Erdrückende Räumlichkeiten bei einer Razzia in Produktionsräumen von Plagiaten in Wenzhou

Plagiaten auf der Spur IV: Den Fälschern auf den Fersen

Audi-Mitarbeiter unterstützen chinesische Behörden bei Razzien

Eine Razzia in der Hauptstadt der Fälschungen. Audi-Mitarbeiter Serhyi Jewtymowycz begibt sich in Wenzhou zusammen mit den chinesischen Behörden auf die Jagd nach Herstellern von Plagiaten. Im Fokus der Suche: das Audi Logo. Wieso er bei Fälschungen oft der Nase nach geht...

Auf der Lauer bei Fälscherbetrieben in Wenzhou.
Die Fälscherwerkstätten sind oft unauffällig und befinden sich in abgelegenen Hinterhöfen oder Wohngegenden. Durch Observationen werden sie ausfindig gemacht.

Früher Morgen in Wenzhou, China. Der Regen überschwemmt die Straßen. Die Luftfeuchtigkeit ist ebenso drückend wie die Anspannung aller Beteiligten.
Ein rotes Lampion mit chinesischen Schriftzeichen weht im Wind und ist wohl das einzige, was man in dieser Gegend als ästhetisch bezeichnen kann.
Im Fokus: eine Lagerhalle. Unauffällig. Blaues Wellblech und ein Garagentor mit Schloss. Trotz wochenlanger Observationen sind es lediglich Vermutungen, was sich hinter dem Tor verbirgt.

Die chinesischen Behörden geben das Zeichen. Mit gezielten Schlägen klopfen sie gegen das Blech. Keine Reaktion. Nach kurzer Zeit brechen sie das Schloss selbst auf und stürmen die Halle. Die Räume sind menschenleer, die Zielpersonen weg. Aber dennoch finden sie, was sie suchen.

Körbeweise Metallteile stapeln sich auf dem ölverschmierten Boden. Unzählige Kartons, bereit für den Versand. Berge von Plastikteilen und Verpackungsmaterialien versperren den Durchgang. Zwischen all dem Chaos stehen Werkbänke und Maschinen. Sie sind noch warm und unter einem Schleifgerät befinden sich noch nicht fertige Metallteile. Jemand hatte es eilig zu verschwinden.

Werkstatt Fälscherbetrieb

Neunzig Prozent aller Fälschungen von Fahrzeugteilen entstehen in China. Der Vertrieb findet weltweit statt.

Wichtige Indizien bei der Verfolgung von Fälschern

Audi Markenschützer Serhyi durchstreift mit zusammengekniffenen Augen die Lagerhalle. Er überfliegt die Traglenker, Bremsbeläge und Kühlergrille in den Körben nur flüchtig und scheint etwas anderes zu suchen. Seine Rolle ist klar: Er sucht die vier Ringe. Die vier Ringe, die eigentlich nicht hier sein dürften.

Zielstrebig steuert er auf eine Kiste zu, zieht einen Luftfilter heraus und riecht daran. Ein beißender, chemischer Geruch. Ob die verwendeten Materialen in Deutschland zulässig wären, ist fraglich. Ohne die Nase zu rümpfen, erkennt er: „Plagiat!“.
Und auch das wichtigste Indiz, das Markenlogo, ist hier zu finden.
Es ist ein Bauteil, dass zum neuen Audi Q5 passt, der vor sechs Monaten auf den Markt gekommen ist. Die Fälscher sind schnell und imitieren nahezu jedes Bauteil. Ihr Antrieb ist die große weltweite Nachfrage in diesem Milliardengeschäft. Sie beobachten den Markt und kaufen Teile, um sie dann selbst nachzubauen.

Doch was die Fälscher können, kann der Audi Markenschutz schon lange. Durch Internetmonitoring ist der Plagiatejäger auf die Produktionsstätte aufmerksam geworden. Die Anonymität im Netz, die sonst von den Fälschern genutzt wird, erlaubt auch ihm anonyme Testkäufe. Nach genauer Identifizierung und Dokumentation der Teile stellt Serhyi diese Beweise den chinesischen Behörden zur Verfügung, die die Razzia in die Wege leiten.

Bei der Identifikation von gefälschten Teilen verlässt Audi Markenschützer Serhyi sich auf all seine Sinne. Oftmals verrät der Geruch, ein hohles Geräusch oder eine wellige Oberfläche das Plagiat.

Plagiate bergen oft große Gefahren

Während die Behörden und der Audi Markenschützer in der chinesischen Lagerhalle nach wenigen Augenblicken wissen, dass sie es mit Plagiaten zu tun haben, sind Fälschungen für den Laien oftmals nicht auf den ersten Blick erkennbar. Dabei ist die Qualität der imitierten Produkte ebenso facettenreich, wie die Vielfalt der Teile, die die Fälscher anbieten.
„Plagiate sind wie eine Wundertüte. Man weiß nie was man bekommt und die meisten können eine gute Qualität nicht von einer schlechten unterscheiden“, sagt Serhyi.
Dabei können gefälschte Teile verheerende Folgen haben. Einschlägige Untersuchungen zeigen, dass gefälschte Bremsbeläge, die auf den ersten Blick aussehen wie Originale, bei einer Vollbremsung Feuer fangen können.

Für die Produktion von Plagiaten kaufen die Fälscher Originalteile und bauen diese nach.

Auf dem Boden der Produktionsstätte: Metallspäne, Schrauben und Glassplitter. Ein Geruch, der einem die Tränen in die Augen treibt. Es gibt meistens keine Sicherheitsvorkehrungen und keine Qualitätssicherung. „Die Menschen, die hier arbeiten, um Plagiate herzustellen, bezahlen den vermeintlich günstigen Preis der Plagiate für den Endkunden mit ihrer Gesundheit“, so Serhyi´s Meinung.
Die miserablen Zustände der Produktionsstätte spiegeln die Qualität der Plagiate wieder: Teile, die zuvor einen Preisunterschied von wenigen Euro zum Originalteil haben, können Folgen von mehreren tausend Euro verursachen. Beispielsweise bei einer gefälschten Ölpumpe, wenn das Öl nicht mehr ausreichend in den Motor gepumpt wird und dieser dann Schaden nimmt.

Schritt für Schritt den Händlern auf der Spur

Die chinesischen Behörden sichern die Beweise. Mehrere Lastwagen sind nötig, um die Massen von Plagiaten aus der Lagerhalle in Beschlag zu nehmen. Serhyi identifiziert und dokumentiert alle Fälschungen, die abtransportiert werden. Die Fotos und Videos der Produktionsstätten bilden die Grundlage für eine spätere strafrechtliche Verfolgung.
Besonders interessant für den Plagiatejäger sind bei der Dokumentation die Pakete. Bereit zum Versand sind sie bereits mit Empfängeradressen versehen. Privatpersonen, aber auch Händler, deren mafiöse Struktur sich durch die ganze Welt zieht. Wichtige Puzzleteile für die weitere Verfolgung von Plagiaten und ihren Verkäufern.

Serhyi hat alles, was er braucht. Er zieht einen Notizblock aus seiner Hosentasche, auf dessen letzter Seite er eine Strichliste führt. Ein neuer Strich kommt dazu. Razzia Nummer 942. Was ihn antreibt? Die Liebe zur Marke Audi.

Beweisdokumentation durch chinesische Behörden

Die detaillierte Dokumentation der Produktionsstätten und der sich dort befindenden Plagiate ist ein wichtiger Punkt der Razzia. Nur so ist eine anschließende strafrechtliche Verfolgung möglich.

Die Produktionsstätten von Plagiaten

Jeder der sich auf Plagiate einlässt, muss damit rechnen, dass diese eine schlechte Qualität aufweisen können oder im Fahralltag versagen. Das kann erhebliche Folgen für das Fahrzeug und/oder die Insassen haben.

Oft werden mehrere Lkw mit Plagiaten bei Razzien von den chinesischen Behörden in Beschlag genommen.

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Serhyi und das Team vom Audi Markenschutz sind regelmäßig in China vor Ort, um die Behörden bei Razzien mit ihrer Fachexpertise zu unterstützen.

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Die Produktionsstätten der Fälscherbetriebe weisen selten Sicherheitsvorkehrungen und Qualitätskontrollen auf.

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