Maximilian Kranl
05.05.2017
Motorsport-Saison 2017
Audi TT Cup: Reifenprüfung für den Nachwuchs

16 Piloten aus zehn Nationen, 13 Männer und drei Frauen – das sind die Nachwuchsfahrer des Audi TT Cup. Mitte April simulierten die Rookies ein Rennwochenende im Eiltempo, um sich mit Auto und Strecke vertraut zu machen. Blog-Autor Maximilian Kranl war in der Boxengasse dabei und ist dort auf einen großen Namen gestoßen.

Audi TT Cup

Unterwegs im Audi TT Cup Fahrzeug auf dem legendären Hockenheimring: Bevor das Rennen startet, fährt sich das Audi Team ein, probt den Rennablauf und testet die Fahrzeuge.

 

Endlich wieder Rennluft. Endlich wieder dieses ganz besondere Gemisch aus verbranntem Benzin, heißem Gummi und glühenden Bremsen. Man findet es nur an einem Ort: in der Boxengasse. Rennluft schnuppern, nein, vielmehr inhalieren – dafür sind Mitte April die neuen Rennfahrer des Audi TT Cup an den Hockenheimring gekommen. Die Strecke ähnelt an diesem Tag einem leeren Fußballstadion: Fast schon gespenstisch ruhig ist es hier – so ganz ohne Zuschauer auf den Rängen und Fans in der Boxengasse.

Eine Mammutaufgabe wartet auf die Fahrer

Nur die drei großen Lkw von Audi Sport und Reifenpartner Hankook lassen darauf schließen, dass es hier und heute doch noch laut wird. Eine eiserne Tür öffnet den Weg mitten in die Box. Wo sonst die Boliden von Formel 1 und DTM warmlaufen, stehen heute mehr als ein Dutzend TT Cup-Fahrzeuge. Man fühlt sich unweigerlich an eine Packung Smarties erinnert: Blau, gelb, orange und grau glänzen die Autos. Auf die Piloten kommt an diesem Tag eine Mammutaufgabe zu: Was sonst an drei Tagen passiert, wird beim Test in einen komprimiert.

Audi TT Cup

Noch sind die Ränge leer: Während das Fahrerfeld die Strecke testet, Bremspunkte und Kurvenfahrten übt sind noch keine Zuschauer vor Ort. Beim tatsächlichen Rennen wird sich das ändern – und die Fahrer zusätzlich herausfordern.

 

Am Morgen steht ein Trackwalk an. Die Fahrer laufen die kompletten 4,5 Kilometer ab und begutachten mit den Instruktoren jeden Kerb. Danach stehen drei Sessions freies Training und schließlich das Rennen an. Starts werden geprobt, Gelbphasen simuliert, das Safety Car rausgeschickt – eben alles, was auf die Fahrer zukommt, wenn Anfang Mai die Saison beginnt. Dabei stehen den Youngstern mit Markus Winkelhock und Marco Werner zwei gestandene Rennprofis zur Seite.

Beim Rennen kommen viele Risikofaktoren zusammen

„Die Fahrer sind unsicher: Sie wollen schnell sein, aber das Auto so kurz vor der Saison nicht wegwerfen. Mir geht es bei Tests nicht anders“, sagt Winkelhock, der sonst  einen Audi R8 LMS pilotiert. Le Mans-Sieger Marco Werner warnt zu Beginn vor den Reifen: „Kalte Slicks fahren sich wie Sommerreifen auf einer Eisplatte. Da muss man die ersten Runden langsam machen und sich von den Kerbs fernhalten.“

Und so ist das immer aufgeregtere Treiben in der Box auch von einem Thema dominiert: dem richtigen Reifendruck. „Die Fahrer müssen die Reifen richtig auf Temperatur bringen. Das ist vor allem an der Hinterachse schwierig. So gesehen ist das Auto trotz seriennaher Technik schwer zu fahren“, erklärt Audi Sport TT Cup-Chef Philipp Mondelaers. Diese Herausforderung haben alle Fahrer gemeinsam. Dabei könnte das Teilnehmerfeld unterschiedlicher kaum sein: Der Erfahrungsschatz, den sie mitbringen, reicht von ein paar Runden im Rennkart bis zu mehreren Jahren in der Formel 4.

Auch Vettel startet beim Rennen

Da wäre zum Beispiel Fabienne Wohlwend, eine junge Frau aus Liechtenstein, die ihre langen blonden Haare gerade unterm rot-, weiß, goldfarbenen Helm verschwinden lässt. Vor dem TT Cup war sie lange im Kart und in der italienischen Formel 4 Serie unterwegs. Fabienne ist eine von drei Frauen im Starterfeld. „Ich will die ersten fünf Runden langsam machen und die Reifen aufwärmen. Dann kann es richtig losgehen“, sagt Fabienne und tätschelt ihren gelben TT.

Keine zehn Meter weiter parkt ein blaues Auto mit der Nummer 55. Da steht doch tatsächlich „Vettel“ drauf. Er gehört aber nicht Sebastian, sondern Fabian – dem kleinen Bruder. Der 18-jährige Heppenheimer macht gerade sein Fachabitur, will aber auch noch einen Anlauf im Rennsport wagen – besser spät als nie eben. „Für mich ist es etwas Besonderes, am Hockenheimring quasi in meiner Heimat Rennen zu fahren“, sagt Fabian, bevor er ins Auto steigt.

Runde für Runde tasten sich die Piloten an die Strecke heran

Jetzt wird es zum ersten Mal ernst, ein Motor nach dem anderen springt an, das Dröhnen in der Box wird lauter, Türen werden zugeklappt, Gänge eingelegt – die bunten Autos nehmen den Hockenheimring in Angriff, weben das Motordrom in einen dichten Soundteppich. Runde für Runde pfeilen die Piloten an Start-Ziel vorbei, immer einen Tick schneller, immer etwas später auf der Bremse vor der schnellen Rechts. Und Tatsache: Die kalten Reifen machen den Piloten zu schaffen. Der ein oder andere Dreher bleibt nicht aus – aber folgenlos.

Audi TT Cup

Fabienne Wohlwend im gelben TT Cup Fahrzeug: Neben ihr starten zwei weitere Frauen ins Rennen. Ihren Schreibtisch hat die Bankangestellte beim Testlauf gegen Sportsitz, Helm und Lenkrad eingetauscht.

 

Nach der ersten Session heißt es: Wohlwend P9, Vettel P8. Fabienne steigt aus, fächelt sich Luft mit der Hand zu und keucht: „Puh, es ist schon warm im Auto. In einigen Kurven geht noch was, ich kann noch mehr Schwung mitnehmen und die Strecke besser ausnutzen“, bilanziert Fabienne, die sonst Vollzeit in einer Liechtensteiner Bank arbeitet. Zehn zusätzliche freie Tage machen erst möglich, dass sie zu allen Rennen kann. „Ich finde es toll, dass wir drei Mädels im Feld sind, uns gegenseitig pushen und den Jungs zeigen können, wo es langgeht. Im Auto macht es keinen Unterschied, ob Mann oder Frau“, sagt sie entschlossen. Ihr Saisonziel: Top fünf.

Das Training zahlt sich aus

Für Fabian Vettel ist die anstehende Saison ein reines Lehrjahr: „Ich  will natürlich nicht langsam sein, aber in erster Linie geht es darum, Erfahrung zu sammeln. Ich muss ja jetzt aufholen, weil ich schon so alt bin“, scherzt er und fährt sich durch sein wildes, braunes Haar. Die Ähnlichkeit mit dem berühmten großen Bruder ist nicht zu übersehen: Dialekt und den witzigen, ja fast flapsigen Umgang bringt Fabian genauso mit wie den weißen Helm und die akribische Arbeitsweise.

„Klar gibt Sebastian mir hier und da mal einen Tipp, aber wenn es konkret ums Auto geht, muss und will ich das selbst rausfinden.“
Fabian Vettel, Rennfahrer im Audi TT Cup

Motorsport ist bei den Vettels aber überraschend selten ein Thema: „Wir reden über ganz andere Dinge. Klar gibt er mir hier und da mal einen Tipp, aber wenn es konkret ums Auto geht, muss und will ich das selbst rausfinden“, sagt Fabian und fügt schelmisch hinzu: „Als Formel-Pilot hat er von Tourenwagen ja auch keine Ahnung.“ Und es zeigt sich: Mit jeder Trainingssession purzeln die Zeiten, die Fahrer scheinen mit den Reifen warm zu werden. Vor dem Rennen springt Markus Winkelhock ins rote Audi TT RS Safety Car, versammelt das Feld hinter sich, um den fliegenden Start zu proben. Das Rennen geht in die heiße Phase, die Sonne steht schon tief über dem Horizont.

Runde für Runde spulen die Fahrer ab. Durch den schnellen Rechtsknick fliegen sie auf die Sachskurve zu, manche lassen sich zu weit hinaustragen und wirbeln ordentlich Staub auf. Spät und hart bremsen sie die Haarnadel an, lassen das Auto rollen und gehen wieder ans Gas. Der Motor brüllt auf, bei jedem Hochschalten knallt es laut aus dem Auspuff. Am Ende ist Fabian Vettel dank größter Konstanz bis auf Rang drei vorgefahren, Fabienne Wohlwend landet auf P9.

Der Audi TT Cup steht Anfang Mai an

Nach einem ganzen Rennwochenende in nur zehn Stunden stehen den Fahrern die Strapazen ins Gesicht geschrieben. Glücklich sehen sie trotzdem aus. Lag das Feld nach dem ersten freien Training noch um sieben Sekunden auseinander, ging es mit jeder Session enger zu.

„Die Leistungsdichte ist noch schwer zu beurteilen. Es sind aber auf jeden Fall einige Kandidaten dabei, die ums Podium kämpfen werden“, bilanziert Markus Winkelhock zufrieden. Es bleibt die Erkenntnis: Nur zum Spaß ist keiner der Fahrer hier. Anfang Mai wird es also erst so richtig laut am Hockenheimring.

 


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