Timo Pape
27.06.2016
Segler Philipp Buhl im Audi Windkanal
Trockenübung für Olympia

Normalerweise werden im Audi Windkanal neue Autos auf ihren Luftwiderstand überprüft. Doch auch Sportler verschiedener Disziplinen nutzen die einzigartigen Bedingungen im Windkanal. So auch Philipp Buhl vom Audi Sailing Team Germany, der bei den Olympischen Spielen von Rio auf Medaillenjagd gehen will.

Trockenübung im Audi-Windkanal

Philipp Buhl sucht im Audi Windkanal nach neuen Erkenntnissen für Olympia.

 

Sein Segelboot wurde auf ein spezielles Gestell montiert, das wiederum auf einer drehbaren Bodenplatte steht. Der Wind bläst konstant mit 45 Kilometer pro Stunde, während Philipp Buhl mit seinem gesamten Oberkörper außerhalb des Bootes hängt. Er zieht geschickt an einem Seil und stellt das Segel optimal in den Wind. Ein ungewöhnlicher Anblick – tosen um ihn herum doch keine Wellen. Stattdessen steht sein Boot stabil mitten in einem großen, weitgehend leeren Raum, in dem es mächtig zieht.

Audi-Windkanal reduziert Einflussfaktoren für den Segler

Dass ausnahmsweise keine unberechenbaren Wassermassen die Arbeit erschweren, ist ein großer Vorteil beim Testen. „Im Windkanal haben wir nur einen selektiven Einfluss – den Wind“, sagt Thomas Wittmann, Windkanalingenieur bei Audi. „Der Luftstrom ist absolut konstant und ohne jede Luftverwirbelung, deshalb können wir einen Test wie diesen nur hier durchführen.“ Aber was genau testet das Audi Sailing Team Germany überhaupt?

 

Um sich optimal auf die Olympischen Spiele vorzubereiten, erhoffen sich Segler Buhl und sein Team Erkenntnisse, die am Ende womöglich sogar über eine Medaille entscheiden könnten. „Es gibt eine Frage zur Segelstellung, die uns schon sehr lange beschäftigt“, erklärt Buhl. „Da das Segel – wie übrigens auch das ganze Boot – sehr simpel gehalten ist, entsteht bei einer gewissen Windstärke ungefähr auf halber Höhe des Masts eine Falte.“

Keine Windböen oder Wellen beeinflussen Tests

Im Windkanal will das Audi Sailing Team Germany nun herausfinden, wie es den größten Vortrieb produzieren kann. Sollte Buhl die Falte durch Straffziehen eliminieren oder doch mit tieferem Segelprofil fahren? Zwar sei die Antwort auf diese Frage keine Medaillengarantie, „aber letztlich entscheiden vielleicht Kleinigkeiten, weil wir alle mit dem gleichen Boot unterwegs sind“, sagt Buhl. „Diese Abwägung können wir auf dem Wasser nicht treffen. Der Windkanal bietet uns den großen Vorteil, dass weder plötzliche Windböen noch Wellen unsere Testergebnisse verfälschen.“ Die absolute Wahrheit liege aber natürlich auf dem Wasser.

 

Trockenübung im Audi-Windkanal

Audi Windkanal-Ingenieur Thomas Wittmann unterstützt regelmäßig Sportler bei Optimierung ihrer Lage im Wind.

 

Doch wie genau entstehen im Windkanal eigentlich Daten? „Das Fahrzeug ist mit vier Streben und den Radpads mit einer Waage verbunden. Diese befindet sich unter dem Windkanalboden und misst  Kräfte und Momente, die auf das Fahrzeug wirken. Und das in allen Raumrichtungen“, erklärt Windkanalingenieur Wittmann. „Für das Segelboot haben wir ein Gestell gebaut. Uns interessieren dabei eher die Kräfte, die in Fahrrichtung und seitlich wirken. Der Kraft in vertikaler Richtung spielt nur eine untergeordnete Rolle.“

Audi Saling Team Germany regelmäßig im Audi Windkanal

Ein konkreter Datenvergleich zwischen Auto und Boot verbietet sich allerdings, denn „die Daten könnten kaum unterschiedlicher sein“, sagt Wittmann. „Beim Auto messen wir in erster Linie den Widerstand – also eine reine Störkraft. Beim Segelboot hingegen wollen wir mit dem Wind einen Vortrieb erzeugen. Unsere Waage misst in diesem Fall also genau andersherum: Statt nach hinten zu schieben, wird eine Kraft nach vorn aufgezeichnet. Das zeigt die Vielseitigkeit unseres Windkanals.“

Trockenübung im Audi-Windkanal

Philipp Buhl ist zum ersten Mal im Windkanal. Sein Team hingegen kommt schon seit 2013 regelmäßig nach Ingolstadt.

 

Das Audi Sailing Team Germany ist fast schon Stammgast auf dem Werkgelände von Audi. Seit 2013 testet die Mannschaft jedes Jahr im Windkanal. Philipp Buhl ist bereits der vierte Athlet, der sein Segel in den künstlich erzeugten Wind hält. „Vergangenes Jahr war Windsurfer Toni Wilhelm im Audi Windkanal. Die Segler sind eher die Exoten hier“, sagt Wittmann.

Windkanal lockt vor allem Wintersportler

„Sonst kommen in erster Linie Wintersportler zu uns, etwa aus den Bereichen Ski Alpin, Skispringen oder Skicross“, sagt der Windkanalingenieur. Dann seien die Unterschiede zum Automobil immerhin nicht ganz so groß wie beim Segelboot: „Beim Ski Alpin zum Beispiel geht es um die Widerstandskraft. Es ist also ähnlich wie beim Auto.“ Welche Disziplin auch immer im Windkanal zu Gast ist – Wittmann geht es vor allem um eines: „Wenn Sportler zu uns kommen, wollen wir ihnen einen echten Mehrwert bieten und nicht nur nette Fotos schießen.“

Trockenübung im Audi-Windkanal

Das Segelboot ist so groß, dass nicht das gesamte Segel gleichzeitig angeströmt werden kann.

 

Ob der Besuch im Audi Windkanal tatsächlich den erhofften Vorteil für Olympia bringt, wird sich ab dem 5. August 2016 in Rio de Janeiro zeigen. An der Zielsetzung von Philipp Buhl wird sich dadurch allerdings nichts ändern: „Wenn es einigermaßen rund läuft, werde ich in die Top 10 und somit ins Rennen um die Medaillen einziehen. Aus meiner Sicht haben neun Segler Medaillenchancen, dazu zähle ich mich auch. Die Leistungsdichte ist extrem hoch, zumal alle das gleiche, simple Boot fahren. Durch unseren Test im Windkanal erhoffe ich mir einen kleinen Vorteil, denn am Ende könnten Zentimeter entscheiden. Mein Ziel ist definitiv eine Medaille bei Olympia.“


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