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Heckiger Typ

Ein Kombi von NSU, noch dazu mit Heckmotor und vielen Ecken und Kanten. Der „Uruguay“ war ein spannendes Abenteuer auf zwei Kontinenten, das 1969 mit einer ungewöhnlichen Idee begann. Marko Belser hat die Spuren zurückverfolgt.

 Nelson Fuentes mit seinem NSU-Kombi (Foto: Roberto Calvino)
Nelson Fuentes mit seinem NSU-Kombi (Foto: Roberto Calvino)
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Anfang Mai 1969 sitzen Jorge Soler und Nelson Guelfi im Flieger von Montevideo nach Frankfurt. Im Gepäck: die Hoffnung auf ein großes Geschäft. Die Männer aus Uruguay sind Repräsentanten der Firma Quintanar und echte NSU-Experten. Sie importieren NSU-Teile nach Südamerika und fertigen gemeinsam mit dem Karosseriebauer Nordex Spezialaufbauten an, auf Basis des NSU Prinz 4.

Nun also stehen Soler und Guelfi bei NSU in Neckarsulm und präsentieren ihre neueste Kreation: einen Kombi, bestückt mit Technik des NSU 1000. Den Prototypen hatten sie schon vor ihrem Besuch nach Schwaben geschickt, in Einzelteile zerlegt. Um Transportkosten zu sparen, werden die Originalteile von NSU erst in Deutschland montiert. Am 5. Mai ist es dann so weit: Das „Uruguay-Fahrzeug“, so wird es intern genannt, steht zum Test bereit. Kommt etwa zum ersten Mal ein NSU als Kombi auf die Straße? Schwierig, denn die Karosserieform ist ungewöhnlich, das Design wirkt gar grobschlächtig.

Es scheint, als hätten die Konstrukteure aus Uruguay beim Entwurf ausschließlich mit einem riesigen Lineal gearbeitet. Die Karosse besteht vor allem aus Geraden und Kanten, rund sind nur die Scheinwerfer und die Rückleuchten. Typisches NSU-Design sieht anders aus.

NSU-Prototyp

In seiner Werkstatt hat Fuentes noch viele NSU-Teile (Foto: Roberto Calvino)

Der Uruguay hat einige Kuriositäten zu bieten. Etwa vorne: Kühlergrill? Fehlanzeige. Hier dient eine Gummimatte als Attrappe. Einen Kühlergrill braucht das Auto auch nicht, es fährt ja mit Heckmotor. Heckmotor in einem Kombi? Kann man schon machen, am besten mit einem flachen Boxermotor – wie beim VW 1600 Variant. Beim Uruguay hingegen steht der Vierzylinder-Reihenmotor aufrecht. Nicht gerade die cleverste Lösung, so bleibt von der Ladefläche nicht viel übrig.

Doch dann folgt die Überraschung: Nach den Probefahrten ist „der erste Eindruck, in Bezug auf Fahrverhalten, … durchaus positiv“. So steht es in einer internen Aktennotiz vom 7. Mai 1969. Für eine grundlegende Beurteilung des Musterwagens ziehen die NSU-Chefentwickler Hans-Gerd Wenderoth und Ewald Praxl auch externe Experten zurate. Nach ausführlichen Tests ist die Mängelliste dann aber doch ziemlich lang. Ein kleiner Auszug: Komfort – ungenügend. Schweiß- und Lötverbindungen – mangelhaft. Schalldämmung – nicht ausreichend.

Doch diese Beanstandungen seien leicht zu beheben, machen die Prüfer den Kollegen aus Südamerika Mut. Für den deutschen Markt ist der NSU-Kombi dennoch nichts. So bleibt der Prototyp, der noch heute in einer Halle der Audi Tradition in Neckarsulm steht, der erste und einzige NSU-Uruguay, der je auf Deutschlands Straßen fuhr.

NSU-Prototyp

Der einzige "Uruguay", der auf deutschen Straßen fuhr, gehört zu den Schätzen von Albert Keicher von der Audi Tradition (Foto: Martin Wagenhan)

Soler und Guelfi, die beiden Uruguayer, bekommen trotzdem, was sie sich erhofft hatten: Sie dürfen den Kombi für den heimischen Markt in Kleinserie produzieren. Beim Karosseriebauer Nordex laufen etwa 500 Kombis vom Band – unter der Bezeichnung „NSU P6“ mit einem Zweizylinder-Motor und als „NSU P10“ mit Vierzylinder-Motor. Dann ist Schluss: Aus finanziellen Gründen zieht sich NSU im Jahr 1971 aus dem gesamten südamerikanischen Markt zurück.

Doch auch 42 Jahre später ist der Kombi in Uruguay nicht vergessen. Im Blog „Amigos del NSU“ tauschen sich „Freunde von NSU“ aus und halten das Erbe der Marke wach: „Ich liebe NSU“, sagt etwa Nelson Fuentes. „Und bin stolz darauf, dass wir in Uruguay so schöne Autos produziert haben.“ Von 1967 bis 1975 arbeitete er als Mechaniker beim Teile-Importeur Quintanar. In den 80ern fuhr er selbst den NSU-Kombi. Ein P6 und ein P10 stehen noch heute in seiner Werkstatt, wo der 77-Jährige gelegentlich Autos von Freunden repariert.

Fuentes und NSU, das ist unzertrennlich: Derzeit fährt er einen NSU Typ 110. Was ihm an der Marke gefällt? „Es sind einfach gute Autos, die leicht zu reparieren sind“, sagt Fuentes. Seine Firma Quintanar existiert längst nicht mehr, Jorge Soler und Nelson Guelfi sind tot – doch dank der „Amigos del NSU“ fahren einige Kombis noch tapfer weiter. Wahre Freundschaft kann eben nichts erschüttern.

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