Julia Fuchs
23.08.2016
Mobilitätsvisionen im Realitätscheck
Wieso das Hai-Auto und der Audi RSQ nie in Serie kamen

Ob Flugauto oder Hai-Auto: Skurrile und visionäre Zukunftsvisionen für unsere Fortbewegung gab es in der Automobilbranche schon viele. Blog-Autorinnen Ines Weybrecht und Julia Fuchs haben einige außergewöhnliche Beispiele ausgegraben und den Realitätscheck gemacht. Mit dabei: der Audi RSQ aus dem Film „I Robot“.

Der Audi RSQ wurde im Film „I, Robot“ von Will Smith pilotiert gesteuert. Als Vorlage für das Design diente die Designstudie „Audi Le Mans quattro“, der später als Audi R8 auf die Straßen kam. Foto: NG Collection/Interfoto

 

Schon immer wollten Menschen wissen, wie die Zukunft wohl aussehen wird. Vor allem beim Thema Mobilität der Zukunft gab es bereits viele kreative Ideen: Ein schwebendes Auto? Sollte mit Luftkissen kein Problem sein. Ein fliegendes Fahrzeug? Funktioniert doch sicher mit Propeller, oder? Ideen und Zukunftsvisionen hatten Tüftler und Erfinder in den vergangenen Jahrzehnten noch und nöcher – doch wie viele davon wurden in die Realität umgesetzt?

Das fliegende Auto: ConvAircar

Für den amerikanischen Flugzeugbauer Convair war 1947 klar, dass das Flugzeug nicht das einzige fliegende Gefährt in der Mobilitätsgeschichte bleiben soll. Ingenieur Ted Hall sollte den Traum eines vierrädrigen ConvAircar verwirklichen. Für die Umsetzung dieser Idee sollten die Kunden einen viersitzigen Kleinwagen mit 25 PS Heckmotor und leichter Kunststoffkarosserie kaufen. Die zum Fliegen notwendige Flügel- und Motoreinheit hätte der Kunde dann an allen Flugplätzen mieten und einfach montieren können. Das Zusatzbauteil hatte eine Spannweite von 10,49 Meter – damit hätte das fliegende Auto eine Geschwindigkeit von bis zu 201 km/h erreichen können.

A ConVairCar, Model 118 flying car during a test-flight, California, November 1947. The hybrid vehicle was designed by Theodore P. Hall for the Consolidated Vultee Aircraft Company of San Diego, California, but never went into production. (Photo by FPG/Hulton Archive/Getty Images)

Das ConvAirCar während eines Testfluges über Kalifornien im November 1947. Das Hybridfahrzeug wurde von Theodore P. Hall entworfen, ging aber nie in Produktion. Foto: FPG/Hulton Archive/Getty Images

Das Atom-Auto: Ford Nucleon

Im Dezember 1951 gelang es US-Forschern erstmals, Strom in einem Kernreaktor zu erzeugen. Seitdem spukte der Geist der Kernenergie in den Köpfen der Automobilingenieure. Für viele von ihnen war die Zukunft atomar: Jahrelang tüftelten Erfinder bei der Ford Motor Company an einem Auto mit Atomantrieb. Die Idee: Mit nur einer strahlenden Energiezelle sollte das Fahrzeug mit dem Namen „Nucleon“ bis zu 5.000 Meilen zurücklegen. Dafür war ein kleiner, zwischen den Hinterrädern aufgehängter Kernreaktor vorgesehen. Nach den 5.000 Meilen sollte die Zelle an einer Atomtankstelle ausgetauscht werden.

June 1957: Car magnate, William Ford with a model of Ford company's concept car the 'Nucleon'. (Photo by Slim Aarons/Getty Images)

Juni 1957 : William Ford mit dem Atomauto „Nucleon“. Foto: Slim Aarons/Getty Images

 

Doch der Traum eines günstigen Atom-Autos mit einer gigantischen Reichweite blieb eine Studie im Maßstab 3:8. Das Problem war der Reaktor. Dieser war zu groß, zu schwer und viel zu teuer. Deshalb blieb der Ford Nucleon ein Konzeptfahrzeug, das nie in Serie ging.

Das sicherste Auto der Welt: SIR VIVAL

Den Wunsch nach einem sicheren Auto sollte 1958 der SIR VIVAL erfüllen. Der Name war ein Wortspiel mit dem englischen Verb „survive“, auf Deutsch „überleben“. Die Legende besagt, dass sich der Erfinder des SIR VIVAL, Walter C. Jerome, auf einem Rummelplatz inspirieren ließ. Dabei beobachtete er, wie Autoscooter gegeneinander fuhren, jedoch durch den Gummiring an der Seite abprallten und deshalb unbeschadet weiterrollen konnten. Dieses System hätte seiner Meinung nach auch im Straßenverkehr funktionieren können. Also baute er seinen 48er Nash, ein Auto, das wegen seiner markanten Heckflosse in den 1950er nur in den USA existieren konnte, zu Hause zum sogenannten SIR VIVAL um.

1958 wollte sich Walter C. Jerome in Anlehnung an den bekannten Autoscooter den Wunsch nach einem sicheren Auto erfüllen: den SIR VIVAL.

1958 wollte sich Walter C. Jerome in Anlehnung an den bekannten Autoscooter den Wunsch nach einem sicheren Auto erfüllen: den SIR VIVAL.

 

Besonders sicher war der SIR VIVAL vor allem durch die Lage des Fahrersitzes. Der Fahrer thronte etwas erhöht und hatte dank einer Plexiglaskugel, die ihm Schutz bot, einen totalen Rundumblick. Ein zweites Sicherheitsmerkmal war der Sicherheitsgurt. Zur damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit. Inspiriert von den Autoscotter, fertigte Walter C. Jerome rund um das Auto Plastiklippen an. Somit blieben kleinere Rempler folgenlos.

Das Problem am SIR VIVAL: Er war optisch keine Augenweide. In diesem Punkt waren sich auch alle Autofirmen, bei denen Jerome die Produktion des Autos anfragte, einig. Trotz des attraktiven Preises von 10.000 Dollar sagten sie ihm ab und das Projekt SIR VIVAL war Geschichte.

Das schwebende Auto: das Curtiss-Wright Model 2500 Air-Car

Ende des Zweiten Weltkriegs investierten die Vereinigten Staaten viel Geld in die militärische Entwicklung neuer Fahrzeuge. Eines dieser Konzepte war 1959 das Curtiss-Wright Model 2500 Air-Car. Dieses Air-Car sollte eine völlig neue Art des Personentransportes ermöglichen. Die Idee war, dass das Fahrzeug ungehindert mit 300 PS über Land und Wasser reisen kann ohne die Unterstützung von Rädern.  Bild Das Fahrzeug, das heute mit einem Luftkissenfahrzeug oder Hovercraft verglichen werden kann, trieben zum Teil auchzwei vertikale Propellern und ein Flugzeugmotor an. Ohne Achsen und Räder sollte sich das Zweisitzer-Modell des Curtiss-Wright Air Car schwebend fortbewegen.

Curtiss-Wright Model 2500 Air-Car, c.1959, Photograph from The Royal Aeronautical Society Archive

Das Curtiss-Wright Model 2500 wurde 1959 für militärische Zwecke entwicklelt. Das schwebende Auto ist heut zu Tage als Hovercraft bekannt. Foto: Mary Evans/The Royal Aeronautical Society/Interfoto

 

1960 testete die amerikanische Armee zum erste Mal das schwebende Auto, doch es konnte nicht überzeugen. Das Fahrzeug war nur auf unbebautem Land und fließendem Gewässer einsetzbar. Sobald es etwas hügelig oder steinig wurde, kam das Luftkissenauto nicht mehr voran.

Das Hai-Auto: el Tiburon

Es ist flach, glatt, geschmeidig und nur an den vier Rädern erkennt man, dass es sich um ein Auto handelt. Der El Tiburon (spanisch: der Hai) ist ein Roadster aus dem Jahr 1962 und ein aerodynamisches Experiment des US-amerikanische Industriedesigner Henry Covington. Dieser fertigte Anfang der 60er Jahre einen Roadster aus Fiberglas. Sein Traum war es ein Auto zu entwerfen, dass Eleganz und eine möglichst perfekte Aerodynamik vereint.

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El Tiburon, bekannt auch als Hai-Auto, besticht durch beste Aerodynamik. Foto: Geoffrey Hacker

 

Die Karosserie, die optisch einem Fischkörper ähnelt, basiert auf einem Renault 4CV-Chassis. Dieses musste wegen der extrem flache Frontpartie und der Fiberglas-Karosserie ein möglichst kompaktes Heckmotorfahrzeug sein, da sonst kein Motor gepasst hätte. Und mit einem Radstand von kaum 2,10 Meter und einer Höchstgeschwindigkeit von 196 km/h sollte der El Tiburon ein schlankes und schnittiges Auto sein.

Das Hai-Auto wurde zwar tatsächlich gebaut, doch nach dem Tod des Erfinders schlief die Produktion ein. 1966 feierte das US-Automagazin „Road & Track“ den El Tiburon als „the most streamlined car in the world“, dass windschnittigste Auto der Welt. Doch auch danach geriet das außergewöhnliche Gefährt wieder in Vergessenheit.

Das autonom fahrende Auto: der Audi RSQ

Fakt ist: Ein Paradebeispiel für das wahr werden anfänglich skurriler Zukunftsvisionen ist das pilotierte Fahren.

Bereits 2004 ließ sich Will Smith im Film „I, Robot“ von seinem Audi RSQ durch die Straßen chauffieren. Ein Knopfdruck und das Auto übernimmt die Führung, während sich der Fahrer entspannt zurücklehnt. Audi baute diesen Prototypen damals ausschließlich für den Film. Der Audi RSQ fährt nicht nur autonom, sondern auch seitlich und schräg. Denn anstelle der Räder hat er Kugeln verbaut.

Audi lies bereits 2004 im Film „I, Robot“ einen Audi RSQ pilotiert durch die Straßen fahren. 2017 soll der Traum vom pilotierte Fahren auch für Kunden möglich sein. NG Collection/Interfoto

Audi lies bereits 2004 im Film „I, Robot“ einen Audi RSQ pilotiert durch die Straßen fahren. 2017 soll der Traum vom pilotierte Fahren auch für Kunden möglich sein.

 

Als Vorlage für das Design des Audi RSQ diente die Designstudie des „Audi Le Mans quattro“, der später tatsächlich als Straßensportwagen Audi R8 auf die Straße kam. Was damals von Audi-Ingenieuren nur als Konzeptstudie gedacht war, ist schneller Realität geworden als wahrscheinlich viele erwartet hätten.

Denn heute ist diese Mobilitätsform längst auf der Überholspur und wird mit Hochdruck weiterentwickelt. Audi überschreitet 2017 die Schwelle vom teil- zum hochautomatisierten Fahren: In der nächsten Generation des Audi A8 geht die erste Ausbaustufe des pilotierten Fahrens in Serie. Die Limousine übernimmt das Steuer – beim Einparken und im Stop-and-go-Verkehr auf der Autobahn bis 60 km/h.

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Verbrauchsangaben Audi A8: Kraftstoffverbrauch kombiniert in l/100 km: 11,2 – 5,7; CO2-Emission kombiniert in g/km: 259 – 146 // www.audi.de/DAT-Hinweis


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