Alexander Stiehle
09.03.2016
Audi in China
„Chinas Automarkt hat nach wie vor großes Potential“

China ist für Audi der stärkste Absatzmarkt. Ein Markt, der sich stark im Umbruch befindet. Wie tickt das Land und wo steuert es in Zukunft hin? Autor Alexander Stiehle hat China-Experte Jörn-Carsten Gottwald getroffen und mit ihm über Chancen, Herausforderungen und Eigenheiten des chinesischen Marktes gesprochen.

Ein Audi A7 Sportback fährt über die Nanpu-Brücke in Shanghai.

Auf der Nanpu-Brücke in Shanghai: der Audi A7 Sportback.

 

Audi ist in China unangefochten die Nummer eins im Premiumsegment. Mit mehr als 570.000 (inkl. Hongkong) ausgelieferten Automobilen im Jahr 2015 erlebt das Unternehmen dort weiterhin ein sehr hohes Absatzniveau. Und das Potential ist weiterhin groß: In China besitzt im Schnitt nur jeder zehnte ein Auto, in Deutschland ist es jeder zweite.

Der Erfolg von Audi im Reich der Mitte ist eng mit der Geschichte des Unternehmens vor Ort verknüpft: Audi war 1988 der erste Premium-Automobilhersteller in China. Begonnen hat damals alles mit der Lizenzfertigung des Audi 100 in Changchun. Heute ist Audi in China nicht mehr wegzudenken. Aber auch andersherum: Der Markt China ist für Audi nicht mehr wegzudenken. Seit 2011 ist China der stärkste Absatzmarkt für Audi.

Das Potential ist weiterhin groß, aber auch die Herausforderungen: Die sozialistische Marktwirtschaft, das abkühlende Wirtschaftsklima oder die Umweltprobleme des Landes. Wie tickt das Land? Wo steuert es hin? Und was bedeutet das für den Automobilmarkt und konkret für Audi?

Einer der es wissen muss ist Jörn-Carsten Gottwald. Er ist Professor für Politik Ostasiens an der Ruhr-Universität Bochum. Gottwald hat zwei Jahre in China gelebt und bereist die Volksrepublik seit mehr als 20 Jahren zu Lehr- und Forschungstätigkeiten.

Professor Jörn-Carsten Gottwald

Jörn-Carsten Gottwald beschäftigt sich in seiner Forschung mit Politik und Wirtschaft Chinas.

 

Herr Gottwald, wie erklären Sie das chinesische Wirtschaftsmodell einem Laien?

Anhand der „Vogelkäfig-Theorie“ von Chen Yun, einem chinesischen Wirtschaftspolitiker: Sie vergleicht den freien Markt und die staatliche Planung mit einem Vogel im Käfig. Einerseits darf die Kommunistische Partei den Vogel nicht zu fest halten, weil sie ihn sonst erdrückt. Andererseits darf sie ihn auch nicht wegfliegen lassen, weil sie sonst die Kontrolle verliert. Das bedeutet, dass sich die chinesische Regierung zentrale Kontrollmöglichkeiten vorbehält, um bis zu einem gewissen Grad in die Wirtschaft eingreifen zu können. Dieses Modell war bisher sehr erfolgreich, wird jedoch zunehmend problematischer und befindet sich im Umbruch.

Woran machen Sie das fest?

So erfolgreich das chinesische Wirtschaftsmodell in den vergangenen Jahrzehnten auch war, stößt es langsam an seine Grenzen – weitere Reformen sind notwendig. Umweltzerstörung, Verschuldung und die Banken- und Aktienkrisen schwächen die Konjunktur des Landes.

Wo steuert das Land Ihrer Meinung nach Land hin?

China will weg von „Made in China“ hin zu „Created in China“. Und das extensive Wachstum soll durch ein intensives und grünes Wachstum abgelöst werden. Aber an der Macht der Kommunistischen Partei darf nicht gerüttelt werden. Diesen Spagat zu schaffen ist eine große Herausforderung.

Ein Audi A4 L auf der Prüfstrecke im Audi Werk Changchun.

Audi fertigt am Standort Changchun Audi A4 L, Audi A6 L, Audi Q3 und Audi Q5.

 

Stichwort „grün“: 2017 kommt der Audi Q7 e-tron 2.0 TFSI quattro auf den chinesischen Markt. Wird die Regierung Elektro- und Hybridfahrzeuge künftig stärker fördern?

Eindeutig. Die chinesische Regierung ist bestrebt, private Investoren in ihre ehrgeizigen Pläne einzubinden, die Infrastruktur für Ladestationen auszubauen. Außerdem wird der Kauf von elektrisch betriebenen Kleinwagen subventioniert. Allerdings müssen die Elektrofahrzeuge mit chinesischer Technologie und in China hergestellt sein. Ein Audi Q7 e-tron würde demnach keine Subventionen erhalten.

Im vergangenen Jahr hat sich das Wirtschaftsklima in China etwas abgekühlt. Die Wachstumsrate lag bei 6,9 Prozent. Wie wird sich die Konjunktur Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren entwickeln?

Es ist gut möglich, dass sich der Markt nochmal etwas abkühlen wird. Aber längerfristig gesehen, besitzt der chinesische Automobilmarkt ein großes Potential. Zum Vergleich: In Deutschland kommen auf 1.000 Einwohner 550 Autos. In China hingegen besitzen 1.000 Einwohner nur 100 Autos. Der Markt ist also noch relativ unerschlossen und die Nachfrage nach individueller Mobilität ist stark.

Audi ist in China Marktführer im Premiumsegment und wird im laufenden Geschäftsjahr gut 60 Prozent der Modellpalette erneuern. Was bedeutet es Chinesen ein modernes Premiumauto zu besitzen?

Durch die wachsende Wirtschaft und den damit einhergehenden Wohlstand, können sich immer mehr Chinesen ein Fahrzeug aus dem Premiumsegment leisten. Es ist ein Zeichen für beruflichen Erfolg und Ausdruck der Individualität, also eine Art Statussymbol. Doch nicht weniger wichtig ist die Sicherheit. Da bringen Chinesen insbesondere Premiumfahrzeugen von westlichen Herstellern großes Vertrauen entgegen.

Jörn-Carsten Gottwald referierte zur wirtschaftlichen Situation Chinas auch im Rahmen der Veranstaltungsreihe Audi Kolloquium. Die öffentliche Veranstaltungsreihe gibt Einblicke in aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftliche Themen und holt renommierte Wissenschaftler nach Ingolstadt und Neckarsulm. Eine Übersicht über künftige Themen und Referenten finden Sie online.

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Audi A7 Sportback:

Kraftstoffverbrauch kombiniert in l/100km: 9,5-4,5
CO2-Emission kombiniert in g/km: 221-118 // www.audi.de/DAT-Hinweis
Angaben zu den Kraftstoffverbräuchen und CO2-Emissionen sowie Effizienzklassen bei Spannbreiten in Abhängigkeit vom verwendeten Reifen-/Rädersatz.

Audi Q7 e-tron 2.0 TFSI quattro:

Das Fahrzeug wird noch nicht zum Kauf angeboten. Es besitzt noch keine Gesamtbetriebserlaubnis und unterliegt daher nicht der Richtlinie 1999/94/EG.


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