Aus unserem Archiv:

Reine Kopfsache

Was ein 4.500 Jahre alter Schädel und ein Computertomograph mit Audi zu tun haben? – Blog-Autor Oliver Braun war bei der „Untersuchung“ dabei.

 Computertomographie-Spezialist Tarik Acar bereitet die Untersuchung des Schädels vor.
Computertomographie-Spezialist Tarik Acar bereitet die Untersuchung des Schädels vor.
Werte der auf dieser Seite beworbenen Fahrzeuge:

Keine Angaben

 

Das Bild wirkt bizarr, fast makaber: Ein menschlicher Schädel thront auf einem metallischen Objektträger inmitten einer riesigen Computertomographie-Anlage im Audi Werk in Neckarsulm. Wie von Geisterhand bewegt sich die Maschine – sie fährt auf, dann wieder ab und etwas nach links. Ein kleiner roter Laserpunkt gibt die nötige Orientierung, um die Anlage richtig einzustellen. Das Gerät ist mit einem Panel verbunden, über das die etwa fünf Meter lange, vier Meter breite und 10.000 Kilo schwere Maschine gesteuert werden kann .

Computertomograph kann loslegen

Tarik Acar ist zertifizierter Computertomographie-Spezialist und betreut die Anlage in Neckarsulm seit elf Jahren. Die Anlage dient Audi zur Qualitätssicherung, um Anbauteile oder Karosserien zu untersuchen. Acar platziert den historischen Schädel genau in der Anlage und beginnt mit der Messung. Langsam schließt sich die vor Strahlung schützende Bleitür und die vierstündige Messung beginnt.

Der Schädel ist eine Leihgabe des Landesamtes für Denkmalpflege Baden Württemberg und eigentlich Teil einer Ausstellung zur Jungsteinzeit im Deutschordensmuseum in Bad Mergentheim. Das Original kann im Museum nicht gezeigt werden, doch vorenthalten will das Museum den Besuchern den Schädel trotzdem nicht. Die Lösung: Ein Replikat. Und genau hier kommt Audi ins Spiel.

Mit Hilfe des Steuerungspanel kann Acar das CT genaustens positionieren.

Der Audi-Computertomograph

Der in Neckarsulm installierte Computertomograph sucht seinesgleichen. In dieser Größe und diesem Aufbau ist das Gerät weltweit einzigartig. „Früher mussten wir die Objekte oft zersägen oder auseinanderschrauben, jetzt können wir zerstörungsfrei messen. Vom Stecknadelkopf bis hin zur A8-Karosserie können wir alles messen. Und das mit einer Genauigkeit von drei bis zehn My-Meter“, erklärt Tarik Acar. Das ist je nach Objektgröße bis zu 50 Mal genauer als ein medizinisches Gerät. Der Computertomograph errechnet aus verschiedenen Bildern und verschiedenen Winkeln eine dreidimensionale Darstellung des Schädels. Dadurch kann virtuell „geschnitten“ werden, um so die Ränder der Operationsöffnung genauer zu betrachten.

Das Ergebnis der Messung

Die hohe Messgenauigkeit des Audi Computertomographen hat sich Gernot-Uwe Dziallas, Vorsitzender des Deutschordensmuseum Bad Mergentheim, zu Nutze gemacht. Er hat den altertümlichen Kopf nach Neckarsulm gebracht. Der aus dem Taubertal (Norden Baden-Württembergs) stammende Schädel ist etwas ganz Besonderes, er weist eine Narbe einer Operation an der Oberseite des Kopfes auf, eine sogenannte Trepanation. Sie zeigt, dass diesem etwa 40 Jahre alten und 1,70 Meter großen Menschen bereits vor mehr als 4.500 Jahren der Schädel geöffnet wurde. Die Struktur des Knochens zeigt, dass er dies überlebte.

Dziallas und Acar analysieren die 3D-Bilder zusammen.

 

Als Operationsbesteck wurden Feuersteine verwendet, die zu Klingen oder Schabern geformt wurden. „Die genaue Platzierung des Eingriffes an einer medizinisch bedeutsamen Stelle, der Sagittallinie, zeugt vom Wissensschatz und handwerklichen Können der steinzeitlichen Operateure“, beschreibt Gernot-Uwe Dziallas die Operationsmethodik der damaligen Chirurgen.

Zusammen mit Acar analysiert Dziallas nach und nach alle gemessenen Bilder. Die Messdaten sind 33 Gigabyte groß. Zum Vergleich: Ein Foto eines Smartphones hat mit drei Megabyte etwa ein Zehntausendstel dieser Datenmenge. Und auch wenn es für Acar um ein fachfremdes Objekt geht, ist für ihn am Ende der Messung klar: „Es ist für uns Aufgabe und Ehre zugleich, dass unsere Arbeit auch in anderen Bereichen nützlich sein kann.“

Artikel kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

mj

23. January 2016 um 9:18
einfach grossartig!