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Model Zohre Esmaeli über ihre afghanische Kindheit

Zohre Esmaeli ist zu Gast beim Audi.torium. Das weltweit einzige afghanische Model erzählt vom unentwegten Kampf um ihre eigene Freiheit - und den Preis, den sie dafür bezahlt hat. Autorin Stephanie Huber hat sie zum Interview getroffen.

 Zohre läuft auf den Laufstegen der wichtigsten Modeevents und ist ein gerngesehener Gast auf Premieren und Benefizveranstaltungen.
Zohre läuft auf den Laufstegen der wichtigsten Modeevents und ist ein gerngesehener Gast auf Premieren und Benefizveranstaltungen.
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Zohre, du bist in Kabul unter dem Terrorregime der Taliban aufgewachsen. Als du 13 Jahre alt warst, bist du mit deiner Familie aus deiner Heimat geflüchtet. Welche schönen Erinnerungen hast du noch an das Land, in dem du deine Kindheit verbracht hast?
Ich habe immer noch den Duft von Melonen in der Nase. Solche Melonen gab es nur in Kabul. Man konnte sie schon von weitem riechen: Es war ein satter, schwerer Duft wie Parfum. Eine Mischung aus Honig und Moschus. Manchmal nahmen mein kleiner Bruder Salim und ich uns heimlich ein paar Münzen aus dem Notgroschen-Krug in unserem Haus. Damit kauften wir uns dann die größten und schönsten Melonen, die der Händler auf seinem Karren hatte.

Eure Flucht von Afghanistan nach Deutschland war eine sechs Monate andauernde Odyssee. Was hat dir in dieser Zeit Kraft gegeben?
Ich habe davon geträumt, in Deutschland mit offenem Haar und in Jeans die Straßen entlang zu laufen. Ich habe mir vorgestellt, wie ich Freundinnen finden werde, mit denen ich lachen und ins Kino gehen kann. Ich hatte immer wieder wunderschöne Bäder mit fließendem Wasser aus silbernen Hähnen vor Augen. Und ich habe mich so sehr darauf gefreut, zur Schule zu gehen und lesen und schreiben zu lernen.

In Kabul durftest du nicht zur Schule gehen?
Nein, nach der Machtübernahme der Taliban durften Mädchen nicht mehr zur Schule gehen. Man war der Ansicht, der Schulbesuch halte sie von ihren Pflichten als Ehefrau und Mutter ab. Aber ich wollte unbedingt etwas lernen und daher flehte ich meinen Vater so lange an, bis er mir für ein paar Stunden in der Woche einen Hauslehrer besorgte.

Geboren und aufgewachsen in Afghanistan, beschließt ihre Familie im Jahr 1998 die Flucht nach Deutschland anzutreten

Geboren und aufgewachsen in Afghanistan, beschließt ihre Familie im Jahr 1998 die Flucht nach Deutschland anzutreten.

 

Hast du in Deutschland schließlich deine ersehnte Freiheit gefunden?
Zunächst nicht, denn mein Vater und meine Brüder waren sehr streng. Viel strenger als sie es in Afghanistan jemals gewesen sind. Sie beobachteten mich auf Schritt und Tritt. Ich durfte nicht Fahrrad fahren, nicht telefonieren, keine Freundinnen treffen. Und abends ausgehen schon gar nicht. Ich fühlte mich kontrolliert, eingeengt, gefangen. Als man mich dann mit einem fremden afghanischen Mann verheiraten wollte, habe ich meine Familie verlassen. Heute, 13 Jahre nach meiner Flucht vor meiner Familie, fühle ich mich frei.

War es im Rückblick die richtige Entscheidung deine Familie zu verlassen?
Auch wenn es mir in vielen Momenten unglaublich schwer fiel, von meiner Familie getrennt zu sein, und es mir vor Sehnsucht fast das Herz zerriss, konnte ich nur so mein Leben leben wie ich es wollte. Und nur so konnte ich Model werden.

Heute bist du das einzige afghanische Model weltweit. War es schon immer dein Traum Model zu werden?
Nein, daran hatte ich niemals gedacht. Für eine Afghanin bin ich zu groß, habe zu volle Lippen und eine zu kleine Nase. Früher hatte mir meine Mutter immer vor dem Schlafengehen eine Wäscheklammer auf die Nase gezwickt, damit meine Nase länger würde. Und meine Brüder haben mich immer wegen meiner dürren Beine veräppelt. In Deutschland wollte ich dann eigentlich Flugzeugingenieurin werden. Doch dann wurde ich in der Kasseler Innenstadt als Model entdeckt…

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