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Unterwegs zum Union Lido

Der Union Lido war einst Zeltlager für Mitarbeiter der NSU Motorenwerke und ist heute Italiens größter Campingplatz. Wie reiste man in den 60ern nach Italien? Ralph Plagmann und Marko Belser gingen im NSU TT auf Spurensuche.

 Ralph Plagmann und der NSU TT
Ralph Plagmann und der NSU TT
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Manchmal erscheint die Wirklichkeit zu klischeehaft, um wahr zu sein. Auf den letzten Metern in Österreich tropfte noch Regen aus dunklen Wolken. Doch kaum ist der NSU TT über den Brenner gefahren, bricht der Himmel auf: azurblau statt wolkengrau. Kaum sind wir in Italien, lacht uns die Sonne ins Gesicht. O sole mio in Bella Italia.

Los ging die Fahrt vor wenigen Stunden bei trüben 14 Grad in Neckarsulm. Vor dem Werktor ein cremefarbener NSU TT, Baujahr 1967. Ralph Plagmann dreht mehrere Runden um das Auto, schaut sich alles ganz genau an. „Da werden Erinnerungen wach“, sagt der 65-jährige Audi-Mitarbeiter, der nächstes Jahr in Rente geht. Als Student ist er TT gefahren. „Das war schon etwas Besonderes“, erinnert er sich. „Der Wagen hat so manche Blicke auf sich gezogen.“ Als er den NSU TT startet, wird auch klar, warum. Der Heckmotor klingt viel lauter, als 1.200 Kubikzentimeter und 65 PS vermuten lassen. „Hört sich gut an“, freut sich Plagmann, „so sonor.“

Mit Ralph Plagmann am Steuer und dem Reporter auf dem Beifahrersitz geht es Richtung Süden. Ziel: der Union Lido. 1955 als Zeltlager für NSU-Mitarbeiter am Strand von Cavallino bei Venedig gegründet und heute der größte Campingplatz Italiens.

Diese Fahrt ist ein Ausflug in die Vergangenheit: Mit dem alten NSU auf der alten Strecke – so wie Millionen Deutsche in den 1950ern und 60ern nach Italien gefahren sind, bevor die Brennerautobahn 1974 fertiggestellt wurde. Und es ist eine Fahrt in eine Zeit der vom Wirtschaftswunder angetriebenen Reiselust, die sich auch im Erfolg der Marke NSU spiegelt: 1958 startete die Produktionen von Autos, 1959 waren es schon 33.376 Fahrzeuge und 1969 – im Jahr der Fusion mit Audi – rollten 143.936 Modelle vom Band. Entsprechend rasant wuchs die Belegschaft auf mehr als 11.000 Mitarbeiter.

'O Sole Mio

Auf dem Domplatz wirkt der TT gar nicht mehr so historisch

Für diese Spurensuche im TT ist Ralph Plagmann genau der richtige Mann. Er kümmert sich für die Audi Tradition um das Archiv in Neckarsulm, was ihn zum wandelnden NSU-Lexikon macht. Gleichzeitig ist er Zeitzeuge, da er selbst schon mit seinen Eltern zum Union Lido reiste – vor 50 Jahren zum ersten Mal. Damals noch im NSU Prinz 4, später im NSU 1000 und Ro 80. Als Leiter der Rechtsabteilung bekam sein Vater immer das neueste Modell als Dienstwagen. Später kam Ralph Plagmann mit den eigenen zwei Kindern, etwa zwanzig Mal war er auf dem Union Lido.

Er kennt also den Weg. Bis Ulm fahren wir auf der Autobahn. Doch dann geht es auf die Landstraße. „Die A7 gab es damals noch nicht“, sagt Plagmann. Die Wiesen ziehen sich im Allgäu sattgrün die Hügel hoch.  Über den Fernpass steuern wir Österreich an, vorbei an der wolkenverhangenen Zugspitze. Nach knapp sechs Stunden die erste Rast: in Innsbruck in einem Café auf dem Platz vor dem „Goldenen Dachl“, dem Wahrzeichen der Stadt. Hier hat Plagmann senior immer einen Kaffee getrunken. „Gegessen haben wir nichts, wir hatten ja belegte Brote dabei.“

Wir biegen auf die Brennerstraße ab. Eine Strecke voller Kurven, immer bergauf – sehr zur Freude von Plagmann und vom NSU TT. In der Stadt bei unter 2.000 Umdrehungen fängt der TT manchmal an zu tuckern, er braucht Drehzahl und die bekommt er jetzt. Seine Reifen quietschen vergnügt und der Motor brummt gefällig. „Das hat er gern“, sagt Plagmann. Vorbei an den Pfählen der Autobahn, die sich neben uns in den bedeckten Himmel türmen, schiebt sich der TT unaufhaltsam die Berge hoch. Durch den kurzen Radstand liegt er phänomenal in der Kurve. 65 PS können richtig Spaß machen.

Schon passieren wir das alte Grenzhäuschen. Heute werden hier Outdoorklamotten angeboten, genauso wie im Outlet-Center direkt gegenüber auf der italienischen Seite der Grenze. „Furchtbar, wie hier alles verhunzt ist“, klagt Plagmann. Früher reihten sich auf dem Brenner lauter kleine Läden aneinander. Sein Vater kaufte zuallererst Zigaretten, deutlich günstiger als in Deutschland. Für die Kinder gab es Pfirsiche. „Die schmeckten so saftig, viel leckerer als zu Hause.“ An der Passstraße steht ein älterer Zollbeamter in Uniform. Er winkt uns heran. Grenzkontrolle? Die gibt es hier doch schon lange nicht mehr. Plagmann kurbelt die Scheibe runter. „NSUe Prinze, che bella macchina“, ruft der Zöllner und fotografiert mit seinem Smartphone.

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Ralph Plagmann im NSU TT

Und dann geht es abwärts, der Sonne und Südtirol entgegen. Auf der Landstraße im Tal schnurrt der TT wie ein großer Kater, bei 4.000 Umdrehungen und 100 Stundenkilometern fühlt er sich am wohlsten. Apfelplantagen und Weinberge huschen an den Scheiben vorbei. Wir nähern uns Trento, wo die Plagmanns immer ihre zweite Rast machten. Der Senior trank Espresso für den Endspurt zum Union Lido. Immer im selben Café am Domplatz.

Seit 30 Jahren betreiben Anneliese Nett aus Köln und ihr Mann Amadeo Gaudio das Café. Seither heißt es Italia. Frau Nett hat viele deutsche Touristen kommen und gehen sehen. Wie erklärt sie sich die ungebrochene Sehnsucht, die Italien bei ihren Landsleuten weckt? „Das Wetter, das Essen und die Lockerheit der Italiener“, sagt die 64-Jährige. „Der Italiener lebt heute, nicht morgen. Das habe ich auch nach 30 Jahren noch nicht gelernt.“ Doch die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit. „Die Deutschen sind die besten Gäste“, sagt ihr Mann. „Sie sind höflich, freundlich und interessiert, versuchen immer etwas auf Italienisch zu sagen.“ Da muss Ralph Plagmann lachen. Er erinnert sich an so manches Missverständnis. Als beispielsweise ein Glas heißes Wasser ohne Teebeutel vor ihnen stand. Sein Vater hatte „acqua calda“ bestellt, nur „calda“ ist eben das Gegenteil von kalt.

Auf zur letzten Etappe Richtung Treviso, die Strecke führt über kleine Dörfer und im Rückspiegel werden die Berge immer kleiner. Ab Jesolo geht es dann nur noch die Lagune von Venedig entlang. Nach etwas mehr als zwölf Stunden Fahrt haben wir es geschafft, der NSU TT biegt auf den Union Lido ab. Gerade noch rechtzeitig, denn um 22 Uhr werden hier die Schotten dicht gemacht. „In Sachen Sauberkeit und Ruhezeit herrscht hier preußische Ordnung“, sagt Plagmann und schmunzelt. „Das war damals so und ist heute so .“

Ansonsten hat sich in den letzten 50 Jahren fast alles geändert. Alles ist größer, moderner, luxuriöser. Die Wege sind gepflastert, die Bungalows haben Toiletten und eine 6.000 Quadratmeter große Poollandschaft gibt es inzwischen auch. Doch dann fällt Ralph Plagmann etwas auf, das seit 50 Jahren unverändert blieb: „Der Wasserturm!“ Gut, früher wurde er nachts nicht blau, rot, grün angeleuchtet. Aber es ist derselbe. Einen Wasserspeicher können sie hier gut gebrauchen – in Italien regnet es ja nie. Uns begegnet der Regen jedenfalls erst wieder auf der Rückfahrt – in Österreich.

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