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Ihrer Zeit voraus

Manche Innovation kommt über Nacht. Die meisten entstehen jedoch durch lange Tüftelei und häufig in Teamarbeit. Die Mitarbeiter treibt der Wille zur Innovation und so gibt es jeden Tag durchschnittlich fünf Erfindungen und drei Erstpatente.

 Tahir Bouaziz ist stolz auf die Erfindungen rund um das virtual cockpit.
Tahir Bouaziz ist stolz auf die Erfindungen rund um das virtual cockpit.
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Er ist einer der Macher des Audi virtual cockpit, jener Innovation, die serienmäßig im neuen Audi TT eingebaut ist. Auf der Elektronikmesse CES (Consumer Electronics Show) in Las Vegas Anfang des Jahres wurde sie erstmals gezeigt. Ein 12,3 Zoll großer Monitor hinter dem Lenkrad, der Fahrdaten, Navigations- und Musikinformationen anzeigt und die Mittelkonsole überflüssig werden lässt. Der Mann hinter der Digitalisierung des Interieurs: Tahar Bouaziz. Der 39-jährige Tunesier arbeitet seit zwölf Jahren bei Audi und entwickelt seither Bedienkonzepte für das Unternehmen.

Innerhalb der vergangenen fünf Jahre reichte Bouaziz für das Projekt „virtual cockpit“ zahlreiche Ideen zu Bedienkonzepten bei der Audi-internen Patentabteilung ein: Allein 37 Ideen stammen von ihm, 37 andere waren Teamleistungen. „Die besten Ideen entstehen oft in der Zusammenarbeit mit anderen Kollegen“, sagt er. 52 der eingereichten Erfindungen meldete die Audi-Patentabteilung schließlich beim Patentamt an – drei Patente wurden bisher erteilt. Bei vielen der angemeldeten Erfindungen ist jedoch noch nichts entschieden: 41 werden derzeit noch geprüft.

„Der Prozess von der Erfindung zum erteilten Patent ist nicht nur langwierig, sondern auch komplex und mit viel Formalarbeit verbunden“, sagt Richard Zollner, Leiter der Audi-Patentabteilung. Im Durchschnitt dauert es bis zu fünf Jahre. Zollner und seine mehr als 30 Mitarbeiter übernehmen für die Audi-Mitarbeiter eine Reihe von Aufgaben: Zunächst prüfen Rechercheure und Patentanwälte, ob die Idee auf den ersten Blick neu ist. Ist das der Fall, wird eine Patentanmeldung ausgearbeitet und eingereicht.

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Richard Zollner, Leiter der Audi Patentabteilung, bespricht ein neues Patent mit Simon Schuster, einem der Fachanwälte der Abteilung

Für Mitarbeiter zahlt sich ihr Erfindungsreichtum in jedem Fall aus: Eine erste Vergütungspauschale zahlt Audi bereits bei der Patentanmeldung, die zweite bei der Erteilung des Patents und dann staffelt sich die jährliche Vergütung abhängig vom Nutzungsumfang. Der Grund für die finanziellen Anreize liegt für Zollner auf der Hand: „Wir wollen wertvolle Ideen fördern, unsere Mitarbeiter für ihren Einfallsreichtum belohnen und die Innovationsführerschaft behalten.“

Innovationskraft bewies Bouaziz beim Audi virtual cockpit allemal. Spontaneinfälle waren es aber nicht: Mit seinem Kollegen Johannes Tovar aus dem Design und Heike Sacher aus der Ergonomie erhielt er 2009 den Auftrag, das Audi Interieur komplett neu zu gestalten. „Wir mussten hier einige Jahre in die Zukunft blicken, etwas erfinden, das seiner Zeit voraus ist“, sagt Bouaziz. Denn das neue Bedienkonzept entwickelten sie für ein Auto, das fünf Jahre nach Start der Projektphase auf den Markt kam – die dritte Generation des Audi TT.

Auf der Suche nach Zukunftstrends reiste das interdisziplinäre Team nach San Francisco, besuchte Unternehmen im Silicon Valley, traf sich mit Trendforschern. Sie werteten Kundenerlebnisstudien aus, beschäftigten sich mit der Technik der Wettbewerber, fantasierten und skizzierten utopische Ideen. „Wir versuchten uns etwas vorzustellen, das so genial ist, dass die Kunden das bisher Dagewesene nicht mehr haben wollen“, sagt Bouaziz.

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Das virtual cockpit feierte seine Premiere auf der Consumer Electronics Show 2014

Bereits in dieser ersten Projektphase hatten sie viele gute Einfälle. Die meisten seien aber in den folgenden fünf Jahren bei der Entwicklung und Detaillierung des Konzeptes entstanden, sagt Bouaziz. Das Ergebnis am Ende hieß wie der Projektname: virtual cockpit. Es lässt das Interieur sehr aufgeräumt wirken, ist auf den Fahrer und dessen „Joy of Use“ (Freude bei der Benutzung) ausgerichtet und vereinfacht die Bedienung.

„Ich würde ich mich schon sehr freuen, wenn noch einige unserer Erfindungen zum virtual cockpit patentiert werden. Das wäre eine schöne Bestätigung“, sagt der 39-Jährige. Am Wichtigsten sei ihm aber, dass die Kunden das virtual cockpit eines Tages als unverzichtbar ansehen.

Ein Großteil der Erfindungen, die täglich in der Patentabteilung eintreffen, kommen aus der Technischen Entwicklung. Aber auch Mitarbeiter aus anderen Geschäftsbereichen wie zum Beispiel der Produktion stellen bei Zollner immer wieder ihre neuen Ideen vor. Sie entstehen oft auch in interdisziplinären und interkulturellen Teams, in denen jeder Erfinder seinen ganz persönlichen Wissens- und Erfahrungsschatz einbringt.

So etwa bei der Rücksitzbank für den chinesischen Markt. Sie ist stark verstellbar und ein Einfall des 27 Jahre alten Rui Guo und seinen Kollegen. Guo ist gebürtiger Chinese und reagierte auf die Vorlieben seiner Landsleute: Wohlhabende Chinesen lassen sich am liebsten chauffieren, sitzen dabei auf der Rückbank und wollen es möglichst bequem haben. Das heißt: zurücklehnen und Beine ausstrecken. Bei dem Patent des jungen Audi-Mitarbeiters wird der Platz des Kofferraums zum Verstellen der Rückenlehne genutzt und erweitert dadurch auch die Beinfreiheit. „Viele Erfindungen wirken banal oder scheinen nur Kleinigkeiten zu sein“, sagt Zollner. „Sie sind aber für unser Unternehmen unglaublich wertvoll. Und Wertvolles gilt es zu schützen.“

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