Julia Hecker
01.10.2015
Audi.torium
Vom Hippie zum ZDF-Sportchef

Egal ob Olympia, Fußball oder der Ironman: Wo es um Sport geht, ist auch er – für uns oft nur seine Stimme. Wer steckt hinter dieser Stimme? Dieses Geheimnis lüftete Wolf-Dieter Poschmann beim Audi.torium in Ingolstadt.

Wilde Zeiten: Wolf-Dieter Poschmann spricht über seine Vergangenheit als Hippie.

Wilde Zeiten: Wolf-Dieter Poschmann spricht über seine Vergangenheit als Hippie.

 

Gänsehautstimmung im Audi Forum. Die Blicke gehen alle in Richtung Leinwand. Zu sehen ist Olympia 2000 in Sydney, der 800-Meter-Lauf. Alle lauschen gespannt der Stimme aus dem Lautsprecher: „Nils Schumann liegt schlecht, er muss da jetzt rauskommen irgendwann, am besten jetzt gleich hinter dem Algerier, sonst ist es zu spät. … Nils Schumann, da ist die Lücke, daaaa müsste er jetzt durch und da geht er auch durch. Noch ist er auf einem Medaillenplatz, aber es wird eng. … Jetzt ist Nils Schumann an zweiter, dritter Position. Schumann vorne, Schumann vooorne, Schumann wiiird Olympiasieger. Wahnsinn. Waaahnsinn.“ Der 22-Jährige Nils Schumann holt Gold für Deutschland. Ziemlich genau 15 Jahre ist das jetzt her und Wolf-Dieter Poschmann erinnert sich noch ganz genau an diesen Moment, er hat damals live kommentiert.

In Aktion: Poschmann stellt sich einem Audi.toriums-Gast beim Torwandschießen und gewinnt.

In Aktion: Poschmann stellt sich einem Audi.toriums-Gast beim Torwandschießen und gewinnt.

 

Bevor er aber zu dem Moderator wird, den wir heute kennen, ist er selbst Profisportler – Leichtathlet. Nebenbei studiert er in Köln Germanistik, Pädagogik, Sport und Geschichte. 27 Semester lang. „Das war dem Training zwei Mal am Tag geschuldet und dem Mittagsschlaf. Für Seminare blieb nicht mehr viel Zeit“, schmunzelt er. Den Rat seines Professors, sich Zeit zu lassen, denn so viel Freiheit habe er nie wieder, befolgt er konsequent, worüber sich die Freude seines Vaters in Grenzen hält. Um sein Studium zu finanzieren, muss er nebenbei arbeiten – in der Disco, als Taxifahrer. Er hatte immer Jobs, in denen er mit Menschen zu tun hatte, das war ihm wichtig. Als Student ist er eine Ausnahme unter den Taxifahrern, darf die englisch-sprechenden Künstler immer chauffieren, wenn Konzerte in Köln sind. „Da hab ich dann unter anderen die Rolling Stones kennengelernt“, schwärmt er.

Während seiner Studienzeit verbringt Poschmann ganze Wochenenden auf Festivals „unter minderhygienischen Verhältnissen“ – will ein Hippie sein und probiert alles aus, was dazu gehört. Was das war? „Kirschblütentee und sowas“, scherzt er. „Das war ne wilde Zeit, aber war klasse.“ Als dann aber die „Generation Stricken“ an die Unis kommt, weiß er sofort: „ Ne Poschmann, das ist nicht mehr deine Zeit“. Staatsexamen.

Zwischenzeitlich hat er den Traum, in die Gastronomie zu gehen: „Ich hatte tolle Ideen, hab´s aber dann doch nicht gemacht“. Er landet schließlich als Hospitant beim ZDF. Schnell folgt der Aufstieg vom taxifahrenden Studenten zum Sportchef – dank guten Genen und Talent, glaubt er: „Es gibt einfach Leute, die kommen quasselnd zur Welt“. So hat er immer dran gearbeitet, einfach mal zu schweigen, „und es hat niemals geklappt“, erzählt er.

Vom Hippie zum ZDF-Sportchef

Erzählcafé: Gespannt lauschen die Gäste beim Audi.torium dem Sportmoderator Poschmann.

 

Mit das Wichtigste in seinem Job ist seiner Meinung nach aber, dass man ein selbsthämischer Typ ist, der auch mal über sich selbst lachen kann: „Ich glaube, sonst kann man in dem Job nicht glücklich sein.“ Gerade wenn man in der Öffentlichkeit steht, seine Meinung sagt, polarisiert, „kann man in den klimatisierten Räumlichkeiten bleiben, aber wenn man auf den Balkon tritt, wird es windig“. Für ihn selbst war es auch ein langer Lernprozess, erinnert er sich, „aber das gehört einfach dazu“. Gerade wenn man Fehler gemacht hat, muss man auch mal Kritik einstecken können, sagt er, „und wenn´s einfach nur Häme ist, denkt er sich: nicht mal gut geschrieben.“

Audi.torium in Ingolstadt.

Nach 10 Jahren gibt er den Sportchef-Posten freiwillig ab: „Das war, als hätte man mir einen Rucksack weggenommen – die ganze Verantwortung. Nach 10 Jahren Sportchef bist du einfach platt“, blickt er zurück. Dennoch sieht er seinen Job nach wie vor als großes Privileg, ist unendlich dankbar, wie er selbst sagt, „denn für jemanden, der aus dem Sport kommt, der mit Sport aufgewachsen ist, ist das der Traumjob“.


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