Stefanie Lang
13.08.2012
Interview
Michael Schreckenberg über eine Metropole im Stau

Wie viele Megacitys versinkt auch São Paulo täglich im Stau. Im Rahmen der Audi Urban Future Initiative ist der deutsche Stauforscher Michael Schreckenberg nach Brasilien gereist, um vor Ort Lösungen für die Metropole zu erarbeiten.

São Paulo ist die größte Stadt und das wirtschaftliche Zentrum Brasiliens. 20 Millionen Menschen leben in der Metropolregion, auf den Straßen sind sieben Millionen Fahrzeuge täglich unterwegs. Das Ergebnis: Stau soweit das Auge reicht – bis zu 80 Kilometer in der Rush-Hour am Vormittag und nachmittags sogar 108 Kilometer. Im Rahmen der Audi Urban Future Initiative ist der deutsche Stauforscher Michael Schreckenberg nach São Paulo gereist, um gemeinsam mit dem dortigen Architekturbüro Urban Think Tank Lösungen für die Metropole zu erarbeiten.

Michael Schreckenberg bei der Arbeit: Stauforschung in São Paulo

Michael Schreckenberg bei der Arbeit: Stauforschung in São Paulo

Herr Schreckenberg, Sie kennen die Verkehrssysteme in Deutschland, waren als Verkehrsexperte in London und Los Angeles, Mexico und Moskau. Was ist in São Paulo anders?
São Paulo ist ein Sonderfall. Der komplette Fokus liegt auf dem Straßenverkehr, es gibt praktisch keinen Nahverkehr auf Schienen. Zwar gibt es viele öffentliche Busse, aber auch die fahren ja auf den Straßen. Das Straßennetz ist sehr dicht, allerdings auch weitgehend in einem sehr schlechten Zustand. Selbst mit einem Auto moderner Bauart ist man in vielen Fällen nicht in der Lage die erlaubte Geschwindigkeit zu fahren – selbst ohne Stau: Es gibt einfach zu viele Schlaglöcher. Eine besondere Rolle spielt zudem der Motorradverkehr, der sehr gewagt an der Grenze des nach Verkehrsregeln erlaubten ist: Die Rollerfahrer wechseln ständig die Spur und fahren im Stau im Zickzackkurs an den Autoschlangen vorbei – das ist in Deutschland verboten.

Was hat Sie positiv überrascht?
Der Zustand der Fahrzeuge ist trotz des relativ dichten und engen Verkehrs erstaunlich gut, was auf ein relativ kooperatives und diszipliniertes Verhalten schließen lässt. Die Leute versuchen sich mit der Situation zu arrangieren. Und das, obwohl sie zum Teil sehr große Entfernungen zurück legen müssen, die zur Hauptverkehrszeit locker mehrere Stunden dauern können.

Ein Blick auf die Überwachungskameras der städtischen Verkehrsgesellschaft

Ein Blick auf die Überwachungskameras der städtischen Verkehrsgesellschaft

Was für Lösungen sehen Sie für die Stadt?
Kurzfristig muss eine Lösung für die vielen Roller- und Motorradfahrer gefunden werden, gemeinsam mit der Bevölkerung. Außerdem ist ein zuverlässiges Verkehrsinformationssystem als Grundlage für ein Verkehrsmanagement nötig. Das scheint auch schon in Planung zu sein. Wichtig ist, dass die Verkehrsteilnehmer  Prognosen über die erwartete Fahrzeit bekommen: Wie lange brauchen sie von A nach B. Mittel- und langfristig ist ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs nötig, vor allem auf den Schienen. Das kostet aber Zeit und Geld. Verkehrsprobleme finanziell zu lösen, wie etwa durch eine City-Maut oder Mineralölsteuer, sehe ich kritisch. Das würde nur dazu führen, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit für Sie als Wissenschaftler mit der Automobilindustrie?
Sehr wichtig. Deutschland ist weltweit in der einmaligen Situation, dass zwischen den Automobilherstellern, dem Staat und der Wissenschaft eine enge Kooperation besteht. Die ermöglicht es, neben aktuellen Problemen, verstärkt über die mobilen Herausforderungen der Zukunft nachzudenken und technologische sowie verkehrsstrategische Lösungen zu erarbeiten. Ein Beispiel ist die Entwicklung der Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation, die innerhalb der nächsten zehn bis 20 Jahre erheblich an Bedeutung gewinnen wird.

Und was genau machen dabei Sie als Stauforscher?
Wir analysieren Staus und schauen uns dazu etwa das Schwarmverhalten von Tieren wie Fischen, Vögeln oder Ameiesen an: Wie bewegen sich große Schwärme flüssig fort? Dieses Verhalten haben die Tiere seit Jahrtausenden optimiert. Wir versuchen das für Fahrzeugflotten einzusetzen.

Weitere Informationen zur Audi Urban Future Initiative finden Sie im Internet unter www.audi-urban-future-initiative.com.


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