Dorothea Joos
02.09.2015
Interview zur Smart Factory
Die Fabrik der Zukunft

Maschinen, die sich selbst organisieren? Was wie Science-Fiction klingt, soll in der Smart Factory Realität werden. Darüber sprechen Hubert Waltl, Audi Produktionsvorstand, und Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.

Smart Factory

Vordenker: Audi-Produktionsvorstand Hubert Waltl (links) im Gespräch mit Reimund Neugebauer.

Herr Neugebauer, was verbirgt sich eigentlich hinter dem Trendwort „Industrie 4.0“?

Neugebauer: Industrie 4.0 ist ein Synonym für die vierte industrielle Revolution. Die Erfindung der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts markiert die erste industrielle Revolution. 100 Jahre später hielt die Elektrizität Einzug in die Produktionshallen, und die Fließbandfertigung setzte sich durch. Heute bezeichnen wir das als zweite industrielle Revolution oder auch Industrie 2.0. Das Automobil wurde damit zum Produkt für die Massen, denn der Preis halbierte sich.

In den 1970ern trieben Elektronik und IT die Automatisierung und Digitalisierung voran. Das ist Industrie 3.0. Roboter und Computer in der Produktion wurden zur Normalität. Industrie 4.0 geht einen Schritt weiter: Maschinen und sogar Materialien werden sich über die Daten-Cloud vernetzen. Dank Mikrochips und Big Data kommunizieren sie drahtlos, organisieren und optimieren sich bald selbst. Eine Smart Factory also.

RFID-Chips, Augmented Reality und virtuelle Fertigung haben längst Einzug in die Audi-Produktion gehalten. Ist Industrie 4.0 wirklich so revolutionär?

Waltl: Vor acht Jahren haben Audi-Werkzeugbauer aus Ingolstadt erstmals Anlagen in China gewartet. Und zwar aus ihrem Büro hier in Deutschland. Schon damals hat Audi Datenverbindungen über das Internet für diese Fernwartung genutzt. Für mich ist Industrie 4.0 daher nicht revolutionär. Die Vernetzung der gesamten Produktion gleicht eher einer Evolution.

Neugebauer: Ich sehe das anders. Evolutionen bereiten den Boden für die Revolution. Auch wenn sich die Technologien rund um Industrie 4.0 evolutionär durchsetzen. Die eigentlichen Auswirkungen und Möglichkeiten sind noch nicht absehbar. Ihr Potenzial ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Die Revolution steht uns erst noch bevor.

Ob nun Evolution oder Revolution, wie sieht sie denn aus, die Smart Factory der Zukunft?

Waltl: Die Automobilfertigung, wie wir sie heute kennen, wird es nicht mehr geben. Das tayloristische System, der Takt am Fließband, alles Geschichte. Vielleicht gibt es noch nicht mal mehr eine Bandfertigung. Wir brauchen flexiblere Montageprozesse.

Smart Factory

Vision: Menschen, die mit optimaler Unterstützung arbeiten. Kreisläufe, die Material und Ressourcen optimal nutzen – das ist die Smart Factory.

Neugebauer: Das ist der große Unterschied zu Industrie 3.0. Damit Automation funktioniert, war Stabilität nötig. Heute sind Produktlebenszyklen kürzer. Neue Produktanläufe müssen in immer weniger Zeit gestemmt werden. Die Modellpalette der Automobilhersteller wird breiter. Da ist Flexibilität gefragt.

Waltl: Deshalb hat Audi Zukunftsszenarien für flexible Produktionsmodelle entwickelt. Da fahren zum Beispiel Karosserien auf Fahrerlosen Transportsystemen (FTS) durch die Produktionshalle. Sie bewegen sich von Station zu Station, wissen genau, welcher Mitarbeiter gerade Kapazitäten frei hat. Mensch und Roboter bauen das Auto in sogenannten Kompetenzinseln gemeinsam nach dem Werkstattprinzip. Kleine Roboter fahren frei herum, kommunizieren mit dem FTS und liefern die nötigen Teile zur richtigen Zeit an die richtige Station.

Neugebauer: Auch neue Werkstoffe spielen eine Rolle. Heute arbeiten viele Automobilhersteller bereits nach der Mischbauweise. Karosserien bestehen aus Stahl, Aluminium und Carbon. Biomassematerialien werden in Zukunft immer wichtiger. Vielleicht wird die Karosserie bald aus Baumwolle, Hanf- und Holzfasern hergestellt. Das ist eines unserer Forschungsprojekte aus dem Anwendungszentrum für Holzfaserforschung in Braunschweig.

Waltl: Neue Materialien und Aggregate verändern natürlich auch den Fahrzeugaufbau. Da wird die virtuelle Planung immer wichtiger. Audi testet bereits seit über zehn Jahren Produktionsschritte in der virtuellen Welt. Mit 3D-Brille und über Gestensteuerung wird zum Beispiel erprobt, ob die Montage im Motorraum für die Mitarbeiter ergonomisch ist. So erkennen wir eventuelle Probleme lange bevor sie am Band auftreten.

Neugebauer: Und selbst, wenn einmal ein Problem im Produktionsprozess auftritt: In der Smart Factory sind alle Maschinen, Materialien und Bauteile miteinander vernetzt. Sie erkennen das Problem entweder bereits bevor es auftritt. Oder sie beheben es selbst. Wenn das nicht geht, melden sie die Störung in Echtzeit an einen Mitarbeiter. Vielleicht sogar schon mit Lösungsvorschlägen.

Das hört sich nach einer menschenleeren Fabrik an.

Neugebauer: Nein, ganz im Gegenteil. Der Mensch bleibt überall da wichtig, wo Kreativität gefordert ist. Dort, wo nicht Algorithmen das Problem beheben können, sondern nur Schöpfertum zur Lösung führt. Es geht nicht darum, den Menschen zu ersetzen, sondern darum, ihn durch Maschinen und Daten optimal zu unterstützen.

Weiterlesen? Das ganze Interview finden Sie im DIALOGE Magazin der AUDI AG. Auf Scribd können Sie sich das komplette Magazin herunterladen – oder sie stöbern ein bisschen in der digitalen Version.


Kein Kommentar bisher.

Schreibe einen Kommentar

Benötigte Felder sind markiert. *

Nach dem Absenden Ihres Kommentars wird dieser durch die Redaktion überprüft und freigegeben.

Wenn Sie zum ersten Mal im Blog kommentieren, müssen Sie einmalig Ihre Identität bestätigen. Dazu erhalten Sie eine E-Mail mit einem personalisierten Link, den Sie für die Verifizierung Ihrer Angaben bitte aufrufen. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben.