Lisa Foerst
13.01.2017
Interview mit Hubert Waltl und Markus Wasmeier
Zwischen Lego und Smart Factory

Innovation oder Tradition? Spiel oder Ernst? Für Produktionsvorstand Hubert Waltl und Ski-Weltmeister Markus Wasmeier gehören diese scheinbaren Gegensätze untrennbar zusammen. Ein Gespräch über spielerisches Lernen, Motivation und Parallelen in Sportwelt und Unternehmensführung.

Zwischen Smart Factory und Lego

Audi-Vorstand Hubert Waltl und Ski-Weltmeister Markus Wasmeier sprechen im Interview über Perfektion in Produktion und Leistungssport.

 

Herr Waltl, mit der Digitalisierung verantworten Sie den größten Zukunftsschritt in der Produktionsgeschichte von Audi. Macht Ihnen das Angst?

Waltl: Nein. Ich sehe es als Herausforderung. Mit unserem heutigen Wissensstand kann die getaktete Fertigung, die Henry Ford erfunden hat, nicht überleben. Deshalb müssen wir den Übergang zur Modularen Montage jetzt in die Wege leiten. Wir haben bereits ein erstes Projekt mit separaten Fertigungsstationen in der Audi R8-Manufaktur in den Böllinger Höfen gestartet und die Mannschaft ist begeistert.

 

Markus Wasmeier transferiert für sein Freilichtmuseum ganze Häuser und nennt das „Lego für Erwachsene“. Was ist Ihr Lieblingsspielzeug?

Waltl: Ganz klar die modulare Fabrik (lacht).

Wasmeier: Das ist ja fortgeschrittenes Lego, schon fischertechnik (lacht).

Waltl: Ich habe als Kind wirklich unwahrscheinlich gern mit Lego, fischertechnik und Trix gespielt. Das inspiriert mich bis heute. Zum Beispiel als ich überlegt habe, wie wir bei Audi als Erste weltweit unsere Fabriken modularisieren können.

 

Zwischen Smart Factory und Lego

Prof. Dr. Hubert Waltl bereitet den Übergang vom traditionellen Fließband zur hoch individuellen modularen Produktion vor: Hier bringen autonome Transportfahrzeuge die Bauteile zu den einzelnen Fertigungsinseln.

 

Dabei hat Ihnen Ihr Kinderspielzeug geholfen?

Waltl: Ja! Ich habe mich gefragt: Wie kannst du einen Meister mit dreißig Jahren Erfahrung, einen Top- Spezialisten im Werkzeugbau, davon überzeugen, dass man die Fertigung auch ganz anders aufbauen kann? Dazu musste mein Assistent zehn Lego-Bausätze besorgen, und ich habe meine Meister samstags zum Frühstück eingeladen. „Passt auf, jetzt kriegt ihr Weißwürste, und danach baut jeder ein anderes Lego-Auto zusammen“, habe ich zu ihnen gesagt. Wir haben dann gestoppt, wie lange jeder für sein Auto gebraucht hat.

 

Und?

Waltl: Viel zu lange. Deshalb haben wir die Autos wieder zerlegt und zwei Baugruppen gemacht, also zwei Fertigungsstränge, in denen der Erste die Plattform baut, der Zweite die Karosserie und so weiter. Und auf einmal haben wir in der Hälfte der Zeit die gleiche Anzahl an unterschiedlichen Lego-Autos gebaut. Das war das totale Aha-Erlebnis. Und inzwischen ist das ein fester Bestandteil unseres Produktionssystems.

 

Sie schulen Ihre Mitarbeiter also mit Lego für die Modularisierung?

Waltl: Genau, denn spielerisches Lernen ist wichtig. Gerade beim digitalen Wandel setzen wir darauf, erfahrene Mitarbeiter für die Möglichkeiten zu begeistern, die wir durch neue Technologien, Big Data und smarte Roboter haben.

 

Zwischen Smart Factory und Lego

In der A3-Montage trifft der frühere Doppel- Olympiasieger und heutige Museumsbetreiber Markus Wasmeier auf modernste Robotertechnik.

 

Oft heißt es, Daten seien das Öl der Zukunft. Herr Wasmeier, sind Zahlen und Daten bald wichtiger als das Bauchgefühl des Trainers?

 Wasmeier: Nein, beides muss sich ergänzen. Besonders im Skisport ist die enge Zusammenarbeit zwischen Sportlern und Ingenieuren gefragt. Aus Daten zieht man wichtige Erkenntnisse, doch jeder Mensch ist anders. Aber natürlich wird die Analyse von Daten immer wichtiger, um Methoden und Materialien weiterzuentwickeln.

„Faszinierend am historischen Landleben ist das Einfache.
Heute machen wir häufig zu viel.“  – Markus Wasmeier

Sie haben einerseits Innovationen wie die Kameraabfahrt eingeführt, andererseits wollen Sie mit Ihrem Freilichthof das kulturelle Erbe bewahren. Ist das nicht ein Wandel gegen die Zeit?

Wasmeier: Man könnte es als Forschungsarbeit bezeichnen. Kein Handwerker kann heute noch sagen, wie die Menschen vor hundert Jahren gearbeitet haben. Die haben einen fünf Meter langen Baum in wenigen Stunden zu einem Balken verarbeitet. Nur mit einem Beil. Wie das geht, findet man nur heraus, wenn man es selbst ausprobiert.

 

Was kann man im digitalen Zeitalter vom traditionellen Landleben lernen?

Wasmeier: Was so faszinierend ist, ist das Einfache. Wir machen häufig zu viel, blähen Sachen auf. Dabei ist das Einfache oft effektiver. Weniger ist meist mehr.

Waltl: Die Fähigkeit, das zu erkennen, darf man nicht verlieren. Für uns ist es wichtig, Prozesse effizient zu gestalten und Komplexität im Unternehmen zu reduzieren.

 

Zwischen Smart Factory und Lego

Am Schliersee in Oberbayern hat Doppel-Olympiasieger Markus Wasmeier sein „altbayerisches Dorf“ aufgebaut. Er zeigt hier das Landleben von früher mit Gebäuden, die in der Umgebung abgebaut und hier wieder errichtet wurden.

 

Woher nehmen Sie Ihre Energie?

Waltl: Wenn ich zum Skifahren oder Wandern in die Berge fahre, dann bin ich in einer anderen Welt. Nach einer Radtour, einem Waldlauf oder einer Skitour komme ich sonntagabends heim und habe wieder Energie und neue Ideen.

 

Sie ziehen Ihre Kraft aus der Natur. Wie sehr ist Nachhaltigkeit in der Produktion ein Thema für Sie?

Waltl: Nachhaltigkeit ist bei uns neben der Produktivität das zentrale Thema. Unsere Aufgabe ist, Autos ressourcenschonend zu bauen. Wir investieren hohe Millionenbeträge, um etwa den Verbrauch von Energie und die Produktion von Abfall zu senken. Bestes Beispiel sind die neuen Lackierereien in Ingolstadt und Mexiko. In Ingolstadt sinkt beispielsweise der Wasserverbrauch pro Auto um 20 Prozent, in der neuen Lackiererei in Mexiko wird durch die Filterung der Kreislaufluft der Ausstoß von organischen Lösemitteln auf nahezu Null reduziert.

„Man kann nichts verlangen, was man selbst nicht macht.“ – Hubert Waltl

Herr Wasmeier, aus Ihrem Hobby, Häuser zu transferieren, ist inzwischen ein Freilichtmuseum mit 75 Angestellten geworden. Greifen Sie auf Erfahrungen aus dem Sport zurück, um Ihr Team zu motivieren?

Wasmeier: Als Einzelsportler war das für mich nicht selbstverständlich. Aber ich war immer morgens der Erste und abends der Letzte und vor allem der Dreckigste. Für Motivation und Teamführung musst du an vorderster Front stehen, du musst es vorleben.

Waltl: Das ist ganz wichtig. Man kann nichts verlangen, was man selbst nicht macht.

 

Zwischen Smart Factory und Lego

Niederlagen gehören dazu – im Profisport wie in Unternehmen. Im Gespräch erzählen Hubert Waltl und Markus Wasmeier über „Auf und Abs“.

 

Nach einer schwachen Saison rechnete in Lillehammer 1994 keiner mit Ihnen – und plötzlich wurden Sie Olympiasieger. Wie haben Sie das geschafft?

Wasmeier: Mein Fokus in dieser Saison lag nur auf Olympia. Mir war klar: Wenn ich einen fehlerlosen Lauf schaffe, dann hole ich Gold. Als ich merkte, dass mein damaliger Rennski ein Siegerski war, habe ich ihn nicht mehr gefahren, um ihn für Olympia aufzuheben. Ich bin die letzten Saisonrennen mit Ersatzski gefahren – so schlecht, dass sich alle gewundert haben. Aber es hat funktioniert …

 

Herr Waltl, auch als Vorstand müssen Sie mit Höhen und Tiefen umgehen. Wie motivieren Sie sich im Tal?

Waltl: Meine Großmutter hatte einen Wandteller, auf dem stand: „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Das stimmt auch heute noch. Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Man darf nicht resignieren, denn Aufs und Abs gehören dazu.

Wasmeier: Niederlagen sind die Wegweiser deiner Zukunft. Erst sie machen dich so kreativ, dass du auf einmal einen ganz anderen Weg einschlägst. Einen, auf den du vorher nie gekommen wärst. Wenn du immer nur oben wärst, würdest du kaum Schritte nach vorn machen. Das ist in der Sportwelt so, das ist in Unternehmen so.

 

Kurz & knapp

 

Beschreiben Sie sich in drei Worten.

Waltl: Klein, ehrgeizig, manchmal verschmitzt.

Wasmeier: Ehrgeizig, ewiger Optimist, spontan.

 

Sie sind beide leidenschaftliche Skifahrer. Piste oder Freeride?

Waltl: Beides. Ich gehe gern auf Skitour, aber ich fahre auch gern im Frühjahr die Pisten runter, auf denen noch keiner unterwegs war.

Wasmeier: Egal, Hauptsache Schnee!

 

Ihr Lebensmotto?

Wasmeier: Man trifft sich immer zweimal im Leben. Und jeder Tag ist ein geschenkter Tag.

Waltl: Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Und eine Art Lebensmotto ist auch, dass Gesundheit das wichtigste Gut des Menschen ist.

 

Herr Waltl, wenn Sie eine Person Ihrer Wahl – aus der heutigen Zeit oder der Vergangenheit – durch die Audi-Produktion führen könnten: Wer wäre das?

Waltl: Henry Ford. Ich würde unheimlich gerne hören, was er, der den Automobilbau so geprägt hat, zu unserer Produktionsstraße sagen würde.


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