Dorothea Joos
05.02.2016
Unterwegs im Technikträger - Teil 3
Audi-Technologien im Extremtest

Mitten im frostigen Nirgendwo testen Audi-Entwickler neue Modelle und Technologien unter kältesten Bedingungen. Passender Deckname: Kalt 1. Genaue Lage: unbekannt. Blog-Autorin Dorothea Joos zu Besuch an der Top-Secret-Location.

Der neue Audi Q7 e-tron quattro im Test auf Eis und Schnee.

 

Wie ein wilder Bulle beim Rodeo dreht sich der Audi Q7 e-tron quattro mehrmals um die eigene Achse und wirbelt mächtig Schneestaub auf. Im Anflug leichter Panik klammere ich mich an meinem Sitz fest. Doch Björn Kürten fängt den Audi wieder ein und bringt ihn sicher zum Stehen. Soeben hat der Audi-Entwickler den wohl eindrucksvollsten Beweis für den Nutzen seiner Arbeit erbracht: „Das würde passieren, wenn unsere Autos kein ESC hätten.“

Für das Manöver hat Kürten die elektronische Stabilitätskontrolle (ESC) kurzfristig ausgeschaltet. „Wenn ich erzähle, dass wir auf Eis und Schnee testen, haben die meisten spektakuläre Bilder im Kopf,“ sagt Kürten. Mit seinem Alltag am Polarkreis habe das in der Regel wenig zu tun. Selten gehe es um waghalsige Drifts. „Wir stimmen das ESC für jede Baureihe individuell ab – vom Prototyp bis zum seriennahen Audi.“ Dafür fährt Björn Kürten nach einem vorgeschriebenen Testkatalog und sammelt Tag für Tag hunderte Gigabyte Sensordaten, wertet sie aus, passt Einstellungen an, fährt die Tests erneut.

Hier kommt auch der Audi Q7 e-tron quattro ins Rutschen: Vollbremsung auf vereister Fahrbahn bei ausgeschaltetem ESC.

 

400 Entwickler, 24 Strecken

Seit fünf Jahren fliegt Björn Kürten – so wie 400 andere Audi Entwickler – von November bis März in den hohen Norden. Ihr Ziel: das geheime Testgelände Kalt 1. Die Mission: neue Modelle und Technologien an die Belastungsgrenze bringen. Für die so genannte Kalterprobung stehen 24 Teststrecken mit unterschiedlichsten Oberflächen zur Verfügung – vom Hindernisparcours bis zur polierten Eisfläche auf einem zugefrorenen See.

In der Einsamkeit der skandinavischen Wälder hat sich die Sonne gerade wenige Zentimeter über den Horizont geschoben. Es ist kurz vor 12 Uhr mittags. Zeit für eine Pause. Björn Kürten nimmt mich mit zurück in die Werkstatt. Als wir aussteigen, läuft im Werkstatt-Radio gerade Bayern 3. Ein bisschen Heimat, tausende Kilometer entfernt von zu Hause.

Streng geheim

Vor den roten Wellblech-Werkstätten steht Entwickler Christian Knely an seinem ibisweißen Audi R8. Was er heute testet? „Bitte einsteigen, dafür müssen wir das Gelände verlassen.“ Hinter dem Audi R8 schließt sich langsam das mit grünem Vlies verhängte Tor. Als ich in den Seitenspiegel schaue, verschwinden gerade die Umrisse der Werkstätten zwischen schneebedeckten Tannen. Es wirkt, als hätte jemand die geheime Militärbasis Area 51 mitten in die Kulisse eines kitschigen Weihnachtsliedes gebeamt.

Testgelände wie Kalt 1 sind gut getarnt und werden streng bewacht. Patrouillen fahren am Zaun auf und ab. Kameras beobachten jede Regung. Sensoren warnen vor Drohnen. Denn wenn Bilder von geheimen Technologien oder Designs vorzeitig an die Öffentlichkeit geraten, bedeutet das einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden für Audi.

Heute haben die Erlkönig-Jäger kein Glück – Christian Knelys 610 PS-Bolide ist ein Serienauto. Unter der Karosserie aber stecken wichtige Technologien, die es zu testen gilt. Als wir auf der anderen Seite des zugefrorenen Sees angekommen sind, liegt vor uns der kurvenreiche Parcours, bedeckt mit einer dünnen Schicht Schnee. „Optimale Bedingungen, um den quattro-Antrieb herauszufordern“, sagt Knely freudig. Tests auf solchen Fahrbahnen sind unerlässlich, um dem Kunden Fahrspaß und sicheres Handling zu gewährleisten – und das bei jedem Wetter.

Ingenieur Knely testet die Grenzen des Audi R8 aus.

 

Eiskaltes Drifterlebnis

Knely steht mit dem Flitzer am Start der Strecke, legt den ersten Gang ein. Er tritt das Gaspedal durch, der Motor röhrt, der R8 schnellt nach vorne und presst mich in den Sitz. Nur ein paar Sekunden später driftet Knely das Geschoss sauber um die erste Kurve. Das Heck schlittert nur wenige Zentimeter an der Schneewand vorbei, doch Knely hat den Wagen fest im Griff. „quattro eben“, sagt er und grinst über das ganze Gesicht.

Seit 17 Jahren fährt Knely in der Wintersaison nach Skandinavien. Den Spaß am Testen hat der 41-Jährige nie verloren. „Unter diesen extremen Bedingungen zu testen, das verlangt nicht nur dem Auto, sondern auch mir Höchstleistung ab. Aber es ist auch Fahrspaß pur.“

Nicht nur deshalb ist Knely gerne in Skandinavien: „Es ist die Kombination aus Technik und unberührter Natur.“ Wann immer es seine Freizeit zulässt, schnallt Knely sich Schneeschuhe an und stapft damit querfeldein durch den Wald. Dieses Mal mit mir im Schlepptau. Um uns herum: absolute Stille. Der Schnee dämpft jedes Geräusch wie Watte. „Ich mag die Stille. Wenn ich den ganzen Tag den Motorensound des V10 in den Ohren habe, ist das eine gute Abwechslung.“ Und es ist eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen, die in der skandinavischen Kälte möglich sind. Bis zu minus 40 Grad hat es an manchen Tagen.

Erprobungsfahrt nach Skandinavien

Im Süden Skandinaviens wird es bereits am frühen Nachmittag dunkel. Viel Zeit zur Erpobung im Hellen bleibt den Ingenieuren daher nicht.

 

Das Runde ins Eckige

Als wir wieder am Hotel auf dem Testgelände ankommen, bin ich durchgefroren. Jetzt erst mal in die Sauna. In der Damensauna bin ich der einzige Gast. Als Frau gehört man unter den Testingenieuren zu den Exoten.

Nachdem ich mich aufgewärmt habe, treffe ich mich mit Knely und seinen Kollegen in der Lobby. In der Abgeschiedenheit des Testgeländes konzentriert sich das soziale Leben im einzigen Hotel weit und breit. Ein Bier trinken in der Kneipe um die Ecke? Nicht möglich. Der nächste Ort ist 60 Kilometer entfernt und zählt gerade einmal 5.000 Einwohner. Am Abend ist deshalb die Lobby voll bis auf den letzten Platz. Die Gäste stehen in Gruppen an der Hotelbar, schauen Fußball, spielen Billard, andere skypen mit ihren Familien.

Nördlich des 65. Breitengrades geht es jetzt erst einmal darum, ein Spiel zu gewinnen. Wir sind zum Tischkicker-Match verabredet. Das Team ist eingeschworen. Auch wenn sie ihre Testfahrten meist alleine absolvieren, wenn es ein technisches Problem gibt, hält das Team zusammen. Dieser Job ist nichts für Einzelkämpfer. Eines ist mir bewusst geworden: Wer in Kalt 1 als Abteilung ankommt, der geht als Mannschaft.

Lesen Sie auch Teil 1 und Teil 2 der Eprobungsfahrt nach Skandinavien.

 

Verbrauchsangaben Audi Q7 3.0 TDI e-tron quattro: Kraftstoffverbrauch kombiniert in l/100 km: 1,9 – 1,8; Stromverbrauch kombiniert in kWh/100 km: 19 – 18,1; CO2-Emission kombiniert in g/km: 50 – 48

Verbrauchsangaben Audi R8: Kraftstoffverbrauch kombiniert in l/100 km: 12,3 – 11,4; CO2-Emission kombiniert in g/km: 287 – 272; Angaben zu den Kraftstoffverbräuchen und CO2-Emissionen bei Spannbreiten in Abhängigkeit vom verwendeten Reifen-/Rädersatz. // www.audi.de/DAT-Hinweis

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