Tina Steck
20.08.2013
Fahrschule
Alles paletti

Tausende Audi-Mitarbeiter lernen jedes Jahr, wie man einen Gabelstapler fährt. DTM-Pilot Miguel Molina hat Nordschleife gegen Nordstraße getauscht und sich unter die Fahrschüler gemischt. Schafft er den Gabelstaplerfüherschein?

Gabelstapler-Führerschein

Runter vom Gas: Miguel Molina auf dem Weg zum Stapler-Profi

Rot ist er, genauso rot wie sein Audi RS 5 DTM. Aber fast fünfmal so schwer, viel behäbiger und nicht so windschlüpfrig wie sein Rennwagen. Miguel Molina steht vor „el toro“ – dem Stier, wie sie Gabelstapler in seiner Heimat Spanien nennen. Prüfend setzt sich der DTM-Rennfahrer auf den Sitz des Ungetüms, schnallt sich an und greift zum Steuerknüppel. Liegt gut in der Hand. Das also ist sein neues Fahrzeug – zumindest für diesen einen Tag. Miguel Molina ist einer von zwölf Fahrschülern, die an diesem Montag ihren Kurs für den „großen“ Stapler-Führerschein beginnen.

Ort des Geschehens: die „Fahrschule für Flurförderzeuge“ im Audi-Gebäude A34 in Ingolstadt. Die anderen Schüler sind Audi-Mitarbeiter aus der Produktion. An drei Tagen lernen sie in Theorie und Praxis, wie sie mit „E-Boy“, „Ameise“, Indoor-Schlepper, Zugmaschine und Gabelstapler sicher umgehen. Und VIP-Schüler Molina? Für ihn haben die Fahrlehrer Franz Halbig, Thomas Koch und Marco Büchler ein spezielles Programm zusammengestellt, das der 24-Jährige an einem Tag stemmen soll.

Molina ist Profi, er beherrscht viele Fahrzeuge. Begonnen hat er seine Karriere in einem Kart, dann machte er in der Formel Renault 3.5 auf sich aufmerksam. Seit 2010 fährt er in der DTM: Mit Mike Rockenfeller gehört er zum Audi Sport Team Phoenix, ist einer der acht Audi-Piloten. Längst in der Tasche hat er die internationale A-Lizenz für den Rennsport, sie ist hoch angesehen. Den Staplerschein muss er sich erst erarbeiten. Fahrkunst ist auch hier gefragt.

Gabelstapler-Führerschein

Schauen, hören, merken: Erst nach dem Theorieunterricht darf Molina ans Übungsgerät

„Mit einem Flurförderzeug Lasten heben und senken, auf Laderampen rangieren und im Werksverkehr unterwegs sein, das ist ganz anders, als einen Wagen zu lenken“, warnt Franz Halbig im Theorieunterricht. Der 61-Jährige muss es wissen: Seit 20 Jahren ist er Fahrlehrer bei Audi, geschätzte 10.000 Kollegen haben bei ihm die Schulbank gedrückt. Ohne all jene mitzuzählen, die bei Halbig in der Nachschulung waren. Denn Stapler- und Zugmaschinenfahrer müssen alle zwei Jahre ihr Können auffrischen, für die „kleineren“ Geräte ist das nicht notwendig.

Die Theorie ist rum. Ran an die Fahrzeuge. Molina macht erstmal, was er schon kennt: ein Warm-up. Mit dem E-Boy dreht er eine Runde durch die Halle, zentimetergenau entlang der weiß markierten Linien. Ein Kinderspiel, bravo Miguel. Jetzt der Wechsel in die Königsklasse, zu „el toro“, dem roten Gabelstapler. Franz Halbig erklärt Bremse, Gas, Vorwärts- und Rückwärtsgang und zeigt, wie sich Hubmast und Gabelzinken bewegen lassen. Molina legt gleich los, fährt konzentriert den ersten Achter durch die Pylonen. „Der Mann hat Talent“, ruft Halbig und lacht: „Der kann bei uns anfangen!“

Schwieriger wird’s beim Stapeln. Die Gabelzinken unter die Palette schieben, anheben, absetzen, rausziehen, runterfahren. „Da braucht man viel Gefühl und gutes räumliches Denken“, sagt Halbig. Wird die Gabel nicht genau platziert, kann die Ladung abrutschen – mit gefährlichen Folgen. Herabfallende Gegenstände gehören zu den häufigsten Unfallursachen. Weitere Gefahrenquellen: Fußgänger und Radfahrer. Sie dürfen den Gabelstaplern nicht zu nahe kommen, denn das Sichtfeld des Fahrers ist extrem eingeschränkt. Bis zu 30 Prozent sind durch die Holme der Hubtechnik verdeckt. Auch beim Rückwärtsfahren gibt es einen toten Winkel. Ein blaues Licht wirft deshalb fünf Meter hinter dem Stapler zur Warnung einen Kegel auf den Boden.

Gabelstapler-Führerschein

Im Fahrschulfahrzeug unterwegs: Miguel Molina fährt mit Franz Halbig auf der Zugmaschine durchs Werk

„Kontrolliert fahren“ lautet die Devise, auch für Rennfahrer Miguel Molina. Das kann er mit der Zugmaschine bei einer Tour durchs Werk beweisen. Fast 19 Meter lang ist das Gespann mit den drei Anhängern, auf dem er neben Fahrlehrer Halbig über die Nordstraße zuckelt. „Das ist länger als ein Lkw, da haben die meisten Anfänger großen Respekt“, sagt Halbig. Gerade in den Kurven muss man achtgeben. Mit Kurventechnik und Ideallinie hat Molina Erfahrung, nicht aber mit Verkehr: „Auf der Rennstrecke fahren alle in eine Richtung, aber hier kommt aus jeder Ecke jemand raus!“

Wie so oft, kommt auch hier der Höhepunkt zum Schluss: Miguel Molina darf gegen den Champion antreten – der heißt Christoph Huber, ist 34 und Gruppensprecher in der Werklogistik. Huber hat die letzte Audi-Stapler-Weltmeisterschaft gewonnen, die alle vier Jahre unter den Standorten ausgetragen wird. Molina gegen Huber, DTM-Pilot gegen Staplerfahr-Weltmeister: Wer ist besser? Ab auf den Parallel-Parcours im Freien. Mit Topspeed 13 Stundenkilometern fahren sie zwischen Hütchen-Formationen hindurch – und sind meist nebeneinander. Ergebnis: unentschieden.

Zurück in die Fahrschule, zu Challenge zwei. Wer kann besser Boxen stapeln? Molina schlägt sich wacker, kämpft, hat am Ende aber keine Chance gegen Weltmeister Huber. Die anderen Fahrschüler sind trotzdem beeindruckt.„Wahnsinn, wie geschickt er mit dem Stapler umgeht – nach so kurzer Zeit.“ Molina lacht. „Mir hat’s Spaß gemacht, eine tolle Sache“, sagt er zum Schluss. Jetzt, wo er den Staplerschein hat: Ob er seinen DTM-Renner gegen ein Flurförderzeug tauschen will? Das Fahrschulteam würde es freuen – das Phoenix-Team weniger.


4 Antworten auf Alles paletti

  1. Fahrlehrer Andreas 09.09.2013 um 12:21 #

    Auch Gabelstapler Fahrer müssen in die Fahrschule, klar. Allerdings sind die Lehrinhalte dort andere.

    schöne Grüsse aus Enge,

    Andreas

    • Simpson Reinforcing Angle 16.11.2014 um 10:18 #

      Superb pot however , I was wondering if you could write a litte more on this topic?
      I’d be very grateful if you could elaborate a little biit further.

      Bless you!

    • Apolline 30.04.2015 um 14:36 #

      Und ganz so lange braucht es dann auch nicht, um den Schein für den Stapler zu bekommen!

      Aber lernen muss man das Fahren mit dem Stapler natürlich auch – ganz klar!

  2. Apolline 07.04.2015 um 18:55 #

    Mit dem Stapler zu fahren ist gar nicht mal so einfach, aber dass es die Profi-Rennfahrer von Audi geschafft haben, diese Aufgabe so schnell und gut zu meistern, spricht eigentlich nur für deren Fähigkeiten!

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