Marlon Matthäus
10.12.2014
Audi.torium
Der Spaziergangswissenschaftler

Bertram Weisshaar spaziert nicht, er forscht. Im Audi.torium spricht der Promenadologe über sein ungewöhnliches Fachgebiet. Seine These: Landschaften entstehen nur in unseren Köpfen. Wer die Welt entdecken will, der muss zu Fuß gehen.

Gesprächsverlauf: Moderator Thomas Tacke, Audi Kommunikation, im Gespräch mit Bertram Weisshaar

Betram Weisshaar liebt es herumzulaufen. Er schlendert, wandert, geht spazieren. Alles im Namen der Wissenschaft. Bertram Weisshaar ist Experte auf exotischem Terrain: Er ist Spaziergangswissenschaftler, ein sogenannter Promenadologe.

„Die Wurzeln der Promenadologie reichen zurück in die 80er Jahre. Damals haben die Universitäten noch experimentelle Fächer zugelassen – und wir Studenten haben sie gerne besucht“, sagt Weisshaar. Alles nur Scherz, mochte an diesem Punkt der eine oder andere Gast im Audi.torium mit dem treffenden Titel „Die Lauf-Masche“ gedacht haben. Doch die Zuschauer wurden eines Besseren belehrt.

„Die Wissenschaft vom Spazierengehen wurde aus Disziplinen wie Urbanistik, Soziologie, Landschaftsplanung und Architektur geschaffen. Sie hilft, die Umwelt besser zu verstehen und Städte lebenswerter zu gestalten“, erklärt Weisshaar die Ursprünge seines ungewöhnlichen Fachgebiets. Für dessen Anhänger gilt: Nur wer einen Ort mit allen Sinnen erfährt, der entwickelt ein Gefühl dafür, was dort passiert und entstehen könnte. „Auch wenn ich jetzt einräumen muss, dass die Anzahl der Experten, die in meinem Fachbereich tätig sind, recht überschaubar ist“, sagt Weisshaar und muss dabei schmunzeln. Auf seinen Exkursionen im offenen Feld treibt ihn die wissenschaftliche Neugier an: „Wenn ich spazieren gehe, dann fühle ich. Dann rieche ich. Ich kann rasten wann ich will und mich umschauen. Ich kann meine Umgebung bewerten und eine neue Sicht auf meine Umwelt bekommen“, erklärt Weisshaar dem Publikum.

Spaziergänger: Bertram Weisshaar ist Experte auf dem Gebiet der Promenadologie, der Wissenschaft vom Spazierengehen

Angefangen hat für den 52-jährigen alles mit dem Besuch eines Braunkohletagebaus in der Nähe von Dessau. „Ich war Student im ersten Semester, eingeschrieben für Landschaftsplanung und hatte Spaziergangswissenschaft nur als Nebenfach. Jetzt stand ich da vor einem dunklen, schmutzigen Loch. Für die Gesellschaft war der Tagebau damals das Sinnbild für die Zerstörung der Umwelt. Für mich war es aber wunderschön“, erinnert er sich. Ihm wurde bewusst, dass Landschaften etwas Künstliches sind. Etwas, das nur in unseren Köpfen entsteht. „Die Alpen, das Meer und die Heide, das sind für uns schöne Landschaften. Aber nur, weil sie von Malern und Schriftstellern als schön stilisiert werden.“

Weisshaar hatte seine Berufung gefunden: „Ich wollte die Wahrnehmung und das Denken der Menschen verändern. Ich wollte mit ihnen neue Landschaften erschaffen.“ Kurz darauf führt er die ersten Spaziergänger im Braunkohletagebau herum, zeigt ihnen die Schönheiten dieses unwirtlichen Ortes. „Es ist wie beim Fotografieren. Es kommt auf den Ausschnitt an. Ich kann bestimmte Bereiche ausblenden oder ins richtige Licht setzen. Dann ist das Ergebnis stimmig“, sagt Weisshaar.

Anziehungspunkt: Das Audi Forum Ingolstadt war auch diesmal gut besucht

Weitere Projekte haben ihn in den letzten Jahren von Leipzig nach Köln spazieren und mit dem Fernbus durch Europa reisen lassen. „Für mich war es dabei immer wichtig, vom Sehen zum Erkennen zu kommen“, erklärt der Spaziergänger. Während er auf dem Weg nach Köln das Wesen von Kleingartenkolonien erkundet, beschäftigt er sich auf seiner Tour durch Europa mit der Integration von Busbahnhöfen im urbanen Umfeld. Auf die Frage von Moderator Thomas Tacke, ob seine Aktionen eher Kunst oder Wissenschaft seien, antwortet Weisshaar: „Am Ende ist meine Arbeit eine gesunde Mischung. Doch bestimmte Dinge kann man nur durch die Kunst vermitteln, ohne beleidigend oder gar belehrend zu sein.“

Die nächste große Herausforderung steht für den Promenadologen schon vor der Tür: Eine Fernwanderung von A nach B. Von Aachen nach Zittau. Einmal quer durch Deutschland. „Ich werde dabei an Atommeilern, Müllhalden und Kiesgruben vorbeikommen. Alles Orte, die Menschen erst einmal nicht mögen. Diese Wirkung möchte ich erforschen.“


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