Aus unserem Archiv:

Hoch hinaus

Mal schnell ein Fahrzeug auf 2.500 Meter Höhe testen? Für die Experten bei Audi überhaupt kein Problem. Dank der Höhenkammer müssen sie dazu nicht einmal das Werkgelände verlassen. Autor Marlon Matthäus hat mit ihnen den Aufstieg gewagt.

 Kontrollstand: Von hier steuern und überwachen die Experten das Geschehen in der Kammer
Kontrollstand: Von hier steuern und überwachen die Experten das Geschehen in der Kammer
Werte der auf dieser Seite beworbenen Fahrzeuge:

Keine Angaben

Mark Banzer betritt die Höhenkammer und schließt die schwere Stahltüre. Mit einem leisen Klicken schieben sich die Bolzen in den Türrahmen. „Los geht’s, ab auf den Berg“, ruft der Ingenieur den beiden Prüfstandsspezialisten zu und lacht. Midhad Avdic und Mario Beier grinsen zurück. Sie drücken ein paar Knöpfe und starten per Computer das Programm der Höhenkammer. Eine Pumpe zieht jetzt kontinuierlich die Luft aus der abgeschotteten Kammer und simuliert damit den Aufstieg in die Höhe.

„Wir fahren jetzt langsam von Ingolstadt auf den Pico del Valeta in Spanien“, erklärt Mario und zeigt auf den Höhenmesser. 360, 380, 400 Meter. Unablässig klettert die digitale Anzeige nach oben. Nach knappen zehn Minuten ist es geschafft. Die Anzeige verharrt auf 1.600 Meter über dem Meeresspiegel. Der Blick auf den Druckmesser spricht Bände. Waren es auf Höhe Ingolstadt noch 970 Hektopascal, sind es jetzt nur noch 840. „Rein theoretisch können wir mit der Höhenkammer auf bis zu 4.200 Meter fahren und Temperaturen von minus 20 bis plus 60 Grad simulieren“, erklärt Midhad.

„Die Höhe merkst du dann schon. Wenn du schneller durch die Kammer läufst, dann kommst du leicht aus der Puste.“ Nicht ohne Grund müssen alle Personen die mit der Höhenkammer arbeiten höhentauglich sein. Regelmäßige Check-ups stellen sicher, dass sie den besonderen Herausforderungen gewachsen sind. Einen gewissen Vorteil hat das Höhentraining dann aber doch. „Im Fitnessstudio habe ich mehr Ausdauer als alle anderen“, sagt Mario und schmunzelt.

Gut vorbereitet: Mark Banzer stellt die letzten Parameter ein, dann beginnt die Testfahrt

Während die beiden Prüfstandsspezialisten den Druck und damit die Höhe sowie Temperatur und Feuchtigkeit in der Kammer überwachen, macht es sich Mark Banzer auf dem Fahrersitz des schwarzen Audi A6 bequem. Er verbindet seinen Laptop mit dem Motorsteuergerät und startet das Messprogramm. Ein kurzes Zeichen an Mario und Midhad, dann beginnt die Testfahrt auf den Pico del Valeta. Bis zu 800 PS bremsen oder treiben jetzt die Rollen an, auf denen die Reifen des Autos stehen. Der Wagen beschleunigt zunächst auf 50 Stundenkilometer, dann auf 100. Eine Turbine vor dem Auto simuliert den entsprechenden Fahrtwind.

„Mein Ziel ist es, das Verhalten der Gemischbildung, also die Mischung aus Luft und Kraftstoff, in der Höhe zu analysieren“, erläutert Mark Banzer den heutigen Versuch. „Die gewonnen Daten helfen mir dabei, die Abgasentwicklung des Motors noch weiter zu optimieren.“ Vor der Windschutzscheibe hat der Ingenieur das Profil der Strecke im Blick. „Das Messprogramm gibt mir dabei genau vor, wann ich hoch- oder runterschalten muss und wie schnell ich sein darf.“ Nach und nach fährt der Experte die vorgegebene Route ab, den Blick konzentriert auf die digitale Landkarte des Pico del Valeta gerichtet.

Die Höhenkammer bietet den Experten der Marke mit den Vier Ringen völlig neue Möglichkeiten. Seit der Inbetriebnahme vor rund sieben Jahren können Fahrzeuge unter allen klimatischen Bedingungen getestet werden. Die Zeiten, in denen Mensch und Material unter großem Aufwand ans andere Ende der Welt geschickt wurden, sind vorbei.

Auf der Rolle: Mark Banzer hat das Streckenprofil immer im Blick

„In unserer Datenbank haben wir verschiedenste Höhenfahrten gespeichert“, sagt Mario und ruft eine Liste auf seinem Monitor auf. „Wir könnten zum Beispiel auch auf den Großglockner fahren oder auch auf den Towne Pass im Death Valley in den USA.“ Das Besondere: Jede Messung kann beliebig oft wiederholt werden. „Wir sind hier nicht vom Wetter oder dem Verkehr abhängig. Wir messen wann wir wollen und so oft wir wollen“, fasst Mario die Vorzüge der Höhenkammer zusammen.

Die Bandbreite der Versuche, die von den Experten durchgeführt werden, ist groß. Neben Analysen zur Gemischbildung erproben sie den Kaltstart von Motoren in großer Höhe und optimieren deren Performance bei dünnerer Luft. „Wir stellen sicher, dass ein Audi auf einer Hochebene in Tibet genauso zuverlässig funktioniert wie hier bei uns in Ingolstadt“, sagt Mario. Neben Serienfahrzeugen werden auch Technikträger in der Höhenkammer auf Herz und Niere getestet und entwickelt. „Wir hatten aber auch schon einen Race Touareg für die Ralley Dakar in Argentinien und Chile und den Pikes Peak von Walter Röhrl hier bei uns“, erinnern sich die beiden Prüfstandsspezialisten.

Nach einer knappen halben Stunde beendet Mark Banzer seine Testfahrt. Zufrieden steigt der Ingenieur aus dem Auto. „Die Messungen sehen gut aus. Die Gemischbildung hat sich genauso verhalten wie ich es erwartet habe“, sagt er. Im nächsten Schritt geht es für den Experten jetzt darum, die gewonnen Ergebnisse bei einer realen Fahrt zu bestätigen. „Wir machen dann sozusagen den Realitätscheck“, so Banzer. „Ganz ohne Fahrten in freier Wildbahn geht unsere Arbeit dann doch nicht.“ Auf sein Zeichen starten Midhad und Mario mit dem Druckausgleich, zischend strömt die Luft zurück in die Kammer. Nach acht Minuten sind die drei wieder in Ingolstadt. Vor der Kammer wartet bereits das nächste Fahrzeug auf seinen Test in großer Höhe.

 

Artikel kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.