Verena Väth
01.07.2016
Youngtimer-Rallye: Baltic Sea Circle
Mit einem Audi 100 durch dick und dünn

Audi-Mitarbeiter Steffen Conrad tourt bei der Baltic Rallye in 16 Tagen um die Ostsee. Mit einem 23 Jahre alten Audi 100 fährt er dabei in 16 Tagen durch 10 Länder. Blog-Autorin Verena Väth hat ihn in Norwegen ein Stück begleitet und am eigenen Leib erfahren, was der Rallye-Alltag für Abenteuer bereithält.

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Der Audi 100 auf dem Weg in 16 Tagen durch zehn Länder.

 

Das Rallye-Treffen im kleinen Örtchen Hov auf der Lofoten-Insel Gimsøy steckt uns noch in den Knochen, als wir zur nächsten Etappe Richtung Norden aufbrechen. Die Nacht auf der umgelegten Rückbank meines Mietautos war unbequem und bei weniger als zehn Grad Celsius gelinde gesagt saukalt. Einschlafen konnte ich trotz später Stunde nur mit Decke über dem Kopf, da um diese Jahreszeit die Sonne nördlich des Polarkreises nicht untergeht. Das bringt den natürlichen Schlaf- und Wachrhythmus vollkommen durcheinander. Mit anderen Worten: Die Baltic Sea Rallye ist nichts für Weicheier.

Zeitreise in den Automobilbau der neunziger Jahre

Vollkommen gerädert lasse ich mich in die weichen Sitze des 23 Jahre alten Audi 100 fallen, in denen ich so bequem sitze wie im durchgesessenen Sessel meiner Oma, und ziehe mit einem lauten Knall die Tür ins Schloss. Es sind schmale Landstraßen, die sich über die Lofoten-Inseln im Norden Norwegens schlängeln. Sie schmiegen sich die meiste Zeit an den Felsen der Küste entlang und bieten atemberaubende Aussichten auf das Europäische Nordmeer, auf andere Inseln oder auf das Festland. Zum Landesinneren hin öffnen sie sich immer wieder zu Seen, grünen Hügel- oder grauen Felslandschaften.

 

Der Dieselmotor des Audi 100 nagelt geräuschvoll unter der Motorhaube, die Kupplung ist äußerst gewöhnungsbedürftig. Das schmale Lenkrad lässt sich trotz Servolenkung deutlich schwerer bewegen als bei einem modernen Auto und auch die Bremse will kräftig getreten werden, wenn die Kurve mal wieder enger ausfällt als vorherzusehen war. Zehn bis zwölf Stunden fahren Steffen Conrad und sein Copilot jeden Tag, um die Strecke von rund 7.500 Kilometern in 16 Tagen zu schaffen und am 3.7. in Hamburg ins Ziel zu fahren. Sie dürfen weder GPS noch Navigationsgerät benutzen und auch Autobahnen sind tabu.

Baltic Sea Circle heißt Orientierung ohne Navi

Die „Offroad Runners“, so der Name des Teams, behelfen sich deshalb mit Kartenmaterial und einem Kompass. Beides erweist sich als eher ungenau. Schon eine Stunde nach dem Start biegen wir trotz ausführlicher Beschilderung falsch ab. Copilot Stefan Kämpfer war auf dem Beifahrersitz beschäftigt und hat den Fehler nicht bemerkt, ich selbst habe schön meinen Mund gehalten. Ich will dem Team schließlich keinen Wettbewerbsvorteil verschaffen. „Bei Steffen muss man aufpassen wie ein Schießhund – er hat wirklich einen schlechten Orientierungssinn“, schimpft Stefan halb belustigt vor sich hin, als ihnen endlich auffällt, dass sie in die vollkommen falsche Richtung fahren.

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Bis auf Kleinigkeiten hält der Audi 100 bei der Baltic Rallye tapfer durch.

 

Nach zwei Tagen Regen und unbeständigem Wetter kommt die Sonne zum Vorschein. Das hebt zwar die Stimmung, kann aber nichts gegen technische Probleme ausrichten. Der Kraftstoffverteiler leckt leicht. Wir fahren die nächste Werkstatt an. Das Ergebnis ist ernüchternd: Man müsste das Teil komplett tauschen und in Deutschland bestellen, Kostenpunkt circa 1.000 Euro. Die Alternative lautet weiterfahren und bei den Kollegen nachfragen. Hilfe bekommen die Offroad Runners in der WhatsApp-Gruppe der teilnehmenden Audi-Fahrer. Einer von ihnen hat Kaltmetallpaste dabei, mit der sie den Kraftstoffverteiler notdürftig abdichten. „Hier geht es eben jetzt nicht anders, aber auch das gehört zu einer Rallye“, sagt Steffen Conrad.

Vier Ringe für ein Abenteuer bei der Baltic Rallye

Das Rallye-Leben hält jeden Tag neue Überraschungen bereit. Dazu gehören technische Defekte ebenso wie eine abenteuerliche Fährüberfahrt bei hohem Wellengang, der fast allen Fahrgästen den Mageninhalt wieder nach oben spülte. Außerdem hält das Roadbook witzige Aufgaben für die Teams bereit. „Wir mussten über 200 Kilometer hinweg eingelegten und gegorenen Fisch, eine schwedische Spezialität, im Auto transportieren. Das hat widerwärtig gestunken – noch ehe wir die Dose auf hatten“, sagt Steffen Conrad.

Youngtimer-Rallye: Baltic Sea Circle

Die Videos haben sich gelohnt. Das Ausnehmen der Fische klappt wunderbar.

 

Auch einen Fisch haben sie geangelt und gegrillt. „Ich habe mir vor der Rallye extra YouTube-Videos darüber angesehen, wie man einen Fisch ausnimmt“, sagt Conrad und Teamkollege Kämpfer ergänzt: „Wir haben beide kaum Angelerfahrung. Eine Angel hatten wir zwar dabei, aber keinen Käscher. Ich habe den glitschigen Fisch dann mehr oder weniger mit den Händen an Land geworfen. Das hat bestimmt lustig ausgesehen.“

Plagegeister um und in einem Audi 100

Als sie eines Abends an einem idyllischen Plätzchen ihr Lager aufschlagen wollten, machten ihnen Tausende winzige Mücken das Vorhaben streitig. „Das sah dort aus wie im Bilderbuch, aber gegen die Mücken hatten wir keine Chance. Wir sind dann ins Auto gestiegen und einfach geflüchtet“, erzählen sie. In einer anderen Nacht erreichten sie erst um 1.00 Uhr den Campingplatz, wo sie aus Versehen die Alarmanlage ihres Autos auslösten. Erst eine halbe Minute später, als sie aus der Liegefläche im Kofferraum herausgeklettert waren und an der Wagentür gerüttelt haben, ging sie wieder aus. „Mit dieser Aktion haben wir wahrscheinlich den halben Platz aus dem Schlaf gerissen“, sagt Steffen und lacht.

Youngtimer-Rallye: Baltic Sea Circle

Stefan Kämpfer, Steffen Conrad und Blog-Autorin Verene Väth mit dem Audi 100 bei der Baltic Rallye.

 

Aber all die Strapazen, die eine solche Rallye mit sich bringt, dienen einem guten Zweck. Mindestens 750 Euro muss jedes Team an Spendengeldern einsammeln. Die Offroad Runners haben sich 2.600 Euro als persönliches Ziel gesetzt und davon bereits 1.500 Euro zusammen. Das und tolle wie witzige Erlebnisse machen die negativen Seiten schnell vergessen. Ehe ich das Team nach meiner Stippvisite am späten Nachmittag wieder verlasse, lösen wir noch eine weitere Roadbook-Aufgabe: Mache ein Foto in Top Gear Manier und bringe eine Explosion mit auf das Bild. Ist doch gar kein Problem…


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