Marlon Matthäus
14.02.2014
Hinter den Kulissen
Wenn die Nacht zum Tag wird

Sie arbeiten, wenn andere schon längst schlafen: Die Audi-Mitarbeiter aus der Dauernachtschicht sorgen dafür, dass die Marke mit den Vier Ringen nachts genauso funktioniert wie am Tag. Marlon Matthäus hat sie eine Nacht lang begleitet.

Dauernachtschicht bei Audi

Teamarbeit: Zvonimir Barun und sein Team der Instandhaltung

Zvonimir Barun trinkt seinen Kaffee aus und legt die Zeitung beiseite. Draußen ist es bereits dunkel, in den meisten Wohnzimmern flimmert der Fernseher, Feierabendstimmung in Ingolstadt. Seine Frau Silvia reicht ihm die Jacke, die einjährige Tochter schläft ruhig auf ihrem Arm. Ein Kuss zum Abschied, dann radelt Herr Barun davon. „Eine ruhige Schicht“, ruft Silvia ihrem Mann nach. In der Ferne leuchtet das Audi-Werk, es ist 21.45 Uhr.

Der 38-jährige Familienvater ist einer von rund 6.000 Audi-Mitarbeitern, die in der Dauernachtschicht arbeiten. Seit 1998 beginnt sein Arbeitstag um zehn Uhr am Abend und endet nach acht Stunden am nächsten Morgen. Als Gruppenleiter kümmert er sich mit seinen 29 Mitarbeitern um die Instandhaltung der Lackiererei. Durch die Anlage laufen am Tag bis zu 2.600 Karosserien, alle 80 Sekunden wartet ein neues Auto auf Farbe. Damit dieser Takt durchgehend eingehalten werden kann, steht Barun sein Team aus Mechanikern, Elektronikern, Pistolenschlossern und Spezialreinigern zur Seite. Jede Nacht sorgen seine Männer für einen reibungslosen Ablauf.

Zvonimir Barun beginnt seine Schicht mit einem kurzen Rundgang durch die Abteilungen. Ein Schulterklopfen hier, ein lockerer Spruch da. Der gebürtige Kroate kennt seine Mitarbeiter schon lange, einige waren bereits da, als er selber noch in der Ausbildung war. So wie Facharbeiter Günter Ziegler: Mit 65 Jahren ist er der Dienstälteste im Team und sorgt seit mehr als 20 Jahren dafür, dass in den Lackierstraßen alles passt. „Die Zeit läuft in der Nacht einfach ganz anders. Wir sind eine große Familie, hier stimmt alles“, resümiert er. „Wenn du einmal den Rhythmus der Nacht hast, dann willst du gar nicht mehr raus. Und wenn du so ein tolles Team hast, dann erst recht nicht“, erklärt Ziegler seine Entscheidung für die Dauernachtschicht.

Dauernachtschicht bei Audi

Jede Nacht ist Zvonimir Barun auf Rundgang durch die Lackiererei

Während Barun durch die Lackiererei geht, trifft er auf ausgeschlafene Gesichter. Selbstverständlich ist das nicht. „Nicht jeder Mitarbeiter ist für die Nachtschicht geschaffen.Viele merken mit der Zeit, dass es tagsüber mit dem schlafen nicht immer einfach ist. Als Gruppenleiter liegt es dann an mir, diese Kollegen wieder in die Tagesschicht zu empfehlen“, sagt Zvonimir Barun und lässt sich von einem seiner Mitarbeiter die Reparaturen an einer Lichtschranke zeigen.

Elektriker Tobias Striegl schaut ihm dabei über die Schulter. Der 28-jährige Ingolstädter ist der Jungspund im Team, seit acht Jahren bei Audi, seit vier Jahren in der Nachtschicht. „Die Dauernachtschicht gehört für mich einfach zu meinem Beruf. Ich liebe, was ich tue.“ Seine Freundin arbeitet tagsüber bei einer Bank, Feierabend macht sie selten nach 18 Uhr. „Am Anfang war es noch ungewohnt, dass wir uns nur drei Stunden am Tag sehen. Doch wer weiß, vielleicht ist das auch ganz gut für die Beziehung“, zwinkert er.

Barun weiß, wovon sein Schützling spricht. Er selbst hatte das Glück, seine Frau in der Dauernachtschicht kennenzulernen. Mehr als zehn Jahre lang standen sie gemeinsam auf, wenn andere schlafen gingen. Mittlerweile arbeitet Silvia Barun in der Tagschicht, die Nacht gehört jetzt der einjährigen Tochter. „Ich sehe das positiv. Ich habe mehr von meinem Kind. Wenn ich arbeite, dann schläft die Kleine“, lacht er.

Dauernachtschicht bei Audi

Der Finishbereich der Lackiererei in Ingolstadt: Jede Karosserie muss bei der Qualitätsprüfung den kritischen Augen der Mitarbeiter Stand halten

Sein Telefon klingelt, wie so oft in dieser Nacht. Zvonimir Barun hört zu, macht sich ein paar Notizen. Ein automatischer Heber, der die Karosserien von der Lackierstraße zur nächsten Station transportiert, funktioniert nicht richtig. Die Autos stauen sich. Jetzt ist Eile geboten. Per Funkgerät ordert er seine Elektroniker zum betroffenen Bauteil. „Wir sind wie die Feuerwehr. Wenn es brennt, dann müssen wir raus. So schnell wie möglich.“ Nach nur zehn Minuten ist der Fehler gefunden und behoben, die Anlage läuft wieder reibungslos. Für viele seiner Mitarbeiter macht das den Reiz der Nachtschicht aus. Sie suchen die Herausforderung. „In der Dauernachtschicht hast du weniger Ansprechpartner. Wenn es ein Problem gibt, dann löst du es, du bist verantwortlich“, erklärt Barun und setzt seinen Rundgang fort. Mittlerweile zeigt die Uhr halb drei.

„Auch wenn durch die Dauernachtschicht am Monatsende mehr auf dem Konto bleibt als bei den Kollegen am Tag, das Geld war nie ausschlaggebend“, versichert Barun und inspiziert die elektronische Anzeige der Trockenstraße. Die Karosserien durchlaufen den 120 Meter langen Tunnel nach dem Lackierprozess. Alle Werte sind im Normbereich. „Wenn Du die Nacht magst, liebst Du auch die spezielle Stimmung.“ Diese Meinung teilen seine Kollegen. Sie alle sind stolz, Teil der Dauernachtschicht zu sein. Sie alle tragen dazu bei, dass die Marke mit den Vier Ringen in der Nacht genauso präzise arbeitet wie am Tag.

Die verbleibenden drei Stunden verbringt Zvonimir Barun am Schreibtisch. 75 E-Mails warten darauf, bearbeitet zu werden. Erst um sechs Uhr wird er Feierabend machen, den Kollegen aus der Frühschicht über die Vorkommnisse der Nacht informieren und nach Hause radeln. Auf den Straßen wird es dann langsam hell, Morgenstimmung in Ingolstadt.


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