Kathrin Lettner
03.05.2016
„Wir sind doch keine Fahrradhändler!“
Das geheimnisvolle Audi-Motorrad Z02

Audi und Auto? Das ist nichts Neues. Doch Audi und Motorrad? Gibt’s nicht. Oder gibt’s doch? Blog-Autorin Kathrin Lettner ist den Gerüchten aus den 1970er Jahren nachgegangen und hat versucht, geheime Details über das Audi-Motorrad Z02 auszugraben.

­­­

Das einzige Audi-Motorrad.

Das einzige Audi-Motorrad.

 

„Audi baut a Motorradl!“ So, oder so ähnlich wurde Ende der 1970er Jahren am Stammtisch in Ingolstadt spekuliert. Jeder meinte etwas zu wissen, doch so richtig wusste es nur ein kleiner Kreis von Audi-Entwicklern. 20 Jahre lang ließen die Ingenieure von Audi die Ingolstädter in der Ungewissheit, ob es wirklich ein Audi-Motorrad gibt oder nicht.

Auch Robert Mayerhöfer, verantwortlich in der Audi Tradition für historische Fahrzeuge und Motorräder, erinnert sich noch gut an die Zeit, bevor er selbst Audi-Mitarbeiter wurde: „Viele haben gemeint, mal ein Zweirad aus dem Werk fahren zu sehen. Doch das waren alles nur leere Behauptungen.“ Bis er selbst 1998 bei Audi in der Tradition angefangen hat. Mayerhöfer konnte es damals gar nicht erwarten, endlich herauszufinden, ob es dieses mysteriöse Motorrad wirklich gibt. „Natürlich hab ich gleich geschaut, ob irgendwo dieses Motorrad steht.“ Und er konnte es gar nicht fassen. Tatsache: Es gab es wirklich – das Audi Z02 Motorrad. Es stand im Keller, damals noch in der Ettingerstraße, unter einem Tuch abgedeckt in seinem prachtvollen bronzefarbenen Glanz.

Geheimnisse in der Audi-Entwicklung

Weshalb diese Geheimniskrämerei? Initiatoren des ganzen Geheimprojekts waren VW-Vorstand Ferdinand Piëch und Projektleiter des Audi 50 Roland Gumpert. Aus anfänglicher Sympathie und gemeinsamen Motorradinteresses entstand eine geniale Idee: Die beiden Audianer wollten die alte NSU-Tradition fortführen und in Ingolstadt wieder Motorräder bauen. Gumpert war damals derjenige, der das Projekt realisiert hatte. Piëch, damals noch Technikvorstand und aktiver Motorradfahrer, war von der Idee begeistert. Er meinte aber: „Machen wir es heimlich. Bevor es rauskommt, müssen wir was Brauchbares vorweisen können.“

 

Entstanden ist das Motorrad schließlich 1975 in einem abgeschlossenen Holzverschlag in der Versuchsabteilung der technischen Entwicklung. Als Grundlage diente eine BMW R 90S, die Gumpert damals in Ingolstadt kaufte und völlig auseinandernehmen ließ. Als Herzstück wurde dem zunächst noch kargen Rahmen der BMW der wuchtige Reihenvierzylindermotor des Audi 50  eingebaut, wassergekühlt und mit Kettenantrieb. Fast 70 PS leistete der 1,1 Liter-Motor. Dieser musste in mühseliger Feinarbeit zusammen mit einem Norton-Getriebe an den Rahmen angepasst werden. Das kantige Design mit Verkleidung, Tank und der Sitzbank entwarfen eingeweihte Audi-Designer.

Das Design wurde aber später etwas verändert. Mayerhöfer erklärt, dass die Audi Z02 nicht immer Bronzefarben war: „Unter den Kennern hieß sie Black Bomber.“ Denn bevor das Motorrad 1999 für die Öffentlichkeit zugänglich war, war das Audi-Motorrad schwarz verkleidet. Alles in allem war das Geheimprojekt für Gumpert ein Erfolg. Er erzählte damals, dass Piëch oft vorbeikam um nach dem Rechten zu sehen. „Wenn er dann einen ironischen Kommentar dazu abgab, wusste man, dass man seine Arbeit gut machte.“ Zusammen mit zwei weiteren Ingenieuren arbeitete er stundenlang an der Maschine und kaufte die Teile oft aus der Kaffeekasse. Der größte Erfolg war, dass niemand im Werk etwas mitbekommen hatte. „Alle haben dicht gehalten“, erinnert sich Mayerhöfer.

Die erste Testfahrt mit dem Audi-Motorrad

Nach etlichen Nachtschichten standen Anfang 1977 nun die ersten Testfahrten an. Gumpert spulte selbst die ersten tausend Testkilometer ab. In vielen Nacht- und Nebel-Aktionen scheuchte er das Audi-Motorrad die A9 auf und ab. Dabei knackte die Audi Z02 gut und gerne die 200 km/h-Marke. Dass das Motorrad nach all den Spekulationen immer noch keinem aufgefallen ist, war wohl dem geschuldet, dass es damals einfach eines unter vielen Motorrädern war, meint Mayerhöfer. „Viele verwechseln das Audi-Motorrad mit einer Münch“,  so Mayerhöfer. Als Tarnung für die damaligen Testfahrten war das natürlich perfekt.

„Wir sind doch keine Fahrradhändler!“

Der große Augenblick war gekommen. In Wolfsburg sollte das Motorrad dem neuen Betriebschef Werner P. Schmidt vorgestellt werden. Doch die Präsentation war schneller vorbei als sie begonnen hatte. Schmidt erteilte Robert Gumpert und seinen Ingenieuren eine bittere Abfuhr. „Wir sind doch keine Fahrradhändler!“, waren seine eindeutigen Worte. Damit war das Schicksal der Audi Z02 als einmaliger Prototyp besiegelt und das Motorrad verschwand wieder hinter verschlossenen Türen. Erst 20 Jahre später, im Jahr 1999, wurde es schließlich aus dem Keller geholt und ein Stockwerk höher den Interessenten bei Führungen vorgestellt. Somit konnten sich all die Spekulanten selbst von dem Mysterium überzeugen und das einzige Audi-Motorrad bewundern. Mayerhöfer war froh, als endlich publik wurde, dass es wirklich ein Audi-Motorrad gibt: „Wäre ja wirklich schade gewesen, wenn man das schmucke Teil weiter versteckt hätte.“


Kein Kommentar bisher.

Schreibe einen Kommentar

Benötigte Felder sind markiert. *

Nach dem Absenden Ihres Kommentars wird dieser durch die Redaktion überprüft und freigegeben.

Wenn Sie zum ersten Mal im Blog kommentieren, müssen Sie einmalig Ihre Identität bestätigen. Dazu erhalten Sie eine E-Mail mit einem personalisierten Link, den Sie für die Verifizierung Ihrer Angaben bitte aufrufen. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben.