Marlon Matthäus
30.09.2013
Audi Tradition
Mit Demuth Richtung Gipfel

Eine kurvige Rallye-Strecke über dem Tal und hunderte Oldtimer: Das Rossfeldrennen in Berchtesgaden ist eine Zeitreise zu den legendären Bergrennen der 60er Jahre. Marlon Matthäus war vor Ort – und auf einmal mittendrin, statt nur dabei.

Nach dem Ritt. Beifahrer Marlon Matthäus mit Rennlegende Harald

Neben mir Harald Demuth, der mehrfache Deutsche Rallye-Meister. Wir beide sitzen in seinem Audi 80 Rallye Gr. 2 von 1979. Die Uhr vor uns zählt die Sekunden bis zum Start. Links und rechts stehen Zuschauer. Hunderte. Sie klatschen und machen Fotos, feuern uns an. Was sie sagen kann ich nicht hören, durch meinen gepolsterten Helm dringt kaum ein Geräusch. Noch zehn Sekunden.

Das einzige, was ich wahrnehme, ist das Brüllen unseres Autos. Harald zieht sich die Handschuhe an, seelenruhig. Ich kontrolliere nervös den ordnungsgemäßen Sitz meines Gurtes. Die Fahne senkt sich auf unsere Motorhaube. Noch fünf Sekunden. Der Wagen zittert. Noch drei, noch zwei. Ich schaue zu Harald, er zwinkert mir zu. Noch eine Sekunde. Ich schließe die Augen und werde mit unglaublicher Kraft in meinen Schalensitz gedrückt.

Rückblick: Vor ein paar Stunden bin ich in Berchtesgaden angekommen. Ich möchte für das Audi Blog über das „Internationale Edelweiss-Bergpreis Rossfeld Berchtesgaden“ berichten. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine motorsportliche Zeitreise zu den historischen Salzberg- und Rossfeldrennen der 20er und 60er Jahre. Fast alles, was vier Räder hatte, wurde damals von kühnen und tollkühnen Fahrern bergwärts gejagt. Triumphe und auch manche Tragödien sind mit dem Bergrennen hoch über Berchtesgaden verbunden.

Anziehungspunkt. Die Box der Audi Tradition ist ein besonderer Höhepunkt für die Zuschauer.

Als ich das Fahrerlager erreiche, entsteige ich einer Zeitmaschine: Es riecht nach Gummi und Benzin, hier und dort beugen sich ölverschmierte Gesichter über die offenen Motoren der Oldtimer und selbst viele der Besucher haben sich ganz im Stil der 60er Jahre gekleidet. Ich mache einen ersten Rundgang, schlendere vorbei an einem Ford GT 40 von 1966, einem Austin Healy Sprite MK1 aus dem Jahr1958 und einem Lagonda 2 Litre Supercharged, Baujahr 1929.

Etwas weiter entdecke ich die Kollegen der Audi Tradition, an ihrer Box eine Menschentraube. Dort stehen sie, Legenden des Rallye-Sports. Der Audi Sport quattro E2 „Pikes Peak“, der Audi 80 Ralley Gr. 2 und der NSU Wankel Spider. Daneben ihre Fahrer. Walter Röhrl, Harald Demuth und Dieter Basche. Von ihnen lasse ich mir die Regeln des Rossfeldrennens erklären.

„Eigentlich ist es ganz simpel“, sagt Harald. „Es gibt zwei Trainingsläufe, um die sechs Kilometer lange Bergstrecke kennenzulernen, danach folgen vier Wertungsläufe.“ Nach ein paar Minuten weiß ich Bescheid. Es geht hier nicht nur um Geschwindigkeit. Das Rossfeldrennen ist – heute wie damals – eine Gleichmäßigkeitsveranstaltung. Nicht das schnellste Auto gewinnt, sondern derjenige, der am Ende der Wertungsläufe die geringste Zeitdifferenz aufweisen kann. Hilfsmittel sind nicht erlaubt, es muss nach Gefühl gefahren werden.

Gemeinsam stark. Die Audi Tradition im Fahrerlager.

Aus Spaß biete ich mich den Ausnahmefahrern als Co-Pilot an. „Ich kann euch unmöglich alleine den Berg hochfahren lassen. Das ist viel zu gefährlich“, sage ich vorlaut und grinse sie an. Harald wirft einen Blick zu Walter Röhrl und grinst breit zurück. Zu breit. „Im Pikes Peak ist nur ein Sitz. Also wirst du wohl bei mir mitfahren. Beeil dich, in zehn Minuten ist Abfahrt.“ Mir verschlägt es die Sprache. Ich? Im Rennwagen? Mit Harald Demuth? Den Berg hoch? Jetzt? Ich schlucke. Zurückziehen geht nicht, ein Mann ein Wort.

Kurz darauf zwänge ich mich hinter den Boxen in einen weißen Rennoverall. Ich bin nervös. Als ich Richtung Auto laufe, gibt mir Walter Röhrl noch einen Tipp: „Du musst einfach zwei Dinge beachten. Nicht ins Lenkrad greifen und niemals schreien. Der Harald, der macht das. Entspann dich einfach!“ Ich nicke nur und hebe meinen Daumen. Der Motor unseres Audi läuft schon, der Pikes Peak donnert bereits aus der Box. Harald reicht mir meinen Helm. Wir fahren zum Startpunkt.

Noch drei Sekunden, noch zwei, noch eine. Die Uhr bleibt stehen, die Fahne wird gesenkt. Kupplung treten, Gang rein, Gaspedal durchdrücken. Ich öffne meine Augen, die Menschen am Rand der Strecke verschwimmen zu einer bunten Masse. Harald schaltet in den zweiten, den dritten, den vierten Gang. 5.000 Umdrehungen, der Motor brüllt. Die erste Kurve. Bremsen, einlenken, Gang wechseln. Die nächste Kurve, rechts, links.

Blitzlichtgewitter wo auch immer wir vorbeikommen. Ich fühle mich unglaublich sicher. Harald beherrscht seinen Audi. Mit quietschenden Reifen schlittern wir in die sechste Kurve. Oder die siebte? Ich kann es nicht sagen. Alles geht so wahnsinnig schnell. Die Straßenschilder fliegen vorbei. Ofnerboden, Enzianhütte, Ahornkaser. Ziellinie. 700 Höhenmeter und sechs Kilometer in etwas über vier Minuten. Was für ein Ritt. Im Korso mit den anderen Teilnehmern fahren wir die Strecke wieder zurück. Jetzt genieße ich die Aussicht, winke den Zuschauern zurück. „Wenn du magst, dann fährst du nachher nochmals mit mir. Ich kann gute Co-Piloten immer gebrauchen“, sagt Harald. Selbstverständlich sage ich zu. Der Gewinner des Rossfeldrennens ist diesmal eindeutig der Reporter.


Eine Antwort auf Mit Demuth Richtung Gipfel

  1. Farbenfreundin 30.11.2013 um 10:39 #

    Nicht schlecht! Mein kleiner Rover Mini – hätte da gut reingepasst und wäre mit viel Karacho den Berg hinauf. Wie ich sehe, war auch einer aus HD dabei – vielleicht bin ich ja beim nächsten Mal mit von der Partie? Ja, sogar in Doha/Katar habe ich erst kürzlich einen Auto-Check gemacht und auch dort hat man Lust auf die Klassiker, denn ich sah 2 restaurierte Rover Minis rumfahren….

    Aber auch die Audi-Klassiker lassen auch mein Herz höher schlagen!

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