Ann Harder
17.07.2013
Audi.torium
Konsumverweigerer trifft Multimillionär

Gerald Hörhan ist Investmentbanker und Multimillionär, Raphael Fellmer ist Lebensmittelretter und ernährt sich von Bio-Abfall. Beiden gemeinsam ist ihre Konsumkritik. Sie diskutierten über Geld, Arbeit, Freiheit und Verzicht.

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Rapahel Fellmer und Gerald Hörhan diskutierten über Geld, Arbeit, Freiheit und Verzicht

Die beiden Männer, die neben Moderator und Forumschef Stephan Öri auf der Bühne Platz nehmen, könnten unterschiedlicher kaum sein: Raphael Fellmer trägt abgenutzte Jeans und Flipflops, das Hemd ist lässig aufgeknöpft. Gerald Hörhan hingegen erscheint durchgestylt. Er trägt Jeans und Lederjacke, die Haare im Irokesenlook – und entspricht damit ganz bestimmt nicht dem allgemeinen Erscheinungsbild eines Investmentbankers. So gegensätzlich wie ihr Aussehen ist auch ihr Lebensstil. Das wird dem Publikum beim Audi.torium zum Thema „Frage der Geldanschauung“ schnell klar.

Hörhan ist Multimillionär. Nicht die klassische Arbeit, sondern kluge Investitionen haben ihn reich gemacht. Das sei der einzig intelligente Weg, den die Mehrheit der Mittelschicht aber nicht nutze. Denn diese, so Hörhan, sei in einem Hamsterrad gefangen. „Die Mittelschicht gibt mehr Geld aus als sie verdient, kauft sich beispielsweise ihr Eigenheim in der Pampa auf Pump, lässt sich durch die Zinsen abzocken und akzeptiert dazu noch jede gesellschaftliche Konvention, ohne diese zu hinterfragen“, erklärt der Österreicher.

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Beim Audi.torium „Frage der Geldanschauung“ traf Konsumverweigerer auf Multimillionär

In der Konsequenz sei die Mittelschicht niemals frei und drehe sich im Kreis wie der Hamster in seinem Laufrad. Die Lösung: „Wer reich und frei sein will, der muss bereit sein, die existierenden Konventionen anzugehen“, so der Investmentpunk. Da ein Hamster aber sein Rad ungerne verlässt, setzt Hörhan auf die jüngere Generation, auf die 20- bis 35-Jährigen. Hier verfolgt er einen Bildungsauftrag. Deswegen lehrt er an Universitäten, referiert an Schulen und in seinen Büchern findet er klare und oft provozierende Worte, um junge Menschen aufzurütteln. „Denn jeder Jugendliche, der keine Konsumschulden macht, sondern nur das ausgibt, was ihm wirklich zur Verfügung steht, ist ein Gewinn“, erklärt der 37-Jährige. Nur ein schuldenfreier Mensch, so Hörhan, sei wirklich frei.

Für Raphael Fellmer hingegen bedeutet Freiheit die Abwesenheit von Geld. Deswegen lebt der Berliner seit drei Jahren komplett ohne Geld. Er kauft nichts und bezahlt nichts. Ein bewusster Protest gegen die vorherrschende Geldverschwendung der Konsumgesellschaft. Stattdessen setzt der Familienvater auf das, was übrig bleibt.

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Gerald Hörhan ist Multimillionär und verfolgt einen Bildungsauftrag: der Gesellschaft ihre Konsumschulden auszutreiben

„Was andere wegwerfen, ist für ihn ein gefundenes Fressen“, beschreibt Öri die Haltung Fellmers passend. Und tatsächlich begann der Berliner seinen Geldstreik als so genannter Mülltaucher. Noch immer sind die Abfälle vom Bio-Supermarkt sein Hoheitsgebiet, nur vertreibt er diese inzwischen kostenfrei: Im Rahmen des Projektes „Foodsharing“, einer Lebensmittel-Verschenk-Plattform, kooperieren er und Gleichgesinnte mit verschiedenen Bio-Supermärkten deutschlandweit. „In unserer Überflussgesellschaft werden Millionen Tonnen Essen in den Müll geworfen“, klagt er an. „Es ist doch wirklich absurd, dass die Menschen so viel Geld haben, dass wir ohne Geld genauso gut leben können wie sie. Nur von ihrem Müll.“

Ziel des Foodsharing-Projektes ist es, die vorherrschende Verschwendung zu reduzieren, die Produktion zu verringern und damit Umweltschäden einzudämmen. „Jeder Mensch sollte seinen okölogischen Fußabdruck reduzieren,“ plädiert der Veganer. Deswegen verzichtet er auch auf tierische Lebensmittel. Denn die hier sei der Treibhausgas-Anteil besonders hoch.

So gegensätzlich die beiden Lebensansätze der Gäste auch sind, dahinter verbergen sich viele Gemeinsamkeiten. Sei es hinsichtlich der Ablehnung bestehender Gesellschaftsstrukturen, der unbedingte Wille etwas verändern zu wollen oder einfach nur ein Konsumexot zu sein. „Sie beide sind sich in vielen Punkten erschreckend einig“, fasst Öri den Abend treffend zusammen. Zum Abschluss wirft der Moderator noch die Frage auf, ob beide sich vorstellen könnten, ihr Leben zu tauschen. Für eine Woche wäre das für Multimillionär Hörhan durchaus eine Überlegung wert. Nur mit der Esskultur täte er sich schwer: „Ich esse zwar sehr gerne Salat. Aber auf den Hummer dazu könnte ich nicht verzichten.“

Das Audi.torium ist eine regelmäßige Gesprächsreihe der Audi Kommunikation, in der Erzählkultur und die Qualität guter Gespräche gepflegt werden. In gemütlicher Atmosphäre trifft der Moderator gemeinsam mit hochkarätigen Gesprächspartnern auf Gäste, die nicht nur zum Zuhören eingeladen sind, sondern auch mitdiskutieren können.


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