Tina Steck
07.11.2014
25 Jahre Mauerfall
Eine deutsch-deutsche Audi-Geschichte

Conrad Schumann ist einer der berühmtesten Mauerflüchtlinge, sein Bild ging um die Welt. 25 Jahre nach dem Mauerfall hat Tina Steck Sohn und Enkel des späteren Audi-Mitarbeiters auf eine deutsch-deutsche Spurensuche in Berlin begleitet.

25 Jahre Mauerfall

Vor dem berühmten Foto mit Conrad Schumann: Erwin Schumann (Mitte) mit seinen Söhnen Lukas und Michael

Das Bild ist überwältigend. Elf mal neun Meter groß, eindrucksvoll an einer Hausmauer in der Bernauer Straße platziert, inmitten der Gedenkstätte Berliner Mauer. Zu sehen ist eine Szene, die sich im August 1961 hier ereignet hat – und die fast jeder kennt. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt den Volkspolizisten Conrad Schumann, der kurz nach dem Baubeginn der Mauer den Sprung in den Westen wagte. Das Foto ging um die Welt, wurde zum Symbol für die Teilung Deutschlands und den Kalten Krieg – und gehört sogar zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Weniger bekannt dagegen ist: Später arbeitete Schumann fast 28 Jahre bei Audi in Ingolstadt.

Die drei Audi-Mitarbeiter, die an diesem sonnigen Septembertag an der Bernauer Straße stehen, kennen den Mauerspringer an der Hausmauer sehr gut: Er ist ihr Vater und Opa. Zum ersten Mal besuchen sie gemeinsam den Ort, an dem ihre Familiengeschichte die entscheidende Wendung nahm. Erwin, Lukas und Michael Schumann gehen bedächtig an den Reststücken der Grenzanlagen entlang. Die sechs Meter hohe Betonwand, der Todesstreifen, ein Wachturm – 25 Jahre nach der friedlichen Revolution ist davon nicht mehr viel übrig.

An den wenigen Stellen, an denen die Mauer noch steht, drängen sich die Touristen. „So viele Menschen sind hier zu Tode gekommen, und so viele Familien wurden auseinandergerissen“, sagt Erwin Schumann. Die Mauer hat das Leben von Millionen Bürgern in Ost und West gegeprägt. Auch etwa 2.000 Audi-Mitarbeiter sind in der DDR geboren und später in Ingolstadt und Neckarsulm „gelandet“. Es sind bewegende Familiengeschichten. Geschichten, die eng mit der deutschen Teilung verwoben sind.

An der Kreuzung Bernauer/Ruppiner Straße halten Erwin Schumann (51 Jahre) und seine Söhne Lukas (23) und Michael (21) lange inne. Es ist genau die Stelle, an der Conrad Schumann gesprungen ist – am Nachmittag des 15. August 1961. Conrad Schumann ist erst 19 Jahre alt, als er abkommandiert wird, den Bau der Mauer zu bewachen. Er kommt aus dem kleinen Dorf Zschochau in Sachsen, hat dort als Schäfer in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) gearbeitet und sich 1960 für den Dienst in der Bereitschaftspolizei gemeldet.

25 Jahre Mauerfall

Die drei Schumanns an genau der Stelle an der Ruppiner Straße, an der Conrad Schumann in den Westen sprang

Als seine Brigade von Dresden nach Berlin verlegt wird, findet er sich an der Front des Kalten Krieges wieder: Seit zwei Tagen lässt SED-Chef Walter Ulbricht West-Berlin einmauern. Fast 2,7 Millionen DDR-Bürger haben ihr Land zuvor verlassen – damit soll nun Schluss sein. An vielen Stellen ist es bisher nur ein Stacheldrahtzaun, der Berlin in zwei Hälften teilt: So auch an der Kreuzung Bernauer/Ruppiner Straße. Conrad Schumann wird sich in den langen Stunden des Posten-Stehens darüber klar, dass er nicht im real existierenden Sozialismus leben will und niemanden daran hindern, die DDR zu verlassen. Er beobachtet, wie Grenzpolizisten ein kleines Mädchen, das seine Großmutter im Ostteil der Stadt besuchte, nicht mehr zu den Eltern in den Westen zurücklassen – ein Schockerlebnis. Und der Ausschlag zur Flucht.

Der junge Schumann drückt den Stacheldraht an einer Stelle mit dem Fuß ein wenig hinunter. Auf der anderen Seite der Straße stehen West-Berliner Polizisten und ein paar Fotografen. In einem günstigen Moment fasst sich der junge Mann ein Herz und springt über die Stacheldrahtrolle. Er streift sich den Riemen seiner Maschinenpistole von der Schulter, lässt sie fallen und läuft zu einem Polizeiauto, das ihn mit offener Türe erwartet. Den Moment des Sprungs hält der Fotograf Peter Leibing mit seiner Kamera fest. Das Bild wird berühmt: Es zeigt den ersten aus der DDR geflüchteten Grenzpolizisten. Ein Symbol!

„Dann kam mein Vater nach Günzburg, wo er ein neues Leben begann“, erzählt Erwin Schumann beim Besuch in Berlin. „Und er lernte dort Gunda kennen, meine Mutter.“ Die Zeit war nicht einfach, denn die Familie in Sachsen war weit weg und Conrad Schumann ein Republikflüchtling – die Staatssicherheit saß ihm im Nacken. 1970 zog die Familie, schon mit Sohn Erwin, ins Altmühltal nach Oberemmendorf. Und am 1. Oktober fing Conrad Schumann als Maschineneinrichter bei Audi an. „Hier fühlte er sich sicher, fast 28 Jahre war er bei Audi zu Hause.“

Von seiner Geschichte wussten nur wenige Kollegen, er erzählte nicht viel davon. Reinhard-Ludwig Mayershofer, von 1988 bis 1996 Conrad Schumanns Vorgesetzter, beschreibt ihn als einen zurückhaltenden und gewissenhaften Mitarbeiter. „Der Conny hat bei uns Radnaben für den Audi 80 und den Audi 100 bearbeitet“, sagt Mayershofer. Aus seiner Flucht habe er keine große Sache gemacht. Das Leben der Familie Schumann hat sie gleichwohl in vielfacher Weise geprägt. „Mein Vater hat seine Eltern, seinen älteren Bruder und die kleine Schwester in Sachsen zurückgelassen“, erzählt Erwin Schumann. „Aber er hat den Kontakt immer gehalten, hat ihnen jahrzehntelang Briefe und Fresspakete geschickt.

Erst 1975 durfte uns sein Vater zum ersten Mal in Oberemmendorf besuchen. Meine Frau Jutta und ich sind 1988 erstmals zu den Verwandten in den Osten gefahren.“ Die Reisen in die DDR haben Erwin und Jutta Schumann sehr bewegt: die Anträge, das Melden bei der Polizei. „Wir waren immer erleichtert, wenn wir wieder über die Grenze nach Bayern gekommen sind.“

25 Jahre Mauerfall

Das Poster mit dem berühmten Foto des Mauersprungs ist bis heute ein Bestseller

Mittlerweile arbeitete auch Sohn Erwin als Maschinenschlosser im Presswerk bei Audi und fuhr gemeinsam mit dem Vater zur Schicht. Conrad Schumanns Arbeitsalltag wurde dabei immer wieder unterbrochen – das Foto hatte ihn weltberühmt gemacht. Internationale Filmteams kamen ins Altmühltal, auch bei Audi gingen Presseanfragen ein. Zu den Jahrestagen des Mauerbaus wurde er interviewt, in Talkshows eingeladen und neben dem historischen Foto porträtiert. 1987 lud US-Präsident Ronald Reagan den Mauerspringer nach Berlin ein.

Dann brach das Wendejahr 1989 an: „Meine Frau und ich sind im August zur Hochzeit meines Cousins in den Osten gefahren“, erinnert sich Erwin Schumann: „Da hat man schon gemerkt, dass sich was tut.“ Als schließlich in Berlin die Mauer fiel und die Menschen weltweit mit Gänsehaut vor den Fernsehern saßen, war Conrad Schumann gerade in der Spätschicht. Als er am späten Abend des 9. November 1989 nach Hause kam und die Neuigkeiten erfuhr, war er fassungslos. „Kurz danach fuhr er nach Berlin und nahm am Checkpoint Charlie an einer Pressekonferenz teil“, berichtet Erwin Schumann. „Er freute sich über den Fall der Mauer, über die Öffnung der Grenze.“ Und Conrad Schumann sagte einmal mehr, dass er den Sprung vor 28 Jahren nie bereut habe.

Er besuchte erneut den Ort seiner Flucht. Wie sehr ihn das bewegte, beschrieb er in einem Interview: „Ich war in der Bernauer Straße. Als ich das gesehen habe, da musste ich weinen.“ Doch auch nach der Wiedervereinigung blieb die Unruhe, die Angst vor der Verfolgung durch die Stasi. Seit 1961 hatte sie Conrad Schumann nie losgelassen – und sie war nicht unbegründet: „Die Staatssicherheit hatte einen dicken Akt über den ‚Republikflüchtling‘ angelegt. Mit Vernehmungsprotokollen, Zeitungsartikeln, Telefonmitschnitten, Haftbefehlen. Der letzte war erst 1987 ausgestellt worden“, weiß Erwin Schumann. 1998 nahm sich sein Vater das Leben.

Knapp 25 Jahre nach dem Mauerfall stehen Erwin, Lukas und Michael Schumann im Souvenirshop des Berliner Mauermuseums am Checkpoint Charlie. Überall sehen sie das weltbekannte Foto – auf Ansichtskarten, Postern, Magneten, Zündholzschachteln und sogar Schokoladetafeln. „Das ist schon krass“, sagt Michael. Lukas nickt. „Für uns war er nie der Springer, sondern einfach der Opa.“

Heute arbeiten auch sie bei Audi und das Unternehmen ist bei den Schumanns immer ein Thema. Aktuell am wichtigsten ist aber die Reise zur Spurensuche in Berlin – zum ersten Mal mit den beiden Söhnen. Am Tag nach dem Besuch an der Bernauer Straße und im Mauermuseum gehen sie zur Stasi-Unterlagen-Behörde in der Karl-Liebknecht-Straße. Einmal mehr wollen die Schumanns Einsicht in die Akten beantragen, um ihrer Familiengeschichte, die mit dem berühmten Bild eine historische Dimension bekommen hat, noch ein Stück tiefer auf den Grund zu gehen. Und dann? Dann schicken sie Conrad Schumanns Mutter, die noch immer in Zschochau lebt, ein Foto. Ein Foto von der Berliner Mauer, mit den Nachfahren des Mauerspringers.


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