Guido Stalmann
13.11.2015
Ducati Riding Experience
Die roten Hosen

Motorradfahren ist pure Freude. Mit einer Ducati wird die Freude zur Lust. Doch die italienische Motorradschmiede und Audi-Tochter hält noch eine Steigerung parat: die Ducati Riding Experience – eine Fahrschule mit hohem Adrenalinfaktor.

Die roten Hosen

Vor der Praxis steht die Theorie: Chefinstruktor Dario Marchetti beim Briefing am Morgen.

 

Bevor er bei der morgendlichen Theoriestunde die wichtigste Anweisung des Tages an seine Schüler richtet, setzt Dario ein sehr ernstes Gesicht auf. Keine leichte Aufgabe für den sympathischen Italiener, der sonst stets gute Laune verbreitet. Um seiner Warnung Nachdruck zu verleihen, hebt Dario sogar den ausgestreckten Zeigefinger, seine Augenbrauen wandern ein paar Millimeter in Richtung der kahlgeschorenen Schädeldecke. Er hält einen Moment inne, lässt seinen Blick durch den schmucklosen Besprechungsraum neben der Rennstrecke wandern. Rund 50 Fahrschüler sitzen hier in Ledermontur und starren ihn erwartungsvoll an. Dann schließt Dario seine Einweisung mit einer klaren Aufforderung ab: „Und dass ja keiner versucht, mir zu imponieren!“

Ducati Riding Experience

Die Warnung weiß jeder der anwesenden Teilnehmer einzuordnen. Es ist die eindringliche Aufforderung, es bei dem Rennstreckenlehrgang der Ducati Riding Experience, kurz: DRE, unter keinen Umständen zu übertreiben. Denn wer sich hier in den Grenzbereich der Selbsteinschätzung begibt, der läuft leicht Gefahr, unliebsame Bekanntschaft mit dem Asphalt zu machen. Und Sicherheit ist bei der Riding Experience höchstes Gebot. Es dürfte ohnehin kaum möglich sein, einem dieser Instruktoren mit seinen Fahrkünsten zu imponieren. Schließlich handelt es sich durchweg um ehemalige oder aktive Rennfahrer, die beim Racing Course 1 auf dem italienischen Adria Raceway in der Kunst der sportlichen Fortbewegung auf zwei Rädern unterrichten.

Die roten Hosen

Aufwärmtraining: Racing Course 1 beginnt mit Übungen auf einem Parcours mit Pylonen.

 

Dario Marchetti ist Chefinstruktor und Vater der Ducati Riding Experience, die vor elf Jahren mit einem Kurs auf der Rennstrecke von Imola ihren Lehrbetrieb aufnahm. Davor war er mehr als zwei Jahrzehnte als Rennfahrer aktiv: in den Weltmeisterschaften der 125-, 250- und 500-cm³-Klasse, in der Superbike- Weltmeisterschaft sowie bei Langstreckenrennen. Zu Darios zehnköpfigem Kompetenzteam, das er an diesem Morgen den Teilnehmern vorstellt, zählen unter anderem Alessandro Valia, Ex- Rennfahrer und heute Cheftestfahrer von Ducati, sein italienischer Landsmann Manuel Poggiali, der 2001 als 18-Jähriger die Weltmeisterschaft der 125er-Klasse und zwei Jahre später die 250er-Kategorie gewann, oder der Australier Andrew Pitt, 2008 Weltmeister in der Supersport-Kategorie. Ein Narr, wer diesen Kalibern zu imponieren versucht.

Nächster Stopp: Boxengasse

Nach der Vorstellung seiner Instruktoren sowie einer 30-minütigen Theorieeinheit bittet Dario zur Praxis hinunter in die Boxengasse. Der Unterricht in der Ducati-Schule ist altersübergreifend. Hier drücken Mittzwanziger die Sitzbank gemeinsam mit Lernwilligen, die bereits auf die 60 zugehen. Zur Klasseneinteilung dienten am Vortag einführende Übungseinheiten auf dem Parkplatz. Jeweils fünf Teilnehmer bilden eine Gruppe, insgesamt zehn Gruppen sind an diesem Tag am Start. Erfahrene Teilnehmer – zu erkennen an den abgeschliffenen Knieschonern der Lederkombi – werden separiert. Dadurch spüren diejenigen, die zum ersten Mal auf einer Rennstrecke fahren, keinen gruppendynamischen Druck. Ein pädagogisch sinnvoller Ansatz.

Tipps vom Motorrad-Weltmeister: Instruktor Manuel Poggiali mit seinen Fahrschülern.

Tipps vom Motorrad-Weltmeister: Instruktor Manuel Poggiali mit seinen Fahrschülern.

 

Ihre Passion: Motorradfahren

In einem Punkt befinden sich ausnahmslos alle Teilnehmer auf einem außerordentlich hohen Niveau: der Passion fürs Motorradfahren. Viele sind Besitzer einer Ducati, nicht wenige haben daheim mehr als ein Motorrad in der Garage. Die emotionale Strahlkraft der Kultmarke aus Bologna in Kombination mit einem professionellen Schulungsangebot hat ein buntes Völkchen aus der ganzen Welt zum Adria Raceway gelockt. Frank, der Polizist aus München, hat den DRE-Kurs mit einem Kurzurlaub in Italien verbunden. Elie, der gelernte Ingenieur aus Israel, ist extra für den anderthalbtägigen Kurs eingeflogen.

Für Steven, den Geschäftsmann aus Griechenland, ist es ebenso das erste Mal auf der Rennstrecke wie für den Italiener Palmiro: „Normalerweise fahre ich entspannt mit meiner Tourenmaschine“, erklärt er, „aber das Rennstreckentraining der Ducati Riding Experience wollte ich unbedingt einmal ausprobieren.“

Zweifelsohne nicht zum ersten Mal dabei ist Sergej, ein junger ambitionierter Russe, der schon bei den Übungen am Vortag auf dem Parkplatz mit Schräglagen glänzte. Soweit ist Michael noch nicht. Für den Amerikanern ist Racing Course 1 eine Vorbereitung für sein ganz persönliches Sommerprogramm. Er plant, seine neue Ducati 1199 Panigale Superleggera – die in limitierter Auflage produzierte und mehr als 149 kW (über 200 PS) starke High-End-Version des Superbikes aus Bologna – auf einigen Rennstrecken in Europa artgerecht auszuführen.

Helm auf, Handschuhe an und ab auf die Strecke

Das internationale Teilnehmerfeld macht sich in der Boxengarage für die erste Übungseinheit fertig. Rückenprotektor anziehen, den Reißverschluss der Lederkombi bis zum Anschlag hochziehen, Helm aufsetzen, Handschuhe überstreifen. In der Boxengasse wartet bereits das edle Unterrichtsmaterial: 25 Exemplare der Ducati 899 Panigale, einheitlich in weiß, fünf Reihen à fünf Motorräder, jeweils angeführt von der roten Ducati des Instruktors. Allein der Anblick lässt Motorradfahrerherzen höherschlagen. Die 899 ist das Einstiegsmodell von Ducati im Superbike-Segment. 109 kW (148 PS), 169 kg Trockengewicht. ABS und Traktionskontrolle sind elektronisch einstellbar. Und dank Ducati Quick Shift Technologie kann man hochschalten wie in der MotoGP: unter Volllast ohne zu kuppeln. „Es ist das ideale Motorrad für den Einstieg auf der Rennstrecke“, sagt Dario. „Es ist sehr handlich, hat ausreichend Power und elektronische Assistenzsysteme wie Traktionskontrolle und ABS.“ Davon dürfen sich die ersten Teilnehmer nun selbst überzeugen.

Die roten Hosen

Mit der 899 Panigale auf dem Adria Raceway.

 

Der Stundenplan für den Tag sieht vor, dass stets fünf Gruppen 20 Minuten gleichzeitig auf der Strecke sind, während die anderen fünf Gruppen in der Boxengarage mit ihrem Instruktor Theorieunterricht haben. Wie sitzt man bei sportlicher Fahrweise richtig auf dem Motorrad? Wie setzt man die Stiefel auf der Fußraste auf, ohne dass sie bei der Kurvenschrägfahrt den Asphalt berühren, was zum Sturz führen kann? Wie wird das Motorrad aus hoher Geschwindigkeit sicher abgebremst und wie schaltet man dabei runter? Oder wie lehnt man sich bei extremer Kurvenschrägfahrt neben das Motorrad? Bei allem Spaß am Sportunterricht – der pädagogische Ansatz der DRE ist nicht zu vernachlässigen: Wer lernt, auf der Rennstrecke ein Motorrad im Grenzbereich zu bewegen, der profitiert davon auch bei normalem Tempo im Straßenverkehr.

Von der Theorie in die Praxis

Das Erlernte kann dann unmittelbar in der nächsten Praxiseinheit umgesetzt werden. Dabei folgt die Gruppe in einer Reihe dem Instruktor, der mit gutem Gespür für die Leistungsfähigkeit seiner Schüler das Tempo vorgibt. Während der Praxis- Sessions gilt absolutes Überholverbot. Privatduelle in Schräglage würden das Risiko erhöhen, ganz davon abgesehen, dass profilierungssüchtige Streber – wie im normalen Schulalltag auch – den Klassenfrieden stören. Schließlich wird bei der DRE eine forcierte Gangart kultiviert. Die 275 km/h Höchstgeschwindigkeit, die mit der 899 möglich sind, würden auf der insgesamt 2,7 Kilometer messenden Rennstrecke vor den Toren Venedigs allerdings nicht einmal die Instruktoren erreichen. Dafür ist die Start-Ziel-Gerade einfach zu kurz.

Die roten Hosen

Auf Tuchfühlung mit dem Asphalt: Instruktur und Teilnehmer mit den Knien am Boden.

 

Auf dem Adria Raceway liegt der Topspeed mit der 899 knapp unter der 200-km/h-Marke, ein Wert, der allemal respekteinflößend ist. Wer dann das Motorrad am Ende der Geraden hart abbremst, ohne dass das Hinterrad nervös zu schlingern beginnt, dabei mit sauberen Zwischengasstößen vom sechsten in den zweiten Gang runterschaltet, die 899 in die Linkskurve einlenkt und den Oberkörper mit ausgestrecktem rechten Arm neben das Motorrad verlagert, so dass sich die Einheit aus Mensch und Maschine kontrolliert Richtung Kurvenscheitelpunkt senkt, der schafft es, dass der Knieschoner wie bei den Profis den Asphalt berührt. Dieser ultimative Beleg einer respektablen Schräglage löst bei Rennstreckennovizen höchste Glücksgefühle aus.

Vollprofi mit Knie am Boden

Und wem es am Ende des Lehrgangs gelingt, das Knie in zügiger Kurvenfahrt regelmäßig in Kontakt zur Fahrbahn zu bringen, dem stellt die Ducati Riding Experience das Versetzungszeugnis für den Kurs „Track Master“. Der findet auf berühmten italienischen Rennstrecken von Misano und Mugello statt, wo auch die Motorrad-Weltmeisterschaft MotoGP gastiert. Die Kursteilnehmer sind dort mit der großen Schwester der 899 unterwegs, der 1299 Panigale S mit 205 PS. Auf der ein Kilometer langen Start-Ziel-Gerade von Mugello kann man sich mit der 1299 S problemlos der 300 km/h-Marke nähern. Dort dürften Darios mahnende Worte zu Beginn des Lehrgangs noch etwas eindringlicher ausfallen.


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