Verena Väth
22.07.2016
Ducati Corse
MotoGP: Herausforderung für Mensch und Maschine

Halbzeit bei der Motorradweltmeisterschaft MotoGP: Elegant legten sich die Rennfahrer am letzten Rennen vor der Sommerpause wieder in die Kurven. Weshalb das für Zuschauer oftmals nach Leichtigkeit aussieht, aber ein Kraftakt für Mensch und Maschine ist, hat Blog-Autorin Verena Väth am Sachsenring herausgefunden.

MotoGP Sachsenring

Ein Knochenjob: In den Kurven neigen sich die Fahrer auf den fast 160kg schweren Maschinen mehr als 60 Grad Richtung Boden. Foto: Ducati

 

Es hat etwa 20 Grad und es regnet in Strömen im kleinen Städtchen Hohenstein-Ernstthal, an dem heute eines der größten Motorsportereignisse Europas stattfindet: der Deutschland Grand Prix der Motoradweltmeisterschaft MotoGP am Sachsenring. Während beim Training und der Qualifikation strahlender Sonnenschein herrschte, sieht es am heutigen Rennsonntag definitiv nach einem Regenrennen, dem sogenannten „Wet Race“ aus. Das heißt, alle Fahrer müssen mit Regenreifen starten.

Trotz wechselhaftem Wetter sind an diesem Rennwochenende insgesamt mehr als 200.000 Besucher an den Sachsenring geströmt. Die Besucher kommen in Scharen in Regenjacken, Regencapes und großen Schirmen an die Strecke, um einigermaßen geschützt zu sein. Die Füße sind trotzdem nach einer halben Stunde nass.

Herausforderungen am Sachsenring

Es wird kein leichtes Rennen für die Fahrer des Ducati Werkteams. Andrea Dovizioso und Andrea Iannone starten aus der dritten Reihe von den Plätzen 7 und 9. Außerdem wartet mit der umstrittenen „Sturzkurve 11“ ein Abschnitt, der es in sich hat: Nach mehreren Linkskurven, die die Fahrer 360 Grad um einen Kreis schicken, müssen sie auf der abfallenden Strecke das Gewicht auf die andere Seite verlagern und die optimale Linie in der Rechtskurve Nummer 11 erwischen. Mehr als 60 Grad neigen sich die Fahrer in den Kurven dem Boden entgegen. Dabei streifen sie mit den Knien über den Asphalt, um die Balance zu halten. Das funktioniert in dieser Kurve nicht immer. Im freien Training landeten bereits mehrere Fahrer im Kiesbett.

MotoGP Sachsenring

Das Team beobachtet beim Training auf dem Bildschirm die Runden der Konkurrenz. Wie schnell sind die Wettbewerber, wie gut sind deren Bikes abgestimmt?

 

Generell ist das so eine Sache mit dem Rennen in Sachsen: „Ducati hat in den letzten Jahren eher schlechte Erfahrungen auf dem Sachsenring gemacht“, sagt Paolo Ciabatti, Sportdirektor bei Ducati Corse. „Die Strecke ist sehr eng und kurz, das passte nicht so gut zu den Eigenschaften unserer Bikes. Mit den neuen Motorrädern und den neuen Einheitsreifen sind wir hier endlich wieder wettbewerbsfähig. Ziel ist auf jeden Fall ein Podiumsplatz“, sagt Ciabatti.

Dovizioso: „Die Angst ist wichtig.“

Bei allem Optimismus: Etwas Unbehagen bereitet ihm bei jedem Rennen der Start. „Gerade in den ersten Kurven sind wir immer etwas besorgt. Das Feld ist dann noch sehr eng beieinander, sodass hier die meisten Fahrerkontakte stattfinden.“ Auch bei Werkfahrer Andrea Dovizioso fährt eine gewisse Angst immer mit: „Wir spielen in jeder Sekunde des Rennens mit den Grenzen. Wir können jederzeit stürzen und diese Gefahr spüren wir. Aber die Angst ist wichtig. Hätten wir keine Angst, würden wir die Grenzen übertreten.“

Vor dem Rennen in der Startaufstellung steht Paolo Ciabatti immer in der Nähe der Fahrer, auch am Sachsenring. Und er ist jedes Mal angespannt. „Wenn die Fahrer die Formationsrunde beendet haben, das rote Licht ausgeht und sie starten, ist mein Herzschlag wirklich verrückt. Es wäre sicher spannend, ihn während des Rennens zu messen“, sagt Ciabatti und seine Augen weiten sich. Selbst nach vielen Jahren im Motorsport ist jedes Rennen für Team und Fahrer also noch hochemotional.

MotoGP Sachsenring

Nach dem Training gibt Dovizioso seine Eindrücke an sein Team weiter. Da zwischen Team und Fahrer – anders als in der Formel 1 – keine Funkverbindung besteht, gibt es nur diese Möglichkeit des Austauschs. Während des Rennens ist der Fahrer dann auf sich alleine gestellt.

 

Pünktlich zum Rennstart hat es aufgehört zu regnen. Die Trommelfelle vibrieren, als die Fahrer um 14 Uhr auf der noch nassen Strecke losdonnern. Auf dem Sachsenring, der wegen der engen Streckenführung als langsamster Parcours in der Weltmeisterschaft gilt, erreichen sie auf trockener Strecke Geschwindigkeiten von bis zu 280km/h. Die Ducati Desmosedici GP, das Motorrad des Ducati Werkteams, ist für mehr als 340km/h ausgelegt und gilt als Klassenprimus. Muss der Fahrer bei diesen Geschwindigkeiten vor einer engen Kurve stark bremsen, wirken Kräfte bis zu 1.2-facher Erdbeschleunigung auf seinen Körper. Das entspricht einer Vollbremsung mit einem Supersportwagen aus hoher Geschwindigkeit. Bei nasser Fahrbahn nützt die Power aber nicht viel, wie Dovizioso im Vorfeld erklärt: „Auf dieser Strecke haben wir bei Nässe wenig Grip. Wir müssen vorsichtig fahren und können nicht aufs Ganze gehen.“

MotoGP verlangt Mensch und Maschine alles ab

Vier bis fünf Stunden verbringt der Ducati-Fahrer an einem Rennwochenende auf dem Motorrad. In der Saison 2016 fährt er innerhalb von 21 Wochen 18 Rennen. Welcher Körperteil am meisten schmerzt? „Eigentlich alle“, sagt Dovizioso. „Wir bewegen uns die ganze Zeit auf dem Bike hin und her, um es schnell und möglichst ohne Sturz zu fahren. Diese Bewegungen ist der Körper einfach nicht gewohnt. Nach jeder Fahrt bin ich vollkommen erledigt.“

Eine perfekte Vorbereitung auf diesen Kraftakt ist bei der MotoGP schwer möglich, da die Trainingszeit auf dem Bike an den Rennwochenenden ebenso durch das Reglement limitiert ist wie die Zahl der Testtage zwischen den Rennen. „Wir können also nur versuchen, uns insgesamt so fit wie möglich zu halten. Ich fahre dazu zum Beispiel Motocross“, erzählt Dovizioso. Beim Motocross muss der Fahrer das Motorrad in unwegsamen Gelände im Griff behalten und kann Situationen trainieren, in denen plötzlich die Bodenhaftung fehlt und das Bike zu rutschen beginnt.

 

Auch die Motorräder, allesamt Prototypen und extra für die Weltmeisterschaft entwickelt, werden bei den Rennen in Mitleidenschaft gezogen. Nach jedem Training werden die Motorräder komplett demontiert und überprüft. Insgesamt hat das Team fast drei komplette Motorräder in Form von Ersatzteilen dabei. Im Notfall kann das Team ein Bike also komplett neu aufbauen. An einem Rennwochenende verbrauchen die Teams 25 einzelne Reifen.

Podiumsplatz für Ducati in der MotoGP

All der Aufwand und all die Strapazen geraten aber in Vergessenheit, wenn das Ergebnis stimmt. Und Dovizioso fährt ein überragendes Rennen: Über mehrere Runden führt er das Feld an, der Motorradtausch auf Trockenreifen wirft ihn aber zurück. In der letzten Runde kann er sich dann doch noch an seinem Vordermann vorbeischieben und kommt als Dritter ins Ziel. Diese letzte Runde gibt dem 30-Jährigen den absoluten Kick: „Wenn man um das Podium kämpft, strömt das Adrenalin durch den ganzen Körper. Das ist der beste Moment eines Rennens.“

MotoGP Sachsenring

Geschafft. Dovizioso fährt am Sachsenring auf Platz drei.


Kein Kommentar bisher.

Schreibe einen Kommentar

Benötigte Felder sind markiert. *

Nach dem Absenden Ihres Kommentars wird dieser durch die Redaktion überprüft und freigegeben.

Wenn Sie zum ersten Mal im Blog kommentieren, müssen Sie einmalig Ihre Identität bestätigen. Dazu erhalten Sie eine E-Mail mit einem personalisierten Link, den Sie für die Verifizierung Ihrer Angaben bitte aufrufen. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben.