ihrem eigentlichen Beruf aus Leidenschaft für ein Thema oder eine Marke bloggen. Vor diesem Hintergrund verwies Jens Stratmann auf die Notwendigkeit, dass sich die Kommunikatoren auf Unternehmensseite im Vorfeld mit den Blogs beschäftigen und die Blogger dann entsprechend bedürfnisgerecht kontaktieren.

Auch in einem anderen Punkt wollen Blogger von Unternehmen Ernst genommen werden: „Das Übernehmen von Reisekosten sollte im Grunde für Unternehmen, die von den Beiträgen in der Blogosphäre und im Social Web profitieren wollen, selbstverständlich sein“, forderte Jens Stratmann. Das sei aber leider noch nicht immer der Fall. Das gewachsene Selbstbewusstsein von Bloggern unterstrich auch Nicole Y. Männl: „Blogger lassen sich nicht instrumentalisieren, was das plumpe Verbreiten und Seeden von „Virals“ oder Pressemeldungen angeht.“

Auch Audi habe bei den „Blogger-Relations“ 2012 den nächsten Gang eingelegt, erzählt Stephanie Höll, Social Media-Verantwortliche in der Audi-Kommunikation: „Im Mai  haben wir neben Journalisten erstmals 50 deutsche Automobil- und Technik-Blogger auf unsere Fahrveranstaltung nach Mallorca eingeladen, um den neuen Audi A3 zu testen.“ Im Ergebnis entstanden viele fundierte Blogbeiträge, die die massenmediale Berichterstattung zum neuen A3 ergänzen.

Aber es müssen nicht immer aufwändige Reisen zu Fahrveranstaltungen sein – wichtig ist Bloggern der Blick hinter die Kulissen der Automobilindustrie: Mit Formaten wie Google Hangouts, Skype-Calls oder Videoconferencing können Hersteller den Kontakt zu Bloggern pflegen und gezielt Informationen in der Blogosphäre streuen. Blogger wünschten sich diese Gelegenheiten, um Hintergrund-Infos durch Interviews und Gespräche mit Technikern und Experten der OEMS zu gewinnen, verdeutlicht Benny Hiltscher, im Hauptberuf Redakteur bei der „Auto Zeitung“: „Wofür sich Blogs besser eignen als Printmedien sind Nischenthemen oder Specials zu Hintergründen oder speziellen Produkteigenschaften, weil im Print oft kein Platz für wirklich detaillierte Ausführungen ist.“

Zudem könnten Blogger mit ihren detaillierten Kenntnissen der Social Web-Szene für Unternehmen wertvolle Berater sein, wenn es darum geht, die Chancen der sich wandelnden Kommunikationsformen im Internet zu nutzen: Das reicht vom Platzieren exklusiver Botschaften über die richtige Kommunikation in Internetforen bis hin zur optimalen Gestaltung von Facebook-Auftritten.

Nach engagierter Diskussion aller Beteiligten zog Organisator Thomas Gigold ein zwiespältiges Fazit: „Viele Unternehmen bekennen sich zunehmend zu Social Media, wirklich social sind sie noch nicht – sie scheuen den Kontakt zu Social Media-Enthusiasten und Bloggern noch etwas.“ Gleichzeitig würdigte er erste positive Tendenzen: „Es bewegt sich etwas und deshalb wird das erste BarCamp ‘für automobile Kommunikatoren’ sicherlich nicht das Letzte gewesen sein.”

Die ersten Schritte zu mehr gegenseitigem Wissen und Verständnis für die jeweiligen Bedürfnisse von Bloggern und Automobilproduzenten sind also gemacht. Und angesichts  weiter verschwimmender Grenzen zwischen Mainstream-Medien und “Bloggern“ haben Dialogforen wie das Autocamp durchaus das Potenzial, um die Beziehungen zwischen Herstellern und Bloggern auf eine neue Stufe zu heben.

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