Agnes Happich
21.08.2012
Porträt
Das 1.600-Teile-Puzzle

In einem Oldtimer steckt oft viel Liebe und Arbeit. Audi Ingenieur Wolfgang Mielich restauriert bereits seit fast sieben Jahren Teil für Teil einen Lamborghini Espada Baujahr 1971. Wir haben ihn in seiner Werkstatt besucht.

Lamborghini Oldtimer

Wolfgang Mielich mit seinem Lamborghini Espada

Es riecht nach Öl, Autowachs und Gummi in der Garage von Wolfgang Mielich. Auf einem Rollwagen – einer Art OP-Tisch – liegen, fein säuberlich sortiert, Muttern, Schrauben, Dichtungen, Werkzeug, eine Zahnbürste. Das Herz des Patienten – ein imposanter Zwölf-Zylinder – ist bereit für die Operation.

Es ist eine Mammutaufgabe, die sich der Ingenieur gestellt hat. Tagsüber entwickelt er bei Audi Fahrerassistenzsysteme, in seiner Freizeit restauriert er Teil für Teil einen Lamborghini Espada Baujahr 1971. 2005 hat er das Auto gekauft, vieles lag damals im Argen. Die Zeit hatte eine deutliche Patina auf der alternden Schönheit hinterlassen. Die Bremsen waren kaputt, das machte die erste Fahrt im Espada zu einem echten Abenteuer.

Mielich begann seine Operation im Interieur. Die ersten drei Jahre widmete er ausschließlich der Fahrgastzelle des Autos. Er reinigte jedes Teil, kaufte ein neues altes Radio. Den Schaumstoff für die Sitze schnitt er selbst zu. Auf der Suche nach einem geeigneten Sattler reiste er bis nach Italien und traf Bruno Paratelli, der seit Anbeginn für Lamborghini gearbeitet hat. Die Sitze des Espada sind mit einem feinen Lochmuster versehen, die komplizierte Perforationstechnik beherrscht kaum noch jemand. Die Auftragsbücher des Italieners waren allerdings so voll, dass Mielich die Sitze erst nach Jahren bekommen hätte. Am Ende richtete es ein deutscher Sattler, der den italienischen Meister zum Staunen brachte.

Lamborghini Oldtimer

So könnte es sich anfühlen, wenn das Schmuckstück endlich fährt

„Man lernt mit jedem Teil neue Leute kennen, Fachleute und Sammler“, das gefällt Wolfgang Mielich so am Thema Oldtimer. Heute riecht es im Interieur des Lamborghini Espada wie in einem Neuwagen. Das kommt vom neuen tiefroten Teppich, vom schwarzen Leder der Sitze. In Summe wurden 14 „Rinderhälften“ in dem Fahrzeug verarbeitet. Der Stier auf dem Lenkrad glänzt wie am ersten Tag – meisterhaft. Die Etappe Interieur ist geschafft.

So ein Riesenprojekt erfordert Können, Liebe zum Detail und vor allem Durchhaltevermögen. Ingenieur Mielich ging durch Höhen und Tiefen mit dem Espada. An den Rand des Wahnsinns trieben ihn die elektrischen Fensterheber – eine Rarität in den beginnenden 70er Jahren. Der winzige Motor funktionierte nicht mehr, die Seilwinde musste neu justiert werden. Das Seil, das die Fenster hebt und senkt, verläuft in der Tür in undurchschaubaren Windungen – ein Geduldsspiel. Nach Tagen und mit dem Rat eines Fachmannes gelang es ihm, das Seil in die richtigen Bahnen zurückzulenken, und die Restaurierung konnte weitergehen.

Wolfgang Mielich hat schon immer viel und gerne geschraubt. Früher an Motorrädern, dann tunte er seine Autos. Heute schraubt er im Motorraum des silbernen Espada. Er weiß nicht mehr genau, wie viele Teile er schon aus- und wieder eingebaut hat. Einen Anhaltspunkt aber gibt es: Jedes Teil, das Mielich ausbaut, fotografiert er. Nach der Aufbereitung schießt er ein zweites Foto, das Nachher-Bild. Mittlerweile sind es 3.300 Fotos, das entspricht ungefähr 1.600 aus- und eingebauten Teilen.

Wenn alles gut geht, ist der Espada Ende des Jahres fertig. Nach sieben Jahren des Schraubens, Putzens und Fotografierens darf der keilförmige Sportwagen zurück auf die Straße. Und dann? „Dann kommt sicher das nächste Projekt“, sagt Wolfgang Mielich lächelnd.


3 Antworten auf Das 1.600-Teile-Puzzle

  1. WINMAN 28.08.2012 um 11:03 #

    wieder mal eine tolle Geschichte, allerdings hätte der Text Lust auf ein paar mehr Fotos gemacht!

  2. Andreas 25.08.2013 um 14:01 #

    Was für ein toller Beitrag! Mir gefällt die Leidenschaft von Herrn Mielich, die er beid er Restaurierung des Oldtimers zeigt. Seine gesamte Freizeit dafür zu nutzen, ist schon ein ziemlich respektvoll. Vor allem, weil er sogar den Weg bis nach Italien nicht scheut. Ich schraube auch gerne in meiner Freizeit an meinem alten 3er Golf, aber hierfür greife ich des Öfteren zu Originalteilen, weil ich ungern gebrauchte Ersatzteile oder Ähnliches in den Golf einbaue. Hier bin ich mir sicher, dass sie nicht gleich nach dem Einbau Mängel aufweisen. Ich hoffe jedenfalls, dass das Projekt von Herrn Mielich von großem Erfolg gekrönt war!

  3. Manfred Gehbauer 05.01.2014 um 14:33 #

    Hallo Herr Mielich
    Ich bin gerade an der Lackierung von 2 Espadas.
    Vieleicht können Sie mir behilflich sein wie die Schachtleisten der Türen entfernt werden . Eben genau aus dem Grund weil Wir die Fensterheber noch zusammen lassen wollen wegen dem bestimmt 2-3 Meter langem Seil hoffe ich Sie können mir da event. behilflich sein. Bestimmt gibt es das ein oder andere Foto ! Ebenso problematisch finde ich den Ausbau der Seitenleisten an den Seitenwänden. Ich befürchte ja das ich wirklich den kompletten Innenraum incl. der Klimakühler unter den Seitenverkleidungen entfernen muß !
    Das sind ja wirklich wunderschöne Autos aber zum Montieren schon recht einzigartig um nicht sogar zu sagen katastrophal.
    Vielen Dank schon im Voraus !
    Gruß Manfred

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