Herz aus Polaroidfotos

„Wir müssen nur einpflanzen und gießen“

Agiles Arbeiten bei der Autonomous Intelligent Driving

100 Prozent autonomes Fahren in der Stadt lautet die Mission der Autonomous Intelligent Driving. Mit agilen Denkweisen schafft sich die Audi-Tochter den nötigen Freiraum, um dies zu Beginn des kommenden Jahrzehnts Wirklichkeit werden zu lassen. Einblicke in einen Arbeitsprozess, der weitaus mehr hervorbringt als bunte Post-its.

Agile Coach Nastaran Matthes
„Unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Denkweisen und Kompetenzen zusammenzubringen erhöht die Produktivität, Qualität und Geschwindigkeit“, sagt Agile Coach Nastaran Matthes.

Mittwochmorgen 9 Uhr – ein fröhliches „Daily Stand-up, guys“ tönt durch das Großraumbüro im Münchner Norden. Nastaran Matthes steht vor einer Wand voll bunter Post-its, in ihrer Hand ein roter Ball. Kaum ist das Cloud Service-Team versammelt, geht‘s los: Woran wird gerade gearbeitet? Welche Probleme gibt es? Wie können die gelöst werden? Der rote Ball wandert von Teammitglied zu Teammitglied. Keine zehn Minuten später steht der Plan für die nächsten 24 Stunden. Nastaran ist Agile Coach bei der Autonomous Intelligent Driving (AID), das heißt sie gestaltet federführend den Aufbau einer agilen Unternehmenskultur.

Der Kunde ist König

Als Kompetenzzentrum für autonomes Fahren im urbanen Raum entwickelt die AID ein Software-Modul, das in Zukunft Autos ohne menschlichen Fahrer durch die Stadt navigieren soll. Mit Start-up-Charakter schafft sich die Audi-Tochter Freiräume anders zu denken und anders zu handeln. Denn: Die Entwicklung von Software erfordert Schnelligkeit und Flexibilität – insbesondere wenn man etwas entwickelt, das heute noch nach Science Fiction klingt. Und da kommt Scrum ins Spiel: Der agile Arbeitsprozess ermöglicht es schnell auf Veränderungen zu reagieren, bezieht Kunden in den Entwicklungsprozess ein und gibt Mitarbeitern mehr Verantwortung. „Nur wenn wir kontinuierlich die Kundenbedürfnisse und Marktveränderungen berücksichtigen, entwickeln wir am Ende das richtige Produkt“, erklärt Nastaran.

Daily Stand-up

Das Cloud Service Team bespricht im Daily Stand-up die nächsten Schritte im Scrum-Prozess.

Wie alle Teams bei der Audi-Tochter arbeitet auch das Cloud Service-Team nach Scrum. Es entwickelt eine Cloud-Infrastruktur über die Daten gesammelt werden, mit denen die Software-Ingenieure anschließend die neuronalen Netze – die zentralen Bausteine des Gehirns der Künstlichen Intelligenz im Auto – trainieren.

Das Cloud Service-Team befindet sich momentan im Sprint, das ist ein zweiwöchiger Entwicklungszyklus. Am Ende jedes Zyklus steht immer eine vollständig integrierte, funktionierende Software, die in den Fahrzeugsoftware-Stack implementiert wird. Jeden Morgen trifft sich das Team und bespricht die nächsten Arbeitsschritte – ansonsten werden Meetings möglichst vermieden.

Mehr Vertrauen, weniger Kontrolle

Das Motto lautet „Mehr Vertrauen, weniger Kontrolle“. Von der Planung über die Umsetzung bis hin zur Demo für das Produktmanagement sind alle Teammitglieder gleichberechtigt. Das Ergebnis: „Menschen, die Verantwortung tragen, haben mehr Freude an ihrer Arbeit und stecken mehr Herzblut rein“, sagt Nastaran.

Sami Vaaraniemi ist Tech Lead im Cloud Service-Team. Er trägt die technische Verantwortung für das Teil-Produkt. „Das wichtigste Qualitätsmerkmal von Software ist die Fähigkeit, Veränderungen zu unterstützen. Das Hauptziel bei unseren Tests ist – neben der Korrektheit des Software-Codes –, die Codebasis veränderbar zu machen. So können wir kontinuierlich einzelne Codeteile aktualisieren, ohne Regressionsfehler einzuführen“, sagt Sami. Um dies zu erreichen entwickeln Sami und sein Team iterativ, das heißt sie liefern die Software Schritt für Schritt aus. So werden Fehler schneller erkannt und die Probleme können direkt angepackt werden. Nastaran steht dem Team während des gesamten Prozesses beratend zur Seite: „Meine Aufgabe ist es, Hindernisse zu beseitigen und darauf zu achten, dass die Teams ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren.“

Tech Lead Sami Vaaraniemi
Als Tech Lead des Cloud Service Teams hat Sami Vaaraniemi die Verantwortung für das Teil-Produkt.

Must-have: Agile Denkweise

Scrum ist beliebt, weil es mit wenigen Rollen auskommt. Doch es ist nur eine von vielen möglichen Implementierungen des agilen Arbeitens. Laut Nastaran ist das Entscheidende die Denkweise und Geisteshaltung, auf der agile Arbeitsmethoden basieren: „Die treibenden Faktoren für ein agiles Mindset sind motivierte Mitarbeiter, selbstorganisierte Teams, menschliche Interaktion und kontinuierliche Verbesserung.“

Die Prämisse der kontinuierlichen Verbesserung gilt sowohl für die Qualität der Software als auch für die Zusammenarbeit. Daher gibt es nach jedem Sprint eine Retrospektive, quasi ein Rückblick. „Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um Ursachenforschung, also nicht ‚wer‘, sondern ‚warum‘“, sagt Nastaran. „Alles, was wir besser machen können, kommt auf die To-do-Liste für den nächsten Sprint.“

In einem kleinen Team agil zu arbeiten ist relativ einfach. Daher haben Start-ups diese Arbeitsmethode sehr schnell übernommen. Damit aber am Ende die einzelnen Software- und Hardware-Komponenten im Auto zusammenpassen, müssen alle Teams synchronisiert werden. „Die große Herausforderung ist dabei weiterhin schlank zu bleiben, mit wenig Bürokratie“, sagt Nastaran. „Aber wenn wir jetzt eine agile Kultur richtig einpflanzen, dann müssen wir später nur gießen.“ Und so will die AID den Traum von Robotertaxis schon bald Realität werden lassen.

Der Weg zur Autonomie

Leben, Technologie, Städte und Verkehr verändern sich. Die Mission der Audi-Tochter Autonomous Intelligent Driving ist es, Mobilitätsdienste und Privatfahrzeuge in die Lage zu versetzen, im städtischen Umfeld und darüber hinaus völlig autonom zu fahren. Mit dem Ziel bis 2021 völlig autonom unterwegs zu sein.

Nach jedem Sprint führt das Team eine Retrospektive durch um daraus To-dos für den nächsten Sprint abzuleiten.

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Teil des Daily Stand-ups: Der rote Ball wandert von Teammitglied zu Teammitglied.

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Das Team bespricht sich während eines Sprints um Probleme und kommende Arbeitsschritte zu klären.

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