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Auf Ski gegen tosende Winde

Gerade erst geht der Sommer zu Ende - doch für den Deutschen Skiverband (DSV) hat der Winter schon begonnen: Die Skirennläufer haben am Montag im Audi Windkanal ihre ideale aerodynamische Position bei Abfahrt und Super G getestet.

 Andreas Sander bei seinem ersten Test im Audi Windkanal
Andreas Sander bei seinem ersten Test im Audi Windkanal
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Ein ungewöhnliches Bild bei Audi in Ingolstadt: Dort, wo sonst nur die streng geheime Weiterentwicklung eines Fahrzeugs gegen die Windböen standhalten muss, biegen sich gerade Skirennläufer gegen die brausenden Lüfte. Andreas Sander ist einer von ihnen und darf als Erster auf die Testvorrichtung. Für den 23-Jährigen aus dem Weltcup-Team der deutschen Ski-Nationalmannschaft ist der Test im Windkanal eine Premiere: „Meine Teamkollegen haben mir schon davon erzählt. Ich bin gespannt, was da auf mich zukommt.“

Dann geht es los: Festgespannt auf zwei silbrig glänzenden Skiern, in die Bindung fixiert, geht Sander in seinen klobigen Skistiefeln locker in die Knie. Noch schnell die verspiegelte Ski-Brille vom Helm gezogen – dann kann der Wind kommen. Die Tests im Windkanal werden in Original-Skibekleidung absolviert, inklusive des weißen Rennanzugs mit den markanten schwarzen Streifen des deutschen Teams.

Die Luft beginnt zu rauschen, die Schuhe von Andreas Sander knarzen bei jeder Bewegung. Er geht in die Knie, macht einen Rundrücken, wie bei der Fahrt auf der Piste, und presst die Skistöcke an seinen Körper. „Dem Wind so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten“, weiß der Wintersportler. Vor und hinter ihm klaffen zwei riesige schwarze Löcher, drei Meter hoch und vier Meter breit. Aus ihnen treibt der Wind am Skirennläufer vorbei. Bis zu 120 Stundenkilometer müssen die Skifahrer aushalten – Realbedingungen, denn auch bei der Abfahrt werden solche Geschwindigkeiten locker erreicht.

Audi Windkanal

Tobias Stechert probt im Windkanal

Nach ein paar Minuten hört es abrupt auf zu pusten und der Trainer kommt in den Windkanal. Er hat die Haltung des Skirennläufers im Kontrollraum durch die Glasscheibe und an mehreren Bildschirmen kontrolliert – jetzt gibt er Anweisungen. „Die Hände tiefer, die Armer näher am Körper“, rät Bundestrainer Karl-Heinz Waibel. Dann geht’s in die nächste Testrunde, der Wind bläst wieder von vorne und Sander nimmt seine Körperhaltung in der Abfahrtshocke ein.

Trainer Waibel erklärt derweil: „Hier im Windkanal können wir Idealbedingungen nutzen, die wir in der Natur und auf der Piste nicht haben. Sonneneinstrahlung, die Außentemperatur, der Streckenverlauf – das alles dürfen wir im Windkanal ausblenden. Deshalb können wir hier an den Feinheiten bei der Position feilen.“ Es gehe zwar nur um Nuancen bei der Haltung, aber die könnten im Wettkampf ein paar Tausendstel ausmachen und damit über den Sieg entscheiden.

Aber Aerodynamik ist nicht alles: „Der Rennläufer muss sich auch in der Position wohl und sicher fühlen, sonst klappt das Zusammenspiel zwischen Skiern und Schnee später auf der Piste nicht“, so der Bundestrainer. Diesen Spagat zu finden – dafür testen die Skirennläufer individuell im Windkanal.

Tobias Stechert, ebenfalls aus dem B-Kader der Nationalmannschaft, war schon mehrfach im Windkanal. „Man muss sich so klein wie möglich machen“, erklärt der 27-Jährige vom SC Oberstdorf. „Der Po muss höher sein als der Kopf, dann muss man 20 Sekunden die Position halten, damit der Luftwiderstand gemessen werden kann.“ Aerodynamisch ideal wäre, wenn der Kopf ganz nach unten gehalten wird, aber dann könnten die Rennläufer nicht mehr sehen, wohin sie fahren.

Audi Windkanal

Bei den Tests wird die Aerodynamik der Skirennläufer überprüft

Dr. Stefan Dietz, Leiter des Windkanalzentrums von Audi, betreut die Sportler schon seit über zehn Jahren. Und nicht nur die deutschen Skirennläufer, sondern auch die Schweden, Kanadier, Schweizer und Österreicher. Die Schweizer Bobmannschaft war auch schon da und natürlich die Skispringer. „Wir bei Audi haben einen der modernsten und leisesten Windkanäle.“

Aber wie wird der Luftwiderstand eigentlich gemessen? Der Experte zum Thema Wind erklärt: „Mit einer Waage! Das funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie wenn man sich morgens darauf stellt.“ Nur werde hier die Schwerkraft nach unten, das Körpergewicht, gemessen. „Im Windkanal interessiert mehr die Kraft von vorne, die durch den Gegenwind verursacht wird “, erläutert Dietz.

Auf den Testskiern im Windkanal schnallt sich derweil der nächste Skirennläufer an und geht in die typische Abfahrtshocke. „Man steht sehr statisch auf den Ski und kann deshalb nur ein kleines Spektrum ausprobieren“, erzählt Andreas Sander im Kontrollraum und blickt auf seinen Kollegen, der sich gegen den Wind beugt. Schließlich fahre er auf der Piste nur selten geradeaus. Es gehe hier im Windkanal eben um die aerodynamischen Nuancen bei der Haltung.

Deshalb bleibt den Skirennläufern die Übung im Schnee auch keinesfalls erspart. „Wir kommen gerade aus dem chilenischen Trainingslager in den Anden zurück“, erzählt Teamkollege Tobias Stechert: „Da liegt schon Schnee.“ Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich die Sportler auch in Deutschland einen schneereichen Winter wünschen – und dass dieser so bald wie möglich beginnen möge.

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