Julian Fritsch
21.03.2016
Interview alternative Antriebe
Das Automobil steht unter Strom

E-Autos, Gasantrieb, Plug-In-Hybrid – der Laie verliert da leicht den Überblick. Prof. Michael Bargende, Universität Stuttgart, und Siegfried Pint, bei Audi zuständig für die Elektrifizierung Antriebe, diskutieren, wohin die Reise geht.

Alternative Antriebe

Der Audi e-tron quattro concept gibt einen Vorgeschmack darauf, wie Elektromobilität bei Audi aussehen wird.

 

Die Automobilität steht vor ihrem größten Umbruch. Insbesondere der Klimawandel stellt die Automobilindustrie vor große Herausforderungen. Die Politik gibt immer strengere Grenzwerte vor, die die Hersteller einhalten müssen.

Für Audi gibt es dafür nicht nur eine Lösung. Schon heute kaufen Kunden mit dem Audi A3 e-tron und dem Audi Q7 e-tron quattro leistungsstarke Plug-In-Hybride, bei denen ein Verbrennungsmotor mit einem Elektromotor kombiniert wird. Der neue Audi A4 g-tron hingegen zieht seine Kraft aus Gas. 2018 bringt Audi sein erstes reines Elektroauto auf den Markt. Die Studie Audi e-tron quattro concept hat auf der IAA 2015 bereits einen Ausblick darauf gegeben. Langfristig spielt aber auch die Brennstoffzelle eine Rolle, wie der Audi h-tron quattro concept im Januar auf der North American Auto Show in Detroit gezeigt hat.

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Blog-Autor Julian Fritsch im Gespräch mit Prof. Michael Bargende und Siegfried Pint (v.l.).

Wieso erleben wir bei den alternativen Antrieben so vielfältige Ansätze?

Prof. Michael Bargende: Für 2025 wird in der EU über einen CO2-Emissionsgrenzwert von 70 Gramm pro Kilometer diskutiert, den die Autohersteller dann mit ihrer Flotte erreichen müssen. Das ist mit einem reinen Verbrennungsmotor nur in sehr leichten, relativ kleinen Autos machbar. Da muss richtig etwas passieren

Siegfried Pint: Bis sich technische Entwicklungen durchsetzen braucht es Zeit. Auch als der Verbrenner aufkam, gab es ganz unterschiedliche Motorenkonzepte. Bei der Elektrifizierung befindet sich die Branche gerade in der Anfangsphase. Wir bei Audi forschen deshalb in verschiedene Richtungen. Der Audi e-tron quattro concept zeigt, wie wir uns das Elektroauto der Zukunft vorstellen: sportlich, effizient und alltagstauglich. Angetrieben von einem rein elektrischen quattro-Antrieb.

Reichen alternative Antriebe aus, um unsere CO2-Emissionen in den Griff zu bekommen?

Bargende: Was wir nicht tun dürfen, ist das CO2 vom Verkehr auf die Kraftwerke zu verlagern. Es bringt nichts, wenn unsere Autos kein CO2 produzieren, das CO2 dann aber von unseren Kraftwerken produziert wird. Wir dürfen alternative Antriebe nicht isoliert sehen. Im Gegenteil, wir müssen immer die gesamte Infra- und Energiestruktur betrachten.

Pint: Die Audi e-fuels sind hier eine mögliche Lösung. Mit einem Audi g-tron kann der Kunde heute schon klimaneutral auf Langstrecken unterwegs sein, wenn er synthetisches Erdgas tankt. Das wird in der Audi e-gas Anlage in Werlte unter anderem aus CO2 gewonnen. So ergibt sich der geschlossene CO2-Kreislauf, auf den Professor Bargende anspielt. Langfristig sehe ich zudem die Brennstoffzelle als Energielieferant für das Automobil von Morgen.

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In der Audi e-gas Anlage in Werlte wird unter anderem aus CO2 synthetisches Gas gewonnen.

 

Wie bewerten Sie das Potenzial reiner Elektroautos?

Bargende: Bei einer Batteriekapazität von 50 Kilowattstunden erwarte ich, dass ich 150 km/h fahren kann. Dadurch beanspruche ich meine Batterie aber so stark, dass ich meine Gesamtreichweite von 380 Kilometern nicht mehr erreiche. Sondern nur noch 200 Kilometer. Das ist meiner Meinung nach eines der Kernprobleme der E-Mobilität. Die Reichweitenangaben müssen abhängig von der Fahrleistung interpretiert werden.

Pint: Um Reichweiten mache ich mir weniger Gedanken. In Zukunft ist es viel wichtiger, dass sich ein Auto in die Welt des Kunden integriert. Dass man es zum Beispiel über Smartphones steuern kann. Der Kunde von Morgen steigt vor seinem Büro aus und schickt seinen Audi alleine ins Parkhaus. Da haben E-Antriebe große Vorteile. Mit ihnen funktioniert pilotiertes Parken oder Fahren viel einfacher. Denn anders als beim Verbrenner sind wir nicht auf mechanische Vorgänge, wie das Einlegen des Gangs, angewiesen. Das Elektroauto ist beim pilotierten Fahren noch präziser als Autos mit konventionellem Antrieb.

Die zu kurze Reichweite stimmt trotzdem noch nicht mit unserer Gewohnheit, lange Strecken zu fahren, überein. Und dann gibt es noch das Problem des Ladens.

Bargende: Genau, vor allem auf Langstrecken. Das Auto ist deshalb so wichtig für uns, weil es uns Freiheit gibt. Wir fahren, ohne groß nachzudenken. Denn wir können überall schnell tanken. Wenn ich aber genauso viele Elektroautos zeitgleich an einer Autobahntankstelle laden will, dann bin ich bei rund 90 Ladestationen. Das ist höchstens eine gute Botschaft für Starbucks.

Herr Pint, sind Sie optimistischer?

Pint: Ich behaupte, wir werden in Zukunft vor allem zuhause mit dem Wechselstrom aus der Steckdose laden. Nachladen unterwegs wird nur dann notwendig, wenn wir lange Strecken fahren. Und es ist sehr selten, dass wir wirklich länger als 300 Kilometer unterwegs sind. Nur dafür brauche ich also das Schnelladen mit Gleichstrom. Diese Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, das müssten wir in unserer Volkswirtschaft eigentlich leisten können.

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Für Bargende ist klar: „Das Auto ist deshalb so wichtig für uns, weil es uns Freiheit gibt.“

Für den Kunden spielt auch der Fahrspaß eine große Rolle. Hier können Elektroautos punkten, weil beim Beschleunigen die ganze Kraft des Elektromotors direkt verfügbar ist und er im Gegensatz zum Verbrenner nicht erst auf Touren kommen muss.

Bargende: Grundsätzlich gebe ich Ihnen Recht. Die Beschleunigung eines Tesla Model S ist zum Beispiel sehr beeindruckend, der Fahrspaß kommt nicht zu kurz. Aber Kritiker geben zu bedenken, dass die Batterielebensdauer leidet, je öfter man voll beschleunigt.

Pint: Der Audi e-tron quattro concept, den Audi 2018 in Serie bringt, wird da mehr bieten. Wir vereinen Fahrspaß mit großer Reichweite, denn mit mehr als 500 Kilometern Reichweite wird unser neues Modell voll alltagstauglich sein. Der Audi e-tron quattro concept wird von drei Elektromotoren angetrieben. Damit heben wir die Dynamik beim Kurvenfahren auf ein völlig neues Level. Das ist Fahrspaß pur.

Eine Umfrage unter Audi-Mitarbeitern zeigt, dass sie dem reinen Elektroantrieb und der Brennstoffzelle die größten Zukunftschancen zutrauen. Die Audi-Mitarbeiter teilen Ihre Zweifel am Elektroauto nicht, Herr Bargende.

Bargende: Im Gegenteil, die Unentschiedenheit ihrer Mitarbeiter könnte nicht größer sein. Rechnet man alle Antwortoptionen mit Verbrennungsmotor in der Umfrage zusammen, dann halten sich diese mit batteriebetriebenen Autos beziehungsweise der Brennstoffzelle die Waage.

Es geht also doch nicht ganz ohne Verbrenner. Brauchen wir dann synthetische Kraftstoffe, wie zum Beispiel Audi e-gas, um den CO2-Ausstoß zu senken?

Bargende: Synthetische Kraftstoffe sind dann die ehrlichste Lösung, wenn Sie aus erneuerbaren Energien hergestellt werden. Nur wenn der Atmosphäre bei der Herstellung dieser Kraftstoffe Kohlenstoff entzogen wird, sind synthetische Kraftstoffe wirklich CO2-neutral.

Pint: Ich glaube, synthetische Kraftstoffe können unseren Antriebsmix ergänzen. Wenn wir bei der Kaftstoffherstellung CO2 aus der Luft binden, sehe ich auch für den Verbrenner langfristig noch eine Zukunft.

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Audi e-diesel wird im Labor hergestellt. Er ist einer der synthetischen Kraftstoffe bei Audi, die Pint als Ergänzung des Antriebsmixes bei Audi sieht.

 

Wie wird sich die Automobilität denn nun weiterentwickeln?

Bargende: Der Dieselanteil wird moderat weiter steigen. Es gibt kaum eine andere Möglichkeit, die CO2-Ziele zu erreichen. Denn die Welt will noch mehr Autos. Da erlebt das Elektroauto im Vergleich natürlich den rasantesten Aufstieg. Absolut bleibt sein Anteil weltweit bis 2025 aber im einstelligen Prozentbereich.

Pint: Die Zeit ist reif für den Elektroantrieb, davon bin ich überzeugt. Nicht nur weil die Batterie technologisch so weit ist und wir die Kosten in den Griff bekommen. Sondern auch weil der Elektroantrieb ideal zum pilotierten Fahren und der Digitalisierung passt.

Hand aufs Herz. Ist das Elektroauto das Allheilmittel für unsere Probleme?

Bargende: Die Welt als Ganzes hat unterschiedliche Ansprüche und Bedürfnisse. All das muss ein Autohersteller bedienen und deshalb viele Entwicklungen gleichzeitig betreiben. Vielleicht ist das Streben nach der goldenen Lösung der falsche Ansatz. Vielleicht brauchen wir einfach Vielfalt.

Pint: Durch die Digitalisierung, Connectivity und vor allem durch das pilotierte Fahren wird sich der Anspruch an Sicherheit, Komfort und die Zeitnutzung beim Autofahren radikal ändern. Und was passt besser dazu, als der komfortable und beim pilotierten Fahren leicht zu regelnde Elektroantrieb? Ich bin überzeugt: Wir stehen gerade vor der größten Veränderung seit der Erfindung des Automobils. Und der Elektroantrieb spielt eine große Rolle dabei.

Dieses Interview entstand im Rahmen der Audi-internen Vortragsreihe „Perspektive Verantwortung“, die sich verstärkt um den Austausch und die Vernetzung von Audi-Mitarbeitern mit Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft kümmert. Dabei geht es vor allem um den Blick über den Tellerrand, darum, die gewohnten Ansichten bewusst zu hinterfragen und die Meinung Externer zu diskutieren.


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