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Arbeit am laufenden Band

Wie ist es eigentlich, wenn der Arbeitstag sekundengenau durchgetaktet ist? Drei unserer Audi Blog-Autorinnen haben eine Woche lang ihren Bürojob gegen Bandarbeit getauscht. Ein Erlebnisbericht aus der Audi A3 Montage.

 So funktioniert Just-in-Time Produktion. Michelle Lebioda erklärt mir das System zum Kommissionieren im Supermarkt
So funktioniert Just-in-Time Produktion. Michelle Lebioda erklärt mir das System zum Kommissionieren im Supermarkt
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Ich bin ein Morgenmensch – ehrlich. Aber wenn die Enten an der Donau noch die Köpfe unter ihre Federn stecken, ist es selbst für mich zu früh. Die Uhr zeigt 5.30. Mit dem Fahrrad bin ich auf dem Weg zu Audi – auf dem Weg zu einem besonderen Experiment. Eine Woche lang tausche ich meinen Bürojob in der Unternehmenskommunikation gegen die Frühschicht in der Produktion.

Kurz vor sechs Uhr begrüßt mich Gruppenleiter Emin Atic in der Cockpit-Vormontage. „Wir verbauen hier vom Klimagerät über die Außenhaut bis zu den Ausströmern das gesamte Cockpit des Audi A3“, erklärt er mir. 21 Takte – dann ist so ein Cockpit komplett und wird zum Einbau in die Autos an die Hauptlinie transportiert. Die Arbeitsschritte, die ich beobachte, scheinen leicht von der Hand zu gehen.

Der „Supermarkt“ in der Audi-Produktion

Aber nur zum Zuschauen bin ich nicht gekommen. Mein erster Einsatzort: der sogenannte Supermarkt. In diesem Lager direkt an der Linie kann ich mich erst mal eingewöhnen, denn ich lerne viele Teile kennen, die zum Bau des Cockpits nötig sind. Zierleisten, Lenkradschalen, Ausströmer für die Klimaanlage. All das wird hier in Regalen vorbereitet. Ein Computer zeigt an, welches Teil in welches Regalfach kommt. Michelle Lebioda erklärt mir, wie man ihn bedient. Eigentlich einfach, denke ich. Doch bereits bei den Kombiinstrumenten komme ich durcheinander. Es gibt mehr als 30 Varianten. Dabei ist das nur eine Möglichkeit, wie der Kunde seinen Audi A3 individualisieren kann. Insgesamt gibt es mit 10 hoch 38 Varianten mehr Möglichkeiten als Sterne in unserem Universum. „Deshalb läuft bei uns auch fast nie zwei Mal das gleiche Cockpit hintereinander vom Band“, sagt Michelle.

Arbeit am laufenden Band

Sie haben das Experiment gewagt: Stephanie Huber, Barbara Wege und Dorothea Joos (v.l.) haben eine Woche lang Bürojob gegen Bandarbeit getauscht

 

Nachdem wir die Kombiinstrumente fertig einsortiert haben, bringen wir sie zu den Kollegen ans Band, wo sie direkt eingebaut werden. So sieht Just-in-time-Produktion also in der Realität aus.

Zu viele Arbeitsschritte in zu wenig Zeit?

Als nächstes soll ich in der Linie mitarbeiten. Marco Caliebe erklärt mir, wie Zierleisten und Abdeckungen für die Lenksäule im Cockpit verbaut werden. Leisten einklicken, Lenkradelektronik verkabeln, die Abdeckung für die Lenksäule mit drei Schrauben festziehen, Oberschale aufstecken und einklicken. Und das alles innerhalb eines sekundengenauen Arbeitstakts. Für den Anfang sind das zu viele Arbeitsschritte für mich alleine. Marco muss ordentlich nachhelfen. Geduldig zeigt er mir alles – auch, wie ich den Werkstückträger individuell verstellen kann, damit ich die Schrauben ohne Strecken oder Bücken verbauen kann. „Jetzt musst du nur noch deine Arbeitswege optimal einhalten und dann kann ich dich vielleicht alleine lassen“, sagt er.

Zum Glück läutet es vorher zur Pause. Noch nie habe ich um zehn Uhr Mittag gegessen. Und eine halbe Stunde ist nicht viel Zeit, stelle ich fest. Viel zu früh ertönt der Gong. Doch meine Kollegen sind daran gewöhnt.

Arbeit am laufenden Band

Mit viel Gefühl: Corinna Winterstein zeigt mir, wie man die Lautsprecherabdeckung korrekt einbaut

 

Eine neue Arbeitsstation – Stress oder Abwechslung?

Wie die anderen Mitarbeiter rücke auch ich nun einige Takte weiter an eine neue Arbeitsstation. Das soll Abwechslung bringen. Für mich bedeutet es erst einmal Stress. Ich muss mich an neue Handgriffe gewöhnen. Anders als im vorigen Takt geht es diesmal mehr um Gefühl als um Kraft. Ich soll die filigrane Lautsprecherabdeckung oben auf dem Cockpit verbauen. Der erste Versuch geht daneben. Die Abdeckung reißt. „Nicht so schlimm“, sagt Corinna Winterstein, die mich anlernt. „Wir probieren es gleich noch mal.“ Diesmal klappt es. Mit der Zeit werde ich immer besser. Bald kann ich den Takt sogar alleine übernehmen. Corinna schaut mir nur noch über die Schulter. Unterhalten kann ich mich leider nicht mit ihr. Viel zu sehr muss ich mich auf die einzelnen Arbeitsschritte konzentrieren.

Nach acht Stunden und rund 300 Cockpits ist die Schicht vorbei. Ich treffe mich mit meinen Kolleginnen Barbara Wege und Stephanie Huber. Auch für sie heißt es in dieser Woche Band statt Büro. Beide sind begeistert. „Ich finde es beeindruckend, wie die Kollegen in der Produktion zusammenarbeiten“, erzählt mir Barbara, die am Bandabschnitt sechs arbeitet, kurz bevor das Auto zum ersten Mal gestartet wird. „Der letzte Handgriff eines Teammitglieds bereitet oft den nächsten Handgriff eines Kollegen vor. Ich hatte hier direkt am ersten Tag das Gefühl, Teil einer Mannschaft zu sein.“ Das kann ich nur bestätigen.

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