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Spürnase statt Blindenstock

Sich blind auskennen – Marie-Theres Schenk kann das von sich behaupten. Die Audi-Mitarbeiterin ist von Geburt an stark sehbehindert und bekommt deshalb Unterstützung von Blindenhund Paula, dem einzigen Hund auf dem Werksgelände.

 Ein Team: Marie-Theres Schenk mit Blindenhund Paula
Ein Team: Marie-Theres Schenk mit Blindenhund Paula
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„Der ist ja süß! Darf ich den streicheln?“, fragt eine Kollegin, als sie Marie-Theres Schenk mit Hündin Paula über das Audi-Werksgelände in Ingolstadt laufen sieht. Eigentlich darf sie nicht, denn Paula ist von Beruf Blindenhund und gerade im Dienst. Streicheln ist da strengstens verboten. Aber Frauchen Marie-Theres sagt trotzdem ja, denn sie freut sich über das Interesse der Kollegin. Geduldig wartet sie, fest in der Hand das weiße Führgeschirr und die Leine des zweijährigen Australian Shephard.

Paula ist ja auch zum Knuddeln – vor allem, wenn sie wild wedelnd und mit leuchtenden hellblauen Augen auf einen zustürmt. Für Marie-Theres Schenk ist die hübsche Hündin mit dem gescheckten, weichen Langhaarfell aber viel mehr: „Paula ist für mich jeden Tag eine riesige Entlastung“, beschreibt die Ingolstädterin die Hilfe ihres Blindenhunds.

Aufgrund einer angeborenen starken Sehbehinderung darf Schenk seit März ihren Blindenhund zur Arbeit mitnehmen – und damit ist Paula der einzige Hund auf dem Werksgelände. Die 23-Jährige ist eine von derzeit 1.886 schwerbehinderten Mitarbeitern bei Audi – das entspricht sechs Prozent der Belegschaft. Hinzu kommen zwölf Auszubildende mit Einschränkungen, denen bei erfolgreichem Abschluss, wie jedem anderen Azubi-Kollegen auch, die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis garantiert ist.

Eine von diesen Auszubildenden war auch Marie-Theres Schenk: Im September 2008 begann sie bei Audi ihre Ausbildung zur Bürokauffrau. Ihr Vater arbeitet in der Lackiererei und hatte sie dazu ermuntert. „Aufgrund meiner Seheinschränkung war es natürlich nicht immer leicht. Viele dachten zum Beispiel, ich könne nicht lesen“, erinnert sie sich. Ein Irrtum, denn Schenk kann trotz ihres erkrankten Sehnervs ein wenig erkennen, wenn auch nur sehr verkleinert.

Spürnase statt Blindenstock

Dank Bildschirmlupe ist alles erkennbar

Mittlerweile ist die Ingolstädterin bei Audi fest angestellt und kümmert sich um die Bestellung von Fachliteratur für ihre Kollegen aus der Technischen Entwicklung. Bei der Arbeit helfen ihr eine Bildschirmlupe am Computer und eine Dokumentenkamera zum Scannen von Unterlagen.

Paula liegt während des Arbeitstages unter dem Schreibtisch, den Kopf auf Schenks Füßen, immer in ihrer Nähe, und döst. Im Büro kennt ihr Frauchen jeden Winkel, jede Ablage haargenau – außerhalb braucht sie Paulas Unterstützung.

Das ist jetzt der Fall: „Los geht’s“, ruft Maria-Theres Schenk und Paula folgt. Mit einem sicheren Griff zieht sie der Hündin das Führgeschirr über den Kopf, der Schnappverschluss an der Seite arretiert klickend und Schenk nimmt den starren Griff in die Hand. Zügig zieht Paula ihr Frauchen durch den Gang zum Aufzug, der nach unten führt. „Sie kann sich unglaublich schnell Wege einprägen“, lobt die junge Frau die Hündin. Bei Seitenhindernissen warnt Paula ihr Frauchen – sie sieht einfach mehr. „Such Zebra“, fordert Marie-Theres Schenk und Paula zieht zum Zebrastreifen vor Tor 9.

Das Training für Hund und Frauchen geht jeden Tag weiter, weil Maria-Theres Schenk und Paula noch viel zusammen üben müssen. Nicht alles klappt bisher immer einwandfrei, häufig lässt sich Paula zu schnell von ihrer Umgebung ablenken. Trotzdem ist Schenk froh, sich nicht mehr auf den Blindenstock verlassen zu müssen: „Mit Paula bin ich flexibler und sicherer unterwegs.“

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