Daniel Schuster
31.05.2013
DTM
Das muss Liebe sein

Am Wochenende stehen beim DTM-Rennen in Spielberg die Fahrer im Mittelpunkt. Damit beim Boxenstopp alles perfekt passt, bringen die Mechaniker auch abseits der Kameras Tag für Tag Höchstleistungen. Ein Blick hinter die Kulissen.

Werkstattbesuch DTM

Rund zwei Tage braucht das Team mit drei Mechanikern, um das DTM-Auto zu zerlegen

Eigentlich wäre er der perfekte Kandidat fürs Fernsehen: „Wetten, dass Marcus Hengeler es schafft, einen DTM-Rennwagen mit verbundenen Augen zusammenzubauen?“ Zugegeben, bei etwa 4.000 Einzelteilen wohl ein unmögliches Unterfangen, vor allem bei der begrenzten Sendezeit einer Samstagabendshow. Aber wenn es einer schafft, dann Marcus Hengeler. Der 39 Jahre alte Chefmechaniker in Diensten des Audi Sport Team Abt Sportsline ist wohl einer der erfahrensten Menschen in der Boxengasse.

Und nicht nur da. Denn der größte Teil der Arbeit eines DTM-Teams spielt sich abseits der Blicke von Zuschauern und Fernsehkameras ab: Zwischen zwei Rennen werden die Audi RS 5 DTM in der heimischen Werkstatt für den ­nächsten Einsatz vorbereitet. Eine Aufgabe, die höchste Präzision, technisches Know-how und perfektes Teamwork erfordert. Rund 20 Mal pro Jahr wird ein DTM-Rennauto komplett zerlegt und wieder zusammengebaut, nach jedem Rennen und allen Testfahrten oder weiteren Einsätzen.

Für Marcus Hengeler, der seit 1999 in Kempten arbeitet, macht das in seiner bisherigen Laufbahn also rund 250 auseinander- und wieder zusammengebaute Rennautos. 250 Mal der gleiche professionelle Ablauf, 250 Mal volle Konzentration und 250 Mal ein Null-Fehler-Job. Kompromisse gibt es da nicht. „Das perfekt aufgebaute Rennauto ist die Visitenkarte eines jeden Mechanikers“, sagt Albert Deuring, Leiter Motorsport des langjährigen Audi-Werksteams.

Werkstattbesuch DTM

Marcus Hengeler bei der Arbeit

Zeit genug, um sich kennenzulernen, haben der Audi RS 5 DTM und seine Mechaniker während einer Saison auf jeden Fall: Rund zwei Tage dauert das Zerlegen eines Autos nach dem Rennen. „Wir arbeiten dann mit drei Kollegen an einem Fahrzeug“, sagt Hengeler. Die Liste der anstehenden Arbeiten ist lang: Zunächst wird das Bodywork abgenommen, das Fahrwerk ausgebaut, das Getriebe „gezogen“, die Kupplung aus- und wieder eingemessen. Jedes Teil wird dabei genau gecheckt, gereinigt, eventuell die Laufzeiten überprüft. Beschädigte Teile – meistens Karosserieteile – werden zur Reparatur geschickt, abgelaufene Komponenten ersetzt.

Apropos Schäden: Tut es einem Chefmechaniker nicht weh, wenn er sieht, wie „sein“ Auto auf der Strecke kaputt gerangelt wird? Marcus Hengeler winkt schmunzelnd ab. „Natürlich hofft man immer, dass alles heil bleibt“, sagt er. „Aber die Zuschauer wollen doch Action sehen – da gehört das einfach dazu.“ Der gelernte Kfz-Elektriker ist wie 2012 zuständig für den RS 5 DTM von Adrien Tambay. Der Franzose war gerade mal acht Jahre alt, als sein heutiger Chefmechaniker sein erstes DTM-Wochenende am Abt-Audi TT-R von Christian Abt absolvierte.

Danach betreute Hengeler Laurent Aiello in seinem Meisterjahr 2002, anschließend den Le Mans-Rekordsieger Tom Kristensen, dann Oliver Jarvis. „Der Titel von Laurent war ein ganz besonderer Moment“, sagt er, erinnert sich aber auch an schlimme Erfahrungen: „Toms schwerer Unfall beim ersten Rennen 2007 in Hockenheim war der absolute Tiefpunkt.“ Höhen und Tiefen – alles mit „seinem“ Auto. „Natürlich habe ich eine persönliche Beziehung zu meinem Auto“, sagt Hengeler.

Namen, wie in der Formel 1 manchmal üblich, hat er den Boliden deshalb aber noch nie gegeben. Und auch von Liebe möchte er in diesem Zusammenhang nicht sprechen: „Ich verliebe mich doch nicht in ein Auto!“ Für eine Beziehung voller Leidenschaft macht es auch viel zu viel Arbeit. Denn nach dem Zerlegen und allen Checks und Reparaturen folgt der Neuaufbau. Was nach einem Unfall an der Rennstrecke schon mal in einer Nachtschicht erledigt wird, dauert im Normalfall eine Woche.

Werkstattbesuch DTM

Und fertig: Als letzter Handgriff bekommt der RS 5 DTM seine Haube

„Am Rennwochenende geht es nur darum, das Auto für die nächste Trainingssitzung oder das Rennen wieder einsatzbereit zu bekommen – da zählt ausschließlich Geschwindigkeit“, erklärt ­Albert Deuring. „In der Werkstatt dagegen wird jedes Detail, und sei es noch so klein, genau unter die Lupe genommen, gepflegt und wieder eingesetzt. Der Anspruch eines jeden Teams ist es, ein absolut perfekt vorbereitetes Auto an die Strecke zu bringen. Nicht 99 Prozent, sondern 100 Prozent. Immer.“

Ein Umstand, der 2013 von größerer Bedeutung ist als je zuvor: Durch das kompakte Rennformat mit nur einem Freien Training vor dem Qualifying ist Feintuning nach Ankunft an der Rennstrecke so gut wie ausgeschlossen. Da zählt ein eingespieltes Team. „Es ist wichtig, dass immer die gleichen Mechaniker an ihrem Auto arbeiten“, sagt Deuring. „Denn auch wenn alle Fahrzeuge von Audi auf dem Papier natürlich gleich sind, hat jedes seine kleinen Eigenarten, Besonderheiten und seinen eigenen Charakter.“ Fast wie ein guter Freund.

Noch mehr Einblicke hinter die Kulissen und aktuelle News vom Rennen in Spielberg finden Sie auf der Facebook-Seite von Audi Sport.


Kein Kommentar bisher.

Schreibe einen Kommentar

Benötigte Felder sind markiert. *

Nach dem Absenden Ihres Kommentars wird dieser durch die Redaktion überprüft und freigegeben.

Wenn Sie zum ersten Mal im Blog kommentieren, müssen Sie einmalig Ihre Identität bestätigen. Dazu erhalten Sie eine E-Mail mit einem personalisierten Link, den Sie für die Verifizierung Ihrer Angaben bitte aufrufen. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben.