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Zwischen Genie und Wahnsinn

Er erkennt manchmal seine eigene Frau nicht und kann dafür ohne Navigationsgerät von Ingolstadt nach Indien fahren: Peter Schmidt ist Autist und erzählt beim Audi.torium auf amüsante Weise von seinem Leben mit dem Asperger-Syndrom.

 Moderatorin Janine Bentz-Hölzl mit Peter Schmidt und Lydia Benecke
Moderatorin Janine Bentz-Hölzl mit Peter Schmidt und Lydia Benecke
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Peter Schmidt ist 41 als bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert wird, eine Form des Autismus. Damit hat der promovierte Geophysiker endlich den Schlüssel zu seiner wie er es nennt „anderen Form des Seins“ in der Hand. Dass er nicht wie die meisten anderen Menschen ist, das war dem heute 48-Jährigen bereits länger klar.

Schon als Kind war er anders: Mit neun hat er mit dem Fahrrad sämtliche Straßen des Landkreises erkundet und auswendig gelernt. „Ich konnte die Wurzel ziehen, bevor ich selbst die Schuhe zubinden konnte“, beschreibt Schmidt seine besonderen Fähigkeiten. Non-verbale Kommunikation und eine übertragene Bildsprache hingegen versteht er nicht: Den Rat seiner Mutter, sich in der Schule durchzubeißen, nimmt er wörtlich – und war damit bei seinen Mitschülern als Vampir verschrien.

Audi.torium

Am Dienstag ging es beim Audi.torium im Audi Forum Ingolstadt um Grenzbereiche der menschlichen Psyche

Im Audi.torium „In der Neuro-Zone – Grenzbereiche der menschlichen Psyche“ ging es am Dienstagabend im Audi Forum in Ingolstadt um den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Neben Schmidt diskutierte Moderatorin Janine Bentz-Hölzl mit der Psychologin, Psychopathologin und Forensikerin Lydia Benecke über die verschiedenen Facetten des menschlichen Seins.

Benecke arbeitet seit 2008 mit Patienten, die an unterschiedlichen psychischen Krankheiten leiden, unter anderem mit Psychopaten. Genau wie Autisten fehle ihnen die Fähigkeit zur Empathie, sie seien dafür oft sehr selbstsicher und auf den ersten Blick kaum als Psychopaten zu erkennen. Benecke stellt die These auf: Wir wandern alle ständig auf einem schmalen Grat zwischen rationalem Handeln und emotionalen Ausbrüchen.

Emotionale Ausbrüche kommen bei Peter Schmidt eher selten vor – und wenn dann an Stellen, wo es für seine Umwelt weniger nachvollziehbar ist. „Ein Kaktus zum Valentinstag – Ein Autist und die Liebe“ heißt deshalb beispielsweise sein erstes Buch, in dem er sein Liebesleben aus einer genauso amüsanten Perspektive beleuchtet, wie er es auf der Bühne in Ingolstadt getan hat.

Audi.torium

Peter Schmidt hat bereits zwei Bücher über sein Leben als Autist veröffentlicht

Für das erfolgreiche Flirten hat der 48-Jährige sich in seiner Studentenzeit Checklisten angelegt und Liebesfilme analysiert – die Kontaktdaten seiner heutigen Frau hat ihm trotzdem seine damalige Vermieterin organisieren müssen. Trotz seiner Unfähigkeit zwischenmenschliche Kommunikation richtig wahrzunehmen, konnte er sie für sich gewinnen, ist heute verheiratet und hat zwei Kinder.

Und die erleben mit ihrem Vater auch so einige spezielle Situationen. So kann es schon mal passieren, dass Schmidt auf der Fahrt in den Urlaub über 18 Stunden lang mitten in der spanischen Wüste anhält, um auf das Ende der Regenphase zu warten. Seine Fähigkeiten als „lebendes GPS“ nutzt der Geophysiker umfangreich für sein wichtigstes Hobby, das Reisen. Mittlerweile hat er schon 108 Länder bereist – und noch ist lange nicht Schluss.

Das Audi.torium „In der Neuro-Zone – Grenzbereiche der menschlichen Psyche“ findet heute Abend ab 19.30 Uhr im Audi Forum Neckarsulm statt. Reservierungen sind unter (07132) 31-70110 möglich.

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