Stephanie Huber
18.06.2014
Audi.torium
„Nichts ist mehr selbstverständlich“

Sie waren Opfer von Geiselnahmen: Gabriele von Lutzau war Stewardess in der 1977 gekaperten „Landshut“, Entwicklungshelfer Ziad Nouri wurde in Syrien von Dschihadisten entführt. Im Audi.torium reden sie über ihre Erlebnisse.

Audi.torium Geisel-Namen

Über 200 Zuschauer kamen ins Audi Forum Ingolstadt, um die Gesprächsrunde mit der ehemaligen Stewardess und dem Entwicklungshelfer zu verfolgen

111 Tage als Geisel von Rebellen in den Bergen von Syrien. Am 111. Tag brach der 72-jährige Ziad Nouri mit bloßen Händen eine Aluminiumtür auf. Kurz vor dem Morgengebet seiner Entführer schlich er sich aus seinem Gefängnis und begann zu laufen. Er lief und lief – eineinhalb Stunden bis er völlig erschöpft auf seine Retter stieß, die ihn schließlich in die Türkei brachten. Dieser Tag seiner Befreiung hat für den geborenen Syrer eine immense Bedeutung: „Es war der glücklichste Tag in meinem Leben.“

Seither sei er ruhiger geworden, noch dankbarer für das Leben und auch reifer, sagt Nouri. „Nichts ist mehr selbstverständlich seit diesem Erlebnis.“ Einfache Dinge wie ein Butterbrot schätze er nun viel mehr als zuvor. Denn in der Gefangenschaft litt er unter Hunger und Durst, wusste nicht, ob ihn seine Entführer am nächsten Tag wieder mit Lebensmitteln und Wasser versorgen würden. Deshalb legte er sich Vorräte an, von denen er an anderen Tagen zehren konnte. An jenen Tagen, an denen er mehr als 24 Stunden alleine in seinem dunklen, kleinen Gefängnis saß und niemand kam.

Audi.torium Geisel-Namen

Ziad Nouri ging vergangenes Jahr nach Syrien, um den Aufbau eines Krankenhauses zu koordinieren. Nur zwei Tage nach seiner Ankunft wurde er als Geisel genommen

Die Isolation machte Nouri schwer zu schaffen. „Ich hatte einfach nichts zu tun, war alleine mit meiner Angst. So wurden die Tage unendlich lang.“ Deshalb versuchte er sich einen Tagesablauf zu schaffen: Er machte Sportübungen und verlangte als gläubiger Muslim bei seinen Entführern nach dem Koran. „Das Lesen und Beten gab mir sehr viel Kraft.“

Mit seinen Entführern versuchte er immer wieder ins Gespräch zu kommen. „Sie wussten nicht, was sie tun“, sagt Nouri. Sie seien zu jung gewesen, vielleicht Mitte zwanzig, und indoktriniert. Er erwog, einen seiner Bewacher auf seine Seite zu ziehen, schrieb Briefe an den Anführer der Terroristen, appellierte an ihr Gewissen, ihren Glauben. Doch schließlich wurde ihm klar, dass seine einzige Chance die Flucht war. „Ich hatte unglaubliche Angst. Doch wenn man verzweifelt ist, schöpft man Kraft.“

Stärke in einer Extremsituation bewies auch Gabriele von Lutzau während der Geiselnahme der Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Deutschen Herbst 1977. Vier junge Palästinenser hatten ein Passagierflugzeug auf dem Weg von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main gekapert. Sie forderten die Freilassung der in Stammheim inhaftierten Mitglieder der RAF und die zweier „palästinensischer Genossen“ sowie 15 Millionen Dollar Lösegeld.

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Gabriele von Lutzau war 1977 Stewardess in der „Landhut“, die fast fünf Tage in der Hand eines Terrorkommandos war. Die Gruppe wollte die in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder freipressen

„Die Entführer waren Wahnsinnige“, sagt von Lutzau. In vielen Momenten übermannte die damals 23-Jährige Stewardess die Angst, doch sie half den Passagieren, tröstete sie, nahm sie in die Arme, flüsterte ihnen Mut zu. „Ich fühlte mich als Spielball des Schicksals.“

Das Schicksal war auf ihrer Seite: Nach 107 Stunden landete das Flugzeug auf Anweisung der Entführer in Mogadischu, wo die GSG 9 die Passagiere und die Crew gewaltsam befreite. „Der GSG 9 bin ich heute noch dankbar“, sagte von Lutzau. Drei der vier Entführer wurden damals von der Sondereinheit erschossen. Im Anschluss begingen die in Stammheim inhaftierten Mitglieder der RAF Selbstmord.

Die Rückkehr in den Alltag fiel von Lutzau nach der Geiselnahme schwer. Bei Spaziergängen mit ihrem Kind sah sie Flugzeuge am Himmel explodieren, litt an einer posttraumatischen Belastungsstörung. In ihren früheren Beruf als Stewardess kehrte sie nie zurück, stattdessen wandte sie sich der Kunst zu. Mit Kettensägen und Feuerwerfern kreiert sie heute Figuren aus Bronze. Die Kunst habe sie befreit, sagt sie. Heute habe sie ein erfülltes Leben, sei zudem stärker und durchsetzungsfähiger geworden. „Und ich versuche, viel Gutes in die Welt zu bringen.“ Und dann sei da noch Zeit. „Auch die Zeit heilt vieles.“

Das Audi.torium „Geisel-Namen“: Das traumatische Erlebnis Geiselhaft findet am Mittwochabend, 18. Juni, ab 19.30 Uhr im Audi Forum Neckarsulm statt. Reservierungen sind unter (07132) 31-70110 möglich.


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