Mitarbeiter an Air-Sparging-Anlage

IN-Campus: Von der Brache zur grünen Wiese

Wie Audi ein altes Raffineriegelände zum modernen Innovationspark werden lässt

Das dreckige Auto fährt durch die Waschstraße, unser Lieblingspulli bekommt eine Handwäsche in der Badewanne oder darf zum Schongang in die Waschmaschine und die Kontaktlinsen kommen abends in die sterile Lösung. Doch wie säubert man eigentlich dreckigen Erdboden oder verschmutztes Grundwasser? Audi saniert ausgerechnet ein ehemaliges Raffineriegelände zum Innovationspark und zeigt wie ein cleaner Neustart gelingen kann. Audi Blog-Autorin Liza Kellner hat sich von den Fortschritten auf dem IN-Campus vor Ort ein Bild gemacht.

Panoramaansicht IN Campus Gelände
Ein gigantisches Gelände – neben dem 75 Hektar großen Gelände wirkt das Fußball-Stadion (links) nahezu winzig.

Direkt neben dem Ingolstädter Fußballstadion, an dem am Wochenende der FC Ingolstadt seine Fußballspiele austrägt, fährt ein schwarzer Audi Q5 über staubige Erde. Nur Sekunden nachdem ein Raupenfahrzeug den harten Boden eben gewalzt hat. Große Erdbrocken fliegen an den Scheiben hoch, brauner Schlamm spritzt an den sauberen Lack. Hinterm Steuern sitzt Andrea Robien, zuständig für den Bodenschutz in der Umwelt-Abteilung bei Audi. Sie fährt eine geschmeidige Rechtskurve, lässt die Scheibe herunter und deutet mit zwei Händen auf die 75 Hektar große Landschaft, auf der 200 Fußballmannschaften gleichzeitig spielen könnten.

Die Expertin begleitet mit ihrem Fachwissen eines der aufwendigsten und größten Sanierungsprojekte Deutschlands: den IN-Campus am Rande von Ingolstadt „Es ist ein absolutes Leuchtturmprojekt, was Umweltschutz und Nachhaltigkeit angeht.“ 43 Jahre lieferte das Gebiet täglich Erdölprodukte für den gesamten Freistaat Bayern. Am Knotenpunkt der Eisenbahnlinien und zwischen den damals größten Energieverbrauchern des Bundeslandes München und Nürnberg gelegen, wurde Ingolstadt ab 1959 von einer rein landwirtschaftlich geprägten Stadt rasend schnell zum Industriestandort. Doch dies hat Spuren hinterlassen. Tief unter den Reifen des Audi Q5 verborgen, befinden sich heute die schädlichen Überbleibsel des Raffineriebetriebs im Erdboden. 600 Millionen Kilogramm dieser Erde reinigt jetzt die IN-Campus GmbH, ein Joint Venture der Stadt Ingolstadt und Audi.

Alles neu für Mensch, Stadt und Umwelt

Genau hier errichtet Audi zusammen mit der Stadt künftig einen modernen Technologiecampus. In einer ersten Baustufe entsteht ein Projekthaus für Zukunftstechnologien, ein neues Fahrzeugsicherheits-Zentrum, ein Rechenzentrum und eine Energiezentrale. Eine wahre Renaissance für den alten Raffinerie-Standort. „Das ist ein Highlight für jeden Umweltschützer und ein Bekenntnis zum Standort,“ sagt Robien. Von der Rohölverarbeitung zum Spitzentechnologiezentrum, von der Vergangenheit direkt in die Zukunft. Was damals das Erdöl für die Energiesicherung war, sind heute – fast 60 Jahre später – innovative Ideen für die automobile Zukunft, mit denen die Region von hier künftig versorgt werden soll.

Sanierungsmaschine

Fleißige Bienen – die Stahlwaben am IN-Campus befördern den verunreinigten Boden an die Oberfläche.

Dieser Neuanfang ist nicht selbstverständlich. Verunreinigte Gebiete werden oft versiegelt, um die giftigen Stoffe im Boden einzuschließen. Riesige Nutzflächen mit guter Verkehrsanbindung liegen dann ohne Nutzen und weiterhin belastet brach. Weder Umwelt, Mensch noch Stadt profitieren davon. Doch solche Gebiete zu säubern, braucht Zeit und (Arbeits)-Kraft. „Gründlichkeit geht hier vor Schnelligkeit,“ sagt Robien.Denn die Schadstoffe im Boden unterscheiden sich stark. In den letzten Jahren gab es bereits 1.200 Sondierbohrungen bis in 15 Meter Tiefe und mehr als 50.000 Laboranalysen verschiedener Schadstoffe. Je nach physikalischer oder chemischer Schadensgruppe mussten Andrea Robien und ihre Kollegen geeignete Sanierungsverfahren auswählen.

Mit High-Tech für den Umweltschutz

Und dann gibt es plötzlich doch noch eine Waschmaschine. Nur das hier täglich bis zu 1.200 Tonnen Erdboden von Schadstoffen gereinigt werden. Der kontaminierte Boden wird aus 33.000 Stahlwaben an die Oberfläche gebracht und in der sogenannten Bodenwaschanlage wie in einer gigantischen Waschtrommel abgewaschen. Die Bestandteile, wie grobe Steine und feiner Sand, werden in mehreren Stufen mit Waschwasser gereinigt bis die Schadstoffe gelöst sind und sich nun im Wasser selbst befinden. Dieses wird über viele Stufen gereinigt und im geschlossenen Kreislauf der „Waschmaschine“ wieder zugeführt. Über 90 Prozent des Bodens wird dadurch wie neu und kann wiederverfüllt werden, weniger als 10 Prozent werden als Abfall fachgerecht entsorgt. „Wir versuchen Lösungen zu finden, die bestmöglich für die Natur sind“, betont Robien.

gereinigter Schmutz nach Bodenwaschanalge
„Die Waschmaschine“ alias Bodenwaschanlage reinigt gründlich und gibt nach dem Waschgang sauberen Boden zum Wiederbefüllen frei.

Mit der sogenannten Air-Sparging-Methode werden leichtflüchtige Schadstoffe entfernt. Dafür muss der Boden nicht ausgehoben und in einer Waschmaschine gereinigt werden, sondern es werden Strohhalme verwendet. Größer als die uns bekannten sind sie schon, aber das Prinzip ist das gleiche: Bläst man Luft per Trinkröhrchen in die Limonade, entweicht Kohlensäure und es blubbert. Im Grundwasser verschwinden leichtflüssige Schadstoffe durch den Strohhalm genauso wie die Kohlensäure im Getränk. Ein Kubikmeter belastete Bodenluft pro Sekunde kann durch das Verfahren gereinigt werden – 10.000 Menschen müssten dafür gleichzeitig in Strohhalme blasen.

Audi In-Campus Infograik

Wie ein gigantischer Strohhalm in der Limo – dank geeigneter Sanierungsverfahren kann das ehemalige Raffinerie-Gelände schonend gereinigt werden.

Neben dem Boden selbst, ist auch das Grundwasser im Gebiet belastet. Damit dies nicht in die  angrenzenden Flächen gelangt, wird es von zehn Brunnen über ein 4,5 Kilometer langes Rohrleitungsnetz aufgefangen und in einer Aufbereitungsanlage gereinigt. Pro Stunde werden so bis zu 210 Kubikmeter Grundwasser aufbereitet. Ob das Wasser anschließend auch tatsächlich sauber ist, wird an unterschiedlichen Stellen untersucht. Erst dann darf es im Boden versickern.

Und dann gibt es sie bereits jetzt: Die kleinen Stellen und stillen Momente auf dem Gelände, an denen man erkennt, dass hier etwas Neues und Gutes entsteht. Als der Audi Q5 den Nordteil des Geländes passiert, steckt eine Ente ihren Kopf aus dem glasklaren Teich am Waldrand. Andrea Robien lächelt. „Es ist uns wichtig, der Umwelt etwas zurückzugeben.“ 15 Hektar der IN-Campus Fläche überlässt Audi vollständig der Natur. Andrea Robien und ihre Kollegen haben die unsichtbare Grundlage für die kommenden Schritte gelegt und erst durch Nachhaltigkeit Innovationen ermöglicht. Wenn die Architekten ihre Visionen auf dem IN-Campus später zum Leben erwecken, ist ihre Arbeit hier bereits beendet. Sie bugsiert den Audi Q5 am Stadion vorbei und fährt Richtung Waschanlage davon.

IN-Campus - vom Raffineriestandort zum Spitzentechnologiezentrum

Audi schafft zusammen mit der Stadt Ingolstadt bis Ende 2022 die Voraussetzung für ein neues, hochmodernes Gewerbe- und Industriegebiet. Dabei handelt es sich aktuell um eines der größten Sanierungsprojekte in Deutschland.

Luft gegen Schadstoffe: Das sogenannte Air-Sparging ist eine Maßnahme zur Entfernung leichtflüchtiger Schadstoffe: Leichtflüchtige Schadstoffe, also gasförmige Stoffe die aus dem Grundwasser und dem Boden in die Luft überführt werden können, werden aus dem Untergrund abgesaugt und gereinigt..

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Im Jahr 2005 wurde beschlossen, die Raffinerie stillzulegen. 2008 begann der Rückbau in drei Abschnitten.

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Blick über das Gelände vom Rückflussschutz mit Bergen von sauberem Boden zum Nachfüllen.

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IN-Campus GmbH: Audi und Stadt Ingolstadt sanieren Raffineriegelände für Technologiepark
Aus dem Audi MediaCenter

IN-Campus GmbH: Audi und Stadt Ingolstadt sanieren Raffineriegelände für Technologiepark

Die Sanierung des IN-Campus-Geländes läuft auf Hochtouren: Spezialisierte Teams schaffen im Auftrag der IN-Campus GmbH, ein Joint Venture der AUDI AG mit der Stadt Ingolstadt, bis Ende 2022 die Voraussetzung für ein neues, hoch­modernes Gewerbe- und Industriegebiet. Gemeinsam recyceln und sanieren sie eine 75 Hektar große Industriebrache im Osten von Ingolstadt. Es handelt sich um eines der derzeit größten Sanierungsprojekte in Deutschland.

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