Christian Guenthner
24.10.2012
Audi R8
Unterwegs durch die Grüne Hölle

Bevor ein Auto wie der Audi R8 in Serie produziert wird, muss er unter anderem durch die Grüne Hölle. Wir waren auf der härtesten Rennstrecke der Welt am Nürburgring bei den Fahrzeugtests mit einem getarnten Vorserienauto dabei.

Rock am Ring

Frank Stippler testet den Audi R8 auf dem Nürburgring

Dichte Nebelschwaden liegen am Morgen über den Hügeln des Nürburgrings, der härtesten Rennstrecke der Welt. Die Grüne Hölle in der Eifel macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre. In der Audi-Werkstatt arbeiten die Mechaniker bereits an getarnten Prototypen und Technikträgern.

Um 6.30 Uhr fährt ein schwarzer Q7 an der Sicherheitsschranke vor. Frank Stippler, der in diesem Jahr zwei Gesamtsiege in 24-Stunden-Rennen mit einem R8 LMS ultra gefeiert hat, tritt zur Frühschicht an und steigt wenig später in ein getarntes Vorserienauto. Mit dem Prototyp des noch überarbeiteten Audi R8 startet er auf die Nordschleife: 20,832 Kilometer Rennstrecke exklusiv, 60 Minuten Vollgas im Grenzbereich.

Der Fahrwerkstest startet im Abschnitt Hatzenbach, dem ersten Teil des Rings ohne Grandprix-Strecke. Stippler ist einer von rund 25 Testfahrern, die die Fahrzeuge unter Extrembedingungen erproben. „Um die letzten fünf bis zehn Prozent aus dem Auto zu holen, muss man unter Rennbedingungen testen“, erklärt er. Dazu gehört auch, jede Unebenheit, jeden Bremspunkt, jede Kuppe und jeden Meter Asphalt unter verschiedenen Wetterbedingungen zu kennen.

Viele der Ingenieure und Testfahrer sind ehemalige oder noch aktive Rennfahrer. Die erfahrensten von ihnen blicken auf rund 5.000 Testrunden auf dem Nürburgring zurück. „Hier zu testen ist eine große Herausforderung. Erst nach 30 Runden bekommt man überhaupt ein Gefühl für die Strecke. Um sicher im Grenzbereich zu fahren, benötigt man diese Erfahrung“, ergänzt Stephan Reil, Leiter Entwicklung der quattro GmbH. Audi ist seit über zehn Jahren Dauergast in der Eifel. Bei jedem Modell, das die quattro GmbH in Neckarsulm verantwortet, gehen unzählige Testwochen am Nürburgring in die Entwicklungszeit ein.

Nach vier Vollgas-Runden fährt Stippler den R8 zurück auf das Werkstattgelände. Die Abwärme von Motor und Bremsen lässt die Luft um das Auto flimmern. Schnell sammelt sich das Team von Mechanikern, Elektronikern und Ingenieuren am Fahrzeug. Während einige von ihnen den Sportwagen auf der Hebebühne durchchecken, bespricht Frank Stippler seine Eindrücke der Testrunden mit den Entwicklern.

Rock am Ring

Profirennfahrer Frank Stippler ist seit 2004 Entwicklungsfahrer der Quattro GmbH

Unter ihnen ist auch Roland Waschkau, verantwortlich für die Erprobung der Brems- und Regelsysteme. Das ist eine zentrale Aufgabe, denn die Fahrperformance wird maßgeblich durch die Abstimmung von ESC/ABS, den Bremsen und der Viscokupplung im quattro-Strang bestimmt. Der studierte Maschinenbauer und ehemaliger Teilnehmer am 24-Stunden-Rennen, testet auch selbst auf der Strecke im Grenzbereich. Knapp zwei Jahre arbeitet der Ingenieur an der Abstimmung eines neuen Modells.

Für die überarbeitete Version des R8 entfiel davon die meiste Zeit auf die ESC-Abstimmung in Verbindung mit der völlig neuen Siebengang S-tronic. Die quattro GmbH entwickelt und adaptiert das Doppelkupplungsgetriebe mit der internen Bezeichnung DL 800 speziell für den überarbeiteten Audi R8. „Im Vergleich zum Vorgänger-R8 mit der R-tronic stellen wir jetzt auf eine ganz andere Technik um“, erklärt Stephan Reil. „Statt sechs haben wir nun sieben Gänge, die Schaltungen sind deutlich schneller, der Gangwechsel erfolgt ohne spürbare Zugkraftunterbrechung.“

Gegen 10.30 Uhr setzt sich Waschkau ins Auto. Je nach Testschema ist der Ingenieur mit aufwendiger Messtechnik unterwegs, die Daten von mindestens 100 Messstellen am Fahrzeug fließen in die Berechnungen ein. „Rund 50 Prozent der Feinabstimmung geschieht anhand der Messdaten“, erklärt er. Die subjektiven Eindrücke der erfahrenen Ingenieure steuern die anderen 50 Prozent bei.

12.35 Uhr: Nach mehreren Runden stellt Roland Waschkau den R8 zum Auslesen der Daten in der Werkstatt ab. Nur wenige Minuten später fährt einer seiner Kollegen mit einem RS-Prototyp Richtung Rennstreckeneinfahrt. Zwei sich abwechselnde Testfahrer gehen mit diesem Prototyp eine neue Aufgabe an, einen Dauerlauftest. Erst nach 8.000 Kilometern erreicht ein neues Modell der quattro GmbH die nächste Freigabestufe im Entwicklungsprozess.

Bei der Dauerlauferprobung sind stündliche Fahrerwechsel nötig, um die Konzentration aufrechtzuerhalten. Die Testfahrer werden wie Hochleistungssportler belastet. Die Grüne Hölle ist keine gewöhnliche Rennstrecke. Ihr Streckenprofil mit 73 Kurven, 290 Metern Höhenunterschied zwischen dem tiefsten und höchsten Punkt und mit bis zu 18 Prozent Steigung strapaziert nicht nur jedes Bauteil, sondern auch den Mensch intensiv.

Rock am Ring

Entwicklungsingenieur Roland Waschkau überprüft die Messdaten

Stephan Reil erklärt den Grund für all die Mühen: „Sämtliche Modelle der quattro GmbH sind absolut rennstreckentauglich. Unsere Kunden erwarten, dass alle Bauteile im Grenzbereich perfekt funktionieren.“ Daher finden auf dem Ring und in der Umgebung auch ausgiebige Reifen- und Fahrwerkstests statt.

Gegen 16.30 Uhr rollt der R8-Testwagen durch das Werkstatttor Richtung Hebebühne, unzählige Fliegen an seiner Schnauze zeugen von seinem letzten Einsatz. Testfahrer Stippler, Entwicklungsleiter Reil und Ingenieur Waschkau diskutieren über das Fahrverhalten.

Ein paar Eingaben am Laptop später, geht es kurz vor sechs auf die letzte Testrunde des Tages. Die tief stehende Sonne sorgt in vielen Bereichen der Nordschleife für perfekte Sicht, andernorts aber auch für hartes Gegenlicht. Jetzt sitzt Uwe Gsänger, Koordinator der Dauerlauftests und verantwortlich für Reifen und Lenkung des R8, am Steuer.

Gsänger ist ein alter Profi, spielerisch und ohne die Curbs zu touchieren, steuert er den R8 durch die 73 Kurven. „Dank der perfekten Abstimmung reicht eine kurze Lenkbewegung und das Auto zieht präzise auf der Ideallinie durch die Kurve. Wenn ich dann aufs Gas gehe, der Motor regelrecht aufschreit und die 550 PS ihre volle Kraft auf die Straße übertragen, spüre ich, dass sich jede Sekunde Entwicklungszeit gelohnt hat.“

So beschreibt der Koordinator das Gefühl, das die Entwickler den Audi-Kunden zugänglich machen. Ob auf der Hohen Acht oder den beiden Sprunghügeln – der R8 liegt satt, sicher und souverän auf dem Asphalt. Ein Auto, das nicht nur für die Rennstrecke gebaut, sondern auch auf der härtesten Rennstrecke der Welt getestet wird.

Sie möchten noch mehr über das Thema erfahren? Dann lesen Sie am 5. November im Audi Blog einen Blogger-Testbericht von der aktuellen Audi R8-Fahrveranstaltung in Italien.


7 Antworten auf Unterwegs durch die Grüne Hölle

  1. WINMAN 24.10.2012 um 11:55 #

    sehr schöner Bericht, da bekommt man Lust auf mehr!!

    Schade nur, dass nicht alle Blogger die Gelegenheit haben einen R8 bei einem solchen Fahrevent zu erleben…. 🙁

    • Britta Meyer 24.10.2012 um 12:19 #

      Bei einer solchen Fahrveranstaltung sind die Plätze tatsächlich limitiert – auch für Journalisten. Zu anderen Veranstaltungen können wir deutlich mehr Teilnehmer einladen – so waren im Sommer rund 50 Blogger zur Vorstellung des neuen Audi A3 auf Mallorca. Jens Stratmann hat dazu übrigens in einem Gastbeitrag bei uns gebloggt.

  2. Steinmann 03.11.2012 um 13:33 #

    Danke.
    Aber schade wenn in Kombination mit einer Rennstrecke keine Rundenzeiten genannt werden.
    Wenn es nicht die eigenen sind, doch zumindest die ‚besten‘ vom Hersteller. War doch laut Bericht 500 Runden unterwegs.

    Rein emotional und ohne Zeiten geschrieben, könnten die Angaben genauso zu einem Golf GTI gehören.

  3. Christoph 03.11.2012 um 22:39 #

    Ich bin wirklich mal gespannt auf den Wagen.

    Neben dem Doppelkupplungsgetriebe und ein paar kleineren optischen Änderungen (Endrohre, Blinker) hat sich anscheinend nicht wirklich viel getan.

    Ich hoffe vor Allem darauf, dass nicht das ganz alte MMI verbaut sein wird… Dazu gibts bisher leider nicht viele Infos, auch der Händler konnte nicht viel dazu sagen.

    Auch ob es Torque Vectoring geben wird, dazu finde ich mometan noch keine Infos.

    Wenn nicht steht der R8 hinter anderen aktuellen sportlichen Audi Modellen (RSx) deutlich zurück, was einen bei einem Flagschiff schon irgendwie überrascht…..

    • Britta Meyer 05.11.2012 um 23:47 #

      Hallo Christoph, ein komplett neu entwickeltes Getriebe und gerade eine solche Hightech-Komponente mit Dreiwellen-Layout geht deutlich über das Maß der üblichen Produktaufwertungen hinaus. Im Sportmodus schaltet die neue 7-Gang S tronic etwa zehn Prozent schneller als vergleichbare Getriebe der Wettbewerber. Zudem haben wir mit dem R8 V10 plus Coupé ein neues, 550 PS starkes Topmodell im Audi-Programm. Die bewährte Bedienarchitektur bleibt unverändert. In Sachen Software ist der R8 entsprechend auf dem neuesten Stand. Der heckbetont ausgelegte Allradantrieb verfügt über eine Differenzialsperre an der Hinterachse und bietet somit souveräne Fahrdynamiktalente.

      • Christoph 11.11.2012 um 20:35 #

        Vielen Dank für die Antwort. Wenn die Software auf dem neuesten Stand ist, reicht mir das eigentlich schon. Bisher bin ich davon ausgegangen dass Hardware und Software unverändert verbaut werden.

        Ich muss auch gestehen ich habe mich schon lange nicht mehr so auf ein Auto gefreut!

        Freundliche Grüße
        Christoph

  4. Mirko Brucherseifer 15.02.2013 um 22:52 #

    Servus,

    wir haben unter anderem einen Audi R8 V10 in der Vermietung und können nach einigen tausenden gefahrenen Kilometern sagen, das dieses Fahrzeug qualitativ der beste Supersportwagen auf dem gesamten Markt in seiner Klasse ist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Mirko Brucherseifer

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