Judith Piesbergen
08.10.2012
Umweltschutz
Urbanisierte Baumforschung

Wie reagieren Bäume auf ihre Umwelt? Eignen sich Großstädte als Klimakammern, um das Baumwachstum in Zeiten des Klimawandels vorherzusehen? Das Metropolenprojekt der Audi Stiftung für Umwelt und der TU München sucht nach Antworten.

Urbanisierte Baumforschung

Kleiner Pieks: Enno Uhl holt einen Bohrkern aus einem Alleebaum in Berlin.

Ultraschall trifft die Rinde eines Baums: Schallwellen aus einem Messgerät, kaum größer als ein Brillenetui, erfassen die Höhe der 80 Jahre alten Linde. Professor Hans Pretzsch und Enno Uhl, Wissenschaftler am Lehrstuhl für Waldwachstumskunde der Technischen Universität München (TUM), führen eine Messung im Zentrum von Berlin durch.

Rund 10.000 Autos passieren diese Alleebäume täglich. Doch der Trubel stört die Wissenschaftler nicht – in diesem Fall passt das enorme Verkehrsaufkommen sogar ins Konzept. „Zwischen Vegetation und Stadt gibt es viele Wechselwirkungen“, erläutert Professor Pretzsch: „Das urbane Klima und die chemische Luftzusammensetzung in Städten und im Umland sind wichtig für unser Metropolenprojekt.“

Das Projekt, gefördert durch die Audi Stiftung für Umwelt, untersucht die Reaktionskinetik, sprich das Wachstumsverhalten von Stadtbäumen. Die City wirkt hier als Klimakammer, denn das Klima wird vom Stadtzentrum in Richtung Freiland immer milder – das betrifft insbesondere Temperatur, Niederschlag, Strahlung, Wasserhaushalt und CO2-Konzentration. Im Schnitt liegt beispielsweise die mittlere Jahrestemperatur in großen Städten um ein bis drei Grad über der Temperatur der Umgebung. Diese Unterschiede sind entscheidend bei der Analyse der erhobenen Daten: So können die Wissenschaftler die direkten Auswirkungen des Stadtklimas auf das Wachstum der dortigen Bäume identifizieren.

Auch in weiteren Metropolen weltweit werden Bohrkerne gewonnen. So werden die Hoop Pine in Brisbane, die Stieleiche in Kapstadt oder der Spitzahorn in New York nach dem gleichen Verfahren untersucht. Neben Dicke, Höhe, Volumen und Kronenstruktur werden auch Jahresringe und Kohlenstoffisotope im Stamm analysiert. In die Untersuchung fließen zudem Daten des Stadtklimas der letzten 30 Jahre ein. So werden in unterschiedlichen Klimaregionen von kühl feucht bis warm trocken vergleichbare Daten generiert – ein weltweit einzigartiger Ansatz.

Urbanisierte Baumforschung

Die Analyse der Jahresringe erlaubt Rückschlüsse auf die Wachstumsbedingungen der vergangenen Jahrzehnte.

Das Projekt betritt wissenschaftliches Neuland, da die Reaktionskinetik von Bäumen unter veränderten Klimabedingungen bisher nicht annähernd verstanden ist. Die Prognosen fallen sehr unterschiedlich aus: „Sie reichen von Extremszenarien wie dem flächigen Absterben der Bäume bis zu optimistischen Annahmen zu ihrer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit“, erläutert Professor Pretzsch. Die Forschungsergebnisse leisten einen Beitrag zum Verständnis der Auswirkungen des globalen Klimawandels auf das Baumwachstum.

„Wir wollen bereits heute Lösungen für Probleme entwickeln, die noch Jahrzehnte entfernt liegen. Das Ökosystem lässt sich nicht von heute auf morgen verändern. Mit dem Blick in die vergangenen 30 Jahre erhalten wir hoffentlich Antworten auf Problemstellungen der kommende Jahre“, beschreibt Dagobert Achatz, Geschäftsführer der Audi Stiftung für Umwelt, die Ziele dieses Projekts. „Die Erkenntnisse über Wechselwirkungen zwischen Stadtgrün und Stadtklima können auch Eingang in die langfristige Stadtplanung finden.“

Weitere Informationen über die Audi Stiftung für Umwelt und ihre Projekten finden Sie im Internet unter www.audi-umweltstiftung.de.


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