di Grassi

Interview mit Lucas di Grassi

Werte der auf dieser Seite beworbenen Fahrzeuge:

Keine Angaben

So sieht Di Grassi den Motorsport der Zukunft

Motorsport und große Verbrennermotoren – das gehörte jahrzehntelang untrennbar zusammen. Doch zunehmend kommen Alternativen auf. Formel E, Roborace oder virtuelle Rennen: Blog-Autor Timo Pape hat bei Audi Werksfahrer Lucas di Grassi nachgefragt, wie die Zukunft des Motorsports aussehen könnte.

Lucas di Grassi, wie wird der Motorsport in Zukunft aussehen?

„Der gesamte Motorsport wird sich in den nächsten 30 bis 50 Jahren vom Massenphänomen zu einem Nischenprodukt wandeln. Er wird sich langsam schrumpfen. Motorsport wird künftig vor allem etwas für Enthusiasten sein, denen es um Adrenalin und die sportliche Frage geht, wer der schnellste Fahrer ist. Die Rennen werden außerdem vor allem in Städten stattfinden, denn ein globaler Trend ist, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen. Der Rennsport muss dahin gehen, wo die Menschen sind.“

Warum glauben Sie, dass sich der Motorsport zum Nischenprodukt wandelt?

di Grassi
Für die neue Fan-Generation wird es nicht mehr relevant sein, ob ein Motor röhrt oder nicht. Es ist das Gesamtpaket am Rennsport, das die Fans begeistert. © Zak Mauger/LAT/Formula E

„In Zukunft werden immer weniger Menschen selbst Auto fahren. Carsharing, pilotiertes Fahren – die Gesellschaft wird nicht mehr dieselbe Affinität zum Auto haben wie heutzutage. Deshalb ist davon aus zu gehen, dass sich auch das Verhältnis zum Motorsport verändern wird. Das ist allerdings eine langfristige Prognose.“

di Grassi

Auch Formel 1 Rennen werden künftig vor allem etwas für Enthusiasten sein, denen es um Adrenalin und die sportliche Frage geht, wer der schnellste Fahrer ist. © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Sehen Sie diese Entwicklung als globalen Trend?

„Es gibt nach wie vor Märkte, in denen der Motorsport wächst. So etwa in China oder Indien. Diese Länder haben noch immer riesiges Potenzial. Oder nehmen wir meine Heimat Brasilien als Beispiel: Selbstfahrende Autos werden dort erst viele, viele Jahre später kommen als in fortschrittlichen Ländern wie Deutschland. Was hier in 20 Jahren Standard sein wird, kommt in Brasilien erst in 80 Jahren. Der Motorsport wird also nicht linear schrumpfen. Auch werden wir weiterhin Kinder mit dem Kartsport – natürlich schon sehr bald elektrisch – begeistern können und die Leidenschaft für Adrenalin in ihnen wecken.“

Aber machen nicht vor allem Verbrennermotoren den Reiz im Rennsport aus?

„Dieser neuen Generation, von der ich spreche, wird es vollkommen egal sein, ob ein Motor Lärm macht oder nicht. Sie werden elektrische Karts und später elektrische Autos fahren, also werden sie auch elektrischen Rennsport verfolgen. Es gibt aktuell noch viele Menschen, die sagen, die Formel E sei kein richtiger Motorsport, weil der Sound fehle. Aber darum geht es nicht. Der Audi R18 ist auch sehr leise, aber die Leute lieben ihn. Er ist das brachialste Rennauto unserer Zeit. Sound ist keine Voraussetzung für Motorsport. Die Menschen werden sich mit der Zeit immer wohler fühlen mit leisen Motoren.“

di Grassi
Werden in Zukunft Drohnen-Rennen die Motorsportfans begeistern? © David Stock/intertopics/ddp

Werden sich auch die Fans weiter verändern?

„Die Leidenschaft, ein Wochenende im Zelt an der Rennstrecke zu verbringen, um alle paar Minuten mal ein Auto vorbeifahren zu sehen, wird verschwinden. Es gibt nach wie vor die Hardcore-Fans aus den 80er- und 90er-Jahren, die an den Rennstrecken gecampt und Schumacher und Co. angefeuert haben. Deren Kinder fahren aber schon heute weniger Auto, und für ihre Enkelkinder wird das Auto keine so große Relevanz mehr haben. Für mich selbst – ich bin jetzt 31 Jahre alt – war es damals der größte Traum, meinen Führerschein zu machen und ein eigenes Auto zu besitzen. Meinen jüngeren Cousins hingegen ist es völlig egal, ob sie eines haben. Sie nutzen Carsharing.“

Wie erreicht man als Rennserie in Zukunft die Fans?

„Die jungen Leute wollen im Moment direkt mit dem Sport verbunden sein. Sie wollen Social Media und haben nicht mehr das größte Interesse am Motorsport selbst. Es gibt aber natürlich auch heute noch Kinder, die Interesse an Autos haben. Die Leidenschaft für Rennsport und Adrenalin werden immer bleiben, auch wenn der Motorsport künftig ein viel breiteres Spektrum abdecken wird. Traditionelles Racing, Formel E, Roborace oder Drohnenrennen – all diese Arten des Rennsports werden ihre Fanbase haben und mittelfristig koexistieren.“

Sie sprechen es an: In gut einem halben Jahr soll die erste autonom fahrende Rennserie der Welt starten – Roborace. Werden sich die Maschinen auf der Rennstrecke durchsetzen?

„Autonome Rennen werden ein Teil des Motorsports sein, aber nie wirklich Mainstream. Genauso wie der Rennsport selbst in Zukunft. Roborace wird keine eigenen Fans an die Strecke locken, sondern vielmehr ein Programmpunkt eines größeren Events sein. Es werden niemals 100.000 Menschen in ein Stadion kommen, um Roboter gegeneinander fahren zu sehen.“

Blog-Autor Timo Pape im Interview mit Lucas di Grassi.

Es gibt weitere neue Ansätze im Rennsport. In Dubai fand das bisher größte Drohnen-Rennen der Welt statt, gleichzeitig füllen mittlerweile Videospiele ganze Stadien. In der Formel E fahren Sie und Ihre Kollegen während des Renntags sogar gegen Fans – auf der Spielekonsole.

„Für all diese neuen Konzepte wie zum Beispiel eSports oder Virtual Reality gilt das Gleiche wie für Roborace. Der Rennsport wird sich in verschiedene Kategorien aufspalten, die dann koexistieren. Dies ist der grundlegende Trend. Es wird somit große Kombo-Events geben, wo menschliche Fahrer gegeneinander kämpfen, autonome Autos fahren, und wo letztlich auch die Fans selbst teilnehmen können. Genauso verhält es sich mit Drohnen-Rennen. Dieser neue Sport wird wachsen, aber nie den Mainstream treffen oder zum nächsten Super Bowl werden.“

Mal angenommen, Ihre Prognosen treten ein: Ist Motorsport für Automobilhersteller wie Audi dann überhaupt noch interessant?

„Hersteller werden sich nach wie vor messen wollen, wer die beste Technik hat. Dazu wird es reinelektrische aber weiterhin auch hybride Rennserien geben. Zudem werden wir mit Sicherheit auch in den nächsten 20 Jahren noch Verbrennermotoren sehen. Und weitere alternative Kraftstoffe. Die Möglichkeiten sind vielfältig.“

Artikel kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

rene

6. October 2016 um 21:02
Die Formel E ist wirklich eine ganz hervorragende Alternative zu Rennen mit Verbrennermotoren und wird in Zukunft die Verbrennermotoren ablösen.

viele Grüße
René