Julian Fritsch
21.07.2016
Heidelberg Historic
Auf der Jagd nach der Zeit

Seit mehr als 20 Jahren begeistert die Heidelberg Historic Oldtimerliebhaber. Doch worauf kommt es an bei einer Oldtimerrallye? Audi Blog-Redakteur Julian Fritsch hat sich in einem NSU Ro 80 ans Steuer gewagt und herausgefunden, was die wahren Werte einer Oldtimerrallye sind.

Heidelberg Historic

Blogautor Julian Fritsch (rechts) und Mitfahrer Tobias Fräbel im NSU Ro 80.

 

Chrom blitzt im Sonnenlicht, der aufpolierte Lack ehrwürdiger Autos glänzt. Wie an einer Perlenreihe aufgereiht stehen hundert Jahre Automobilgeschichte Rad an Rad. Mittendrin ein NSU Ro 80 in marathonblau metallic – genauer gesagt mein NSU Ro 80. Die nächsten Stunden verbringe ich hinter dem 115 PS starken Wankelmotor auf der Jagd nach Sekunden.

Mein erstes Heidelberg Historic Rennen

Mein Team hat den Vormittag gut hinter sich gebracht. Nach der Mittagspause springe ich als Fahrer ein. Bevor wir in die zweite Tageshälfte starten, klemme ich mich hinter das Steuer und lasse mir den Ro 80 von meinem Mitfahrer Tobias Fräbel erklären. Der Ro 80, Baujahr 1975, hat eine halbautomatische Gangschaltung. Legt man die Hand auf den Schalthebel, wird die Kupplung aktiviert. Hinten links erster Gang, vorne rechts zweiter Gang, hinten rechts dritter Gang – alles mit einer gehörigen Portion Kraft, damit der Schalthebel in die richtige Position rückt.

Tobias fährt wie ich seine erste Oldtimerrallye. Als Mitarbeiter der Audi Tradition kennt er sich mit Oldtimern aus. Am Vormittag war er Fahrer, jetzt übernimmt er die Navigation. Mit einem Roadbook und drei Stoppuhren in der Hand gibt er mir Anweisungen. Ohne ihn weiß ich nicht, wohin ich fahren muss.

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Julian Fritsch am Steuer des NSU Ro 80

 

Auf dem Weg zum Start steigt meine Anspannung. Leichtes Kribbeln setzt ein, mein Sportsgeist ist geweckt. Dann ist es soweit: Die Uhr tickt herunter, pünktlich um 13.51 Uhr gebe ich Gas und wir sind mitten im Rennen. „Nach 20 Metern rechts abbiegen, dann nach 110 Metern an der Ampel links“, sagt Tobias. Klingt einfach, wenn man aber damit beschäftigt ist ein Fahrgefühl für einen Oldtimer zu entwickeln, ist es nicht leicht den Anweisungen zu folgen. Schnell wird klar, dass eine Rallye wie eine Schnitzeljagd ist: Man sucht permanent nach dem Weg.

Fahren wie die Weltmeister

Zunächst fahren wir ein kurzes Stück Landstraße. Bei 100 km/h kommt Fahrtwind durch die geöffneten Fenster, der angenehm kühlt. Wir kommen trotzdem schnell ins Schwitzen, bei 26 Grad ist ein Oldtimer ohne Klimaanlage eben nicht der gemütlichste fahrbare Untersatz. Dafür entschädigt das unvergleichliche Fahrgefühl, das Geschwindigkeitsempfinden ist viel intensiver als in heutigen Autos.

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Das Roadbook zum Navigieren

 

Nach 40 Minuten kommen wir zu unserer ersten Sonderprüfung. Auf einem Rundkurs durch den Wald müssen wir bestimmte Rundenzeiten erreichen. Die erste Zeitnahme erfolgt nach 1:02 Minuten, die zweite nach 3:16 Minuten. Die Zeiten müssen genau eingehalten werden. Der Start wird von einem Ordner mit einer roten Flagge freigegeben.

Jetzt ist Genauigkeit gefragt, auf dem engen Waldweg geht es auf die erste Schikane zu. „Linkskurve, dann leicht rechts und direkt danach scharf links“, ruft mir Tobias zu. „Da vorne ist die Zeitnahme. Mach langsam, sonst sind wir zu schnell.“ Auf die Sekunde genau passieren wir die Lichtschranke. Dann wieder rauf aufs Gas. Auf der Schotterpiste komme ich mir ein wenig wie Rallyeweltmeister Sébastien Ogier in seinem VW Polo R WRC vor. Schon ist die nächste Zeitnahme da, wieder sind wir pünktlich, die erste Sonderprüfung ist geschafft.

Bei der Heidelberg Historic gewinnt nicht der Schnellste

Bei all der rasanten Action kommt es bei der Heidelberg Historic aber nicht auf die schnellste Zeit an. Die größte deutsche Oldtimerrallye ist ein Gleichmäßigkeitsrennen. Ziel ist es, in einer genau vorgegebenen Zeit das Rennen zu bestreiten. Ist man zu schnell unterwegs oder überschreitet die Sollzeit, bekommt man Strafpunkte. Am Ende entscheidet die Gesamtpunktzahl über den Sieg.

Heidelberg Historic

Eine alte Corvette bei der Einfahrt in Heidelberg

 

Über kleine Waldwege und Landstraßen suchen wir unseren Weg Richtung Heidelberg. Auf dem Gipfel des Königstuhl angekommen haben wir einen Panoramablick über die ehemalige kurpfälzische Residenzstadt. Über geschlängelte Straßen und viele Serpentinen geht es dann hinab in die Altstadt. Dort empfangen uns viele Zuschauer, die am Straßenrand den Oldtimern zujubeln. Durch das Menschenspalier fahren wir auf den Rathausplatz ein und parken unseren NSU Ro 80 zur Pause. Jeder neue Oldtimer, der auf den Marktplatz einfährt, wird mit Applaus empfangen.

Sonderprüfungen bei der Heidelberg Historic

Dann müssen wir schon weiter. Unsere Pausenzeit ist vorbei und wir machen uns auf den Weg Richtung Ziel. „Wir fahren aus Heidelberg heraus in Richtung Sinsheim. Auf dem Weg haben wir noch zwei Sonderprüfungen“, erklärt mir Tobias grob den Ablauf. Wieder geht es über geschwungene Landstraßen, zunächst am Neckar entlang, dann durch die Weinberge. In einem Dorf werden wir von Kindern angehalten, die Autogramme der Fahrer sammeln. Geduldig unterschreiben wir ein Programmheft nach dem anderen. Doch die Zeit drängt, wie müssen weiter.

 

Unsere Sonderprüfungen laufen gut. Nach der letzten Wertung an der Rhein-Neckar-Arena, dem Stadion der TSG 1899 Hoffenheim, ist das Ziel in Sicht. „In 640 Metern rechts abbiegen, dann 570 Meter geradeaus an einer Tankstellen vorbei“, gibt Tobias die letzten Navigationsansagen. „Danach biegen wir rechts ab und dann nach 220 Metern wieder rechts in die Eberhard-Layher-Straße. Da ist das Technik Museum.“

Um 18:36 Uhr fahren wir durch die Zielbogen und stellen unseren Ro 80 auf dem Museumsparplatz ab. „Wir haben es geschafft“, grinst Tobias. Wir klatschen ab, die erste Oldtimerrallye liegt hinter uns und die Zeit ist auch nicht schlecht. Ein Platz unter den ersten 100 Teilnehmern sollte drin sein. Für den Anfang ein gutes Ergebnis, denke ich, und werfe noch einmal einen Blick auf die lange Reihe Automobilgeschichte, die in der Abendsonne glänzt. Als wäre in den letzten Stunden nichts passiert.


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